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Film „Allegro Pastell“ auf der BerlinaleIm Zweifel für die Emotion

Der Spielfilm „Allegro Pastell“ von Anna Roller nach dem gleichnamigen Roman von Leif Randt erzählt vom Lebensgefühl der Millennials.

Jerome (Jannis Niewöhner) und Tanja (Sylvaine Faligant) in „Allegro Pastell“ Foto: Felix Pflieger

Einige, die sich mit Anfang/Mitte dreißig dem Erwachsenensein noch hartnäckig widersetzen, weiter ausgehen, lange studieren oder „kreativ“ tätig sind, spüren, wie die Leichtigkeit sich zu verflüchtigen beginnt. Beziehungen verändern sich. Freunde heiraten, Kinder kommen zur Welt, manche verlassen die große Stadt schon wieder. Das Ende der Jugend, es ereilt allem melancholischen Gefühl zum Trotz auch diejenigen, die es so lange wie möglich suchten herauszuzögern.

So ist es auch bei Tanja Arnheim (Sylvaine Faligant) und Jerome Daimler (Jannis Niewöhner), die sich im Spielfilm „Allegro Pastell“ der Münchner Regisseurin Anna Roller als Liebespaar umkreisen. Sie sind Mitte dreißig, mal begegnen sie sich eng umschlungen. Und dann wieder aus räumlicher Distanz. Die per Voiceover eingesprochenen digital ausgetauschten Konversationen sind ein Stilmittel des Films. Die Dialoge verschaffen Rollers Inszenierung dadurch auch eine charmant-realitätsnahe Kommentierung, eine situativ nachvollziehbare Beiläufigkeit und Alltagsfrische.

Er, Jerome, ist ein freiberuflicher Webdesigner, pendelnd zwischen Maintal und Berlin. Sie eine aufstrebende deutsch-französische Schriftstellerin, die in Berlin-Kreuzberg lebt.

„Allegro Pastell“:

17.2. FaF, 21.45 Uhr

21.2. HdBF, 9.30 Uhr

Man sieht sie bei Szenen einer Lesung. Offenbar gilt sie bei ihrer Alltagskohorte als cool und angesagt. Dabei ist sie im wirklichen Leben kein bisschen abgehoben, eher unprätentiös, intelligent, humorvoll und hinterfragend. Stimme, Ausdruck und Spiel der Schauspielerin Sylvaine Faligant sind absolut umwerfend. Faszinierend, wie sie die Rolle der Schriftstellerin Tanja Arnheim, deren Emotionen, Selbstzweifel und Stimmungen interpretiert.

Der Star ist Tanja

Aber auch Jannis Niewöhner, der den ein wenig spießigen Jerome Daimler verkörpert, fällt gegenüber Faligant nicht ab. Er spielt die Rolle des smarten, nicht allzu mutigen und leicht selbstbezüglichen jungen Mannes ebenfalls sehr überzeugend. Jerome weiß, der Star ist Tanja, nicht er. Und so beginnt er die französisch-Kreuzberger Herausforderung mit dem seines gesetzten Maintaler Mittelstands, der Frankfurter Vorstadt mit dem elterlichen Reihenhaus-Erbe, sorgsam abzuwägen.

Niewöhner und Faligant ergänzen sich in der Darstellung der unterschiedlichen Charaktere geradezu ideal. In den Worten Rollers ausgedrückt: „Das Engagement und die Spielfreude von Jannis und Sylvaine waren ein Geschenk für mich.“

Eine große Stärke von Anna Rollers Regie liegt zweifellos darin, dass sie der Versuchung widerstanden hat, ihre Figuren ironisch oder moralisch bewertend zu überfrachten. Vieles passiert subtil und in angenehmer Lakonie, erzählt sich über die geschaffenen Szenen, Atmosphären, Sound und Bilder (Kamera: Felix Pflieger). Es muss nicht immer alles ausbuchstabiert werden.

Die euphorische Silvesterparty am Kotti geht nahtlos in die Perspektive von der Stadt im Müll über. Und nach einer Liebesszene schmiegen sich Jerome und Tanja aneinander. Sie fragt ihn, ob er schon einmal etwas so Schönes erlebt hat. Seine Antwort zeigt, dass er ziemlich anders als sie fühlt. Und das wohl nicht nur beim Verschwimmen der Grenzen bei der Ausgestaltung privater und beruflicher digitaler Auftritte.

Abschied von ihrer Jugend

Rollers Spielfilm „Allegro Pastell“ folgt als Adaption dem gleichnamigen Roman des Schriftstellers Leif Randt. Sein Liebesroman, im März 2020 erschienen, galt Kritikern als der literarische Ausdruck der Generation der Millennials. Randt hat nun auch das Drehbuch für den Spielfilm verfasst. „Dass sich einige über die filmische Interpretation wundern werden“, hält Randt im Interview für absehbar. Was ihn aber nicht weiter stört.

„Als ziemlich erdend und angenehm“, empfand Randt hingegen die Erfahrung, als Drehbuchautor Teil eines Teams gewesen zu sein. „Abwechselnd in diesen beiden Welten zu arbeiten, also in Literatur und Film, ist gerade meine Idealvorstellung.“

„Allegro Pastell“ ist von Sound und Style her ganz dem Zeitkolorit von 2018/19 verbunden. Die um die Dreißigjährigen erleben den Abschied von ihrer Jugend, ihre privaten Umbrüche noch in einer Phase vor der Coronapandemie, vor Trump II oder Weltkriegsszenarien wie Russlands Überfall auf die Ukraine 2022.

Die großen Themen von „Allegro Pastell“ sind emotionale Achtsamkeit, ein liebevoller Umgang ohne dauerndes „Judgen“ oder das berüchtigte „Mansplaining“. Über Arbeit spricht man nicht, man macht sie (hat Geld oder eben nicht).

Gefühle stehen im Mittelpunkt. Die Suche nach dem persönlichen Glück durch Freundschaften und Beziehungen. Tanja flaniert mit ihrer Freundin über das Tempelhofer Feld und entschuldigt sich, Sex mit deren Freund ausprobiert zu haben. Am Wochenende werfen sie zu Trance- und Elektromusik Pillen ein, aber eben nicht dauernd und nicht zu viel. Der Hund ihrer Schwester heißt Bernie Sanders.

Alle sind irgendwie cute und nice zueinander. Und haben trotzdem einen Sack emotionaler und existenzieller Probleme. Die Schwester ist selbstmordgefährdet, die Eltern wollen sich trennen. Doch wie drückt es Tanja angelehnt an die Freundin im Park verkatert aus: „Ab 30 nur noch apokalyptische Hangover – ich freue mich auf alles, was kommt.“

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