Flüchtling Khaled A. übers Ankommen

„Es ist vollkommen willkürlich“

Khaled A. floh aus Syrien, als eine Bombe neben ihm explodierte. Er spricht über Privatsphäre in der Hamburger Messe, Warten und die Angst nach den Anschlägen.

Wohnt zurzeit mit 1.000 anderen Flüchtlingen in den Hamburger Messehallen: Khaled A. aus Syrien.

taz: Herr A., Sie wohnen gemeinsam mit 1.000 Menschen in einer großen Halle der Hamburg Messe. Wie ist die Lage drinnen?

Kaled A.: Es ist okay, es gibt nur ein großes Problem: die Behörde.

Was ist das Problem?

Mitarbeiter kommen unangemeldet vorbei, um die Asylanträge zu bearbeiten. Wenn man dann nicht da ist, ist das schlecht. Es gibt Leute, die seit 30 oder 40 Tagen in Hamburg sind und nicht wissen, ob sie in ein anderes Bundesland kommen oder in eine andere Unterkunft in Hamburg oder wann sie ihren Gerichtstermin für die erste Anhörung haben. Andere sind nicht mal einen Monat hier und haben schon ihren Gerichtstermin. Es ist vollkommen willkürlich.

33, kommt aus Syrien und ist seit Ende Juli wieder in Deutschland. Zurzeit wohnt er in den Hamburger Messehallen. Er will sein abgebrochenes Pharmazie-Studium wieder aufnehmen.

Was machen die Menschen den ganzen Tag?

Es gibt Anwohner, die Sport- und Freizeitaktivitäten mit uns organisieren. Aber sonst: rumsitzen. Handy und so. Die Leute sprechen ja kein Deutsch, sie sind schüchtern und viele trauen sich nicht allein nach draußen.

Wie eng ist es in der Halle?

Man versucht, uns Privatsphäre zu geben. Es gibt Unterteilungen für 25 Leute in einer Kabine. Frauen und Männer sind getrennt, Familien zusammen. Zwischen zwei Feldbetten ist jeweils ein Meter Abstand. Drei Mal am Tag gibt es Essen.

Was bekommen Sie?

Zum Frühstück gibt es Toast mit Käse, Aufschnitt, Honig. Abends Fladenbrot, Salat und Aufschnitt. Mittags gibt es warmes Essen, deutsche Küche. Hähnchen oder Gulasch zum Beispiel, es gibt immer auch eine vegetarische Option.

Wird man satt?

Manche Leute nicht. Die Essgewohnheiten sind halt anders. Ich esse meistens außerhalb, weil mir die Essenszeiten viel zu früh sind. Bei uns in Syrien isst man erst um 14 Uhr Mittag. Hier ist es um 14 Uhr schon vorbei. Abendbrot ist hier von 17.30 Uhr bis 19.30 Uhr, das ist sehr früh für mich.

Und wenn man eine Mahlzeit verpasst?

Hat man Pech.

Bekommen Sie Geld?

Taschengeld gibt es erst, wenn man einen Gerichtstermin hat. Viele bekommen also noch nichts. Man ist ja versorgt. Aber wenn man zum Beispiel raucht, hat man Pech.

Wie sind die hygienischen Zustände?

Es wird regelmäßig sauber gemacht, aber die Toiletten sind halt Dixies. Es gibt Astronautenduschen, also kleine, mobile Duschen. Manchmal gibt es kein warmes Wasser, dann muss man kurz warten. Man kriegt ein Hygienepaket, da sind Seife, Shampoo, Rasierer und Handtücher drin. Seit die Anwohner uns versorgen, haben wir auch Deodorant und so. Wir haben jetzt WLAN, aber es ist ständig überlastet. Aber für Whatsapp reicht es.

Wie ist die medizinische Versorgung?

Es gibt jetzt ein Zelt für medizinische Untersuchungen. Da bekommt man die Impfungen gegen Tetanus und eine andere, ich weiß nicht welche. Es gibt einen Arzt, der fast immer da ist, und Dolmetscher für arabisch und afghanisch. Die Dolmetscher sind andere Flüchtlinge, Sozialarbeiter oder Freiwillige. Viele Medikamente sind gespendet. Es kann passieren, dass das, was du brauchst, gerade nicht vorhanden ist.

Wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Im Dezember 2000 als Student. Ich wollte hier Pharmazie studieren, das war ein Traum von mir. Ich habe in Essen angefangen, Deutsch zu lernen, habe mich beworben und einen Studienplatz in Münster bekommen. Ein Cousin von mir, der in Deutschland als Arzt arbeitet, hat mein Studium finanziert.

Aber Sie mussten abbrechen?

Ja, mir fehlten nur noch zwei Scheine bis zum ersten Staatsexamen. Aber ich hatte Schwierigkeiten damit, Latein zu lernen. Und ich wusste nicht, dass man seinen Aufenthalt verliert, wenn man über die Regelstudienzeit kommt. Wenn man als Ausländer mehr als drei Semester überzieht, muss man ausreisen oder wird abgeschoben.

Sie sind ausgereist?

Ja, ich bin nach Katar gegangen, weil ich nicht zum Wehrdienst in Syrien eingezogen werden wollte. 2011 lebte ich lange genug im Ausland, sodass ich keinen Wehrdienst mehr leisten musste und darum bin ich dann zurück nach Syrien. Da hatte die Krise schon angefangen, aber ich dachte nicht, dass es so schlimm wird.

Wie schlimm war es?

Damals ging es noch. Ich war in Damaskus. Die Anschläge waren klein, es sind Leute gestorben, aber nicht so viele wie jetzt. 2012 wurde es richtig schlimm. Nach 17 Uhr konnte man das Haus nicht mehr verlassen. Sonst riskierte man, wegen seiner politischen Meinung verhaftet zu werden. Oder wegen Lösegeld entführt oder einfach so getötet zu werden. Als eine Autobombe 100 Meter von mir entfernt explodiert ist, habe ich entschieden, zu fliehen. Mir hat es gereicht. Syrien ist zwar mein Land, aber ich will nicht sterben, weil irgendwelche Leute sich bekämpfen. Wenn es keinen sicheren Platz gibt, hat man seine Würde und sein Menschenrecht verloren.

Wohin sind Sie gegangen?

In die Türkei.

Wie?

Normal. Also geflogen. In Istanbul habe ich zwei Jahre auf dem großen Basar gearbeitet. Illegal, also ohne Versicherung. Als Migrant wird man ausgenutzt, wird schlecht bezahlt, hat Zwölf-Stunden-Schichten und nur eine Pause am Tag. Ich habe versucht, legal nach Deutschland zu kommen, aber es war unmöglich.

Wie haben Sie es geschafft?

Ich bin mit einem Schlauchboot auf die griechische Insel Kos gefahren. 14 Tage später sind wir mit dem Schiff nach Athen und dann mit dem Bus zur mazedonischen Grenze. Die haben wir zu Fuß überquert, bis zu dem Punkt, an dem uns das Militär aufgegriffen hat. In kleinen Gruppen sind wir mit dem Zug zur serbischen Grenze gebracht worden. Da hat man uns gezeigt, wo wir hin laufen müssen, um mit dem Bus nach Belgrad zu fahren.

Und wie ging es weiter?

Dort musste ich die Polizei mehrmals bestechen, damit sie uns nicht abschieben. 300 Euro hat das gekostet. Dann sind wir mit einem Schleuser von Belgrad nach Passau, dafür habe ich 1.600 Euro bezahlt. Wir waren 30 Leute in einem Lieferwagen. Es war dunkel, man hat nichts gesehen, sieben Stunden lang, wir wussten nicht, wo der uns hinbringt. An der Grenze hat uns die deutsche Polizei abgefangen.

Was fühlen Sie, wenn Sie sehen, wie in Heidenau, Freital oder Salzhemmendorf Rechtsradikale Flüchtlingsunterkünfte attackieren?

Das sind halt Nachrichten. Es gibt gute und schlechte Menschen. Die guten Taten überwiegen immer über die schlechten. Aber ich habe schon ein bisschen Angst. Vielen Flüchtlingen fällt es schwer, zuzugeben, dass sie traumatisiert sind. Aber die meisten sind es. Wenn dann etwas passiert wie in Heidenau, sieht man, dass sie Angst haben. Ich bin froh, dass ich hier bin – es war ein Traum von mir, in Hamburg zu leben. Und ich wollte in St. Pauli sein. Ich wusste, hier sind die Menschen solidarisch und hilfsbereit.

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