Film von Štěpán Altrichter: Faustphilosophische Sätze

Der Film „Nationalstraße“ erzählt von einem tschechischen Wendeverlierer. Eine Geschichte über die Unsitte, sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen.

Glatzköpfiger Mann hinter Autoscheibe

Vandam (Hynek Čermák) war früher Polizist. Den Job verlor er aufgrund von Drogenmissbrauch Foto: Jan Hromadko

Er schafft 200 Liegestütze am Stück, das soll ihm erst mal einer nachmachen. Nur Jean-Claude Van Damme kann das, in „Bloodsport“, einem Kampfsportfilm aus dem Jahr 1988.

Und genau dort, irgendwo Ende der 80er, beim Bewundern und Nacheifern seines filmischen Vorbilds, ist das Leben von Vandam (Hynek Čermák) stehengeblieben. Seitdem geht es für den knapp 50-jährigen Dachlackierer, der seine Nachmittage biertrinkend in der Prager Vorstadtwohnung und die Abende weitertrinkend in der Stammkneipe verbringt, nicht mehr weiter.

„Nationalstraße“. Regie: Štěpán Altrichter. Mit Hynek Čermák, Kateřina Janečková u. a. Deutschland/Tschechien 2019, 91 Min.

Zwar ist Vandam der König seines Stammtischs aus krakeelenden und freundlichen Säufern – man feiert ihn, weil er damals, Ende der 80er, angeblich die „samtene Revolution“ in Prag losgetreten hat. „Aber jetzt haben wir den Salat“, lässt Regisseur Štěpán Altrichter seinen Antihelden in die Kamera sprechen.

Veränderte Romanadaption

Das alles, die Demos, der Aufruhr, die Zeiten- und Systemwende, passierten auch auf der Prager „Nationalstraße“, dem Symbol für die Gegend, in die Vandam nur fährt, wenn er einem Vorstadtkiez-Gentrifizierer den Garaus machen will. So heißen darum der Film und seine literarische Vorlage von Jaroslav Rudiš.

Altrichter hat gegenüber dem Buch einiges geändert – in seiner Adaption steckt Humor, gar eine widerborstige Poesie, die etwa aufflackert, wenn sein glatzköpfiger Protagonist, dem die Bierkalorien langsam, aber sicher die Actionheldfigur verhageln, über „all die verlorenen Schlachten“ spricht, während Irma Thomas’ süße Soulstimme im Hintergrund „Any­one who knows what love is (will understand)“ schmelzt.

Vandams Brutalität, seine Gewaltanwendung spielt Altrichter glücklicherweise oft über Bande – sie wird im Bild selten perfomativ eingesetzt. Meist erzählt Vandam nur davon, oder man sieht die Folgen: Blutige Knöchel bei Vandam, kaputtes Gesicht beim Gegner.

Unaufdringliche Darstellung einer Sucht

Den trotzigen, faustphilosophischen Sätzen, die der Mann raushaut, hört man den Romanhintergrund jedoch an: „Frieden ist nur eine Pause zwischen zwei Kriegen“ etwa, oder, über seine viel genutzten Fäuste: „Mit der rechten teilst du Wahrheit aus, mit der linken Liebe.“ Oberflächlich betrachtet könnte „Nationalstraße“ das renitent-sozialromantische Porträt eines Abgehängten sein, mit weniger Emotion und Menschlichkeit, als Mike Leigh oder Ken Loach es komponieren würden, aber teils in ähnlichen Umgebungen.

Die große Stärke des Films ist jedoch die unaufdringliche Darstellung einer Sucht. In den späten 80ern, als Vandam noch jemand war (ein Polizist sogar), jemanden hatte (es gab einst eine Beziehung, ein Kind), noch träumte, schlich sich, so wird behutsam über Andeutungen klar, auch der Drogenmissbrauch ein. Koks, infolgedessen die Gewalt, infolgedessen der Jobverlust, infolgedessen der Beziehungsverlust, und so weiter, Bierchen für Bierchen. Und auch jetzt, ohne Koks, ist etwas irreparabel kaputt.

Altrichter zeigt einen Mann, der sich tief in die Rituale und Kanons seiner Vergangenheit eingebuddelt hat. Der verlernt hat, wie man liebt und es angemessen zeigt (mit der Kneipenbesitzerin, der Vandam helfen will, läuft es nicht wie erhofft), der sich in männlichem Selbstmitleid suhlt, anstatt sich zu verändern, dessen angebliche Regeln, Moralbekundungen und Sprüche über die Ähnlichkeit mit den „Kriegern der Schlacht am Teutoburger Wald“ einfach nur hohl klingen. Denn mit der Sucht, so wissen es Betroffene und Co-Abhängige, bleibt bei den meisten Menschen die Entwicklung stehen.

„Nationalstraße“ ist somit eine Geschichte über verlorene Hoffnungen – aber auch über die Unsitte, sich selbst aus der Verantwortung zu nehmen, über Dummschwätzerei. Das Wildschwein, das zuweilen Vandams Weg kreuzt und das er und die Kumpels wie eine Horde Vandalen jagen, ist also nicht nur ein Symbol für Freiheit. Sondern für den inneren Schweinehund. Den zu überwinden mehr Mut erfordert, als jemandem die Fresse zu polieren.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de