Feridun Zaimoglus über Luther-Roman

„Er begriff, man braucht das Rabiate“

500 Jahre Reformation – im Buch „Evangelio“ beschreibt der Autor die Ruppigkeit der Luther'schen Sprache. Und den Wunsch, Martin zu einer Konsensfigur zu machen.

An einer Wand hängt ein Gemälde von Martin Luther

Der junge Martin Luther, damals noch Mönch Foto: dpa

taz: Herr Zaimoglu, ist es klug oder eher unschlau, im Lutherjahr einen Lutherroman zu schreiben?

Feridun Zaimoglu: Ich wusste erst mal nichts vom Jubiläumsjahr, da kann man sehen, aus was für einem verschlafenen Winkel ich komme …

vielleicht wusste ja Ihr Verlag davon …

… die haben mich darüber aufgeklärt. Fast hätte mir mein Lektor auf die Stirn geklatscht, als ihm dämmerte, dass das kein genialer Schachzug von mir ist.

Ein Leser schrieb, durch „Evangelio“ müsse man sich beißen wie durch einen halbjahrtausendalten Brotkanten. Ich vermute, Ihr Luther sollte kein Weißbrot werden.

Ja, natürlich kein Weißbrot. Wobei, wenn man im Bild bleibt, so ein halbjahrtausendalter Kanten setzt ja Schimmel an – ich hoffe, dass er nicht das gemeint hat.

Ich glaube, er meinte: im besten Sinne schwere Kost.

Es ist natürlich ein Bruch mit der Heutigkeit. Was die Sprache anbelangt, was die Glaubens- und Lehrsätze anbelangt beziehungsweise die für viele überwundenen Lehrsätze. Es scheint – jedenfalls habe ich den Versuch dazu unternommen – eine versunkene Welt auf.

52 Jahre alt, lebt als Schriftsteller in Kiel. Sein erstes Buch „Kanak Sprak“, 1995 erschienen, beschreibt in einer sehr eigenen Sprache das Leben junger türkischstämmiger Männer in Deutschland. In seinem gerade erschienenen Roman „Evangelio“ stellt er Martin Luther auf der Wartburg einen skeptischen Wächter an die Seite, der die Geschichte erzählt. Für den katholischen Landsknecht Burkhard ist der Reformator ein Ketzer. Den muss er aber im Auftrag seines Hauptmanns beschützen, was er mit zunehmender Achtung tut. „Evangelio“ ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und kostet 22 Euro.

Die fremd bleiben soll?

Ich bin etwas verblüfft darüber, wie man im Jubiläumsjahr Luther und seine Zeit aufbereitet. Es ist ja nicht nur so, dass man da kleine Playmobilfiguren hinstellt, es ist auch so, dass man den guten, etwas geschwollenen Luther, den späten Luther aufbläst und ihn sich zurechtmacht, als sei er unser Zeitgenosse. Man will ein Fest feiern, nichts dagegen einzuwenden, nur: Je weniger man den eigentümlichen Luther meint, desto besser scheint es den Feiernden zu gehen.

Ich vermute, man will feiern, aber man sucht auch einen Schutzpatron und eine Identifikationsfigur. Jemanden, der alles richtig gemacht hat. Wobei: Für die einen hat er alles richtig gemacht, für die anderen alles falsch, mit wenig Zwischentönen.

Man sucht in unseren heutigen Tagen den Konsens. Und oft genug stellt sich dieser Konsens nicht etwa als eine vernünftige goldene Mitte heraus, sondern als Verbreiung von Ideen und Vorstellungen. Ich habe dieses Buch nicht geschrieben, um zu verstören und zu provozieren. Ich habe es auch nicht im Sinne einer experimentellen Sprachartistik geschrieben.

Sondern?

Es ist ein Roman, es ist ein Roman, es ist ein Roman. Und wie bei jedem meiner Texte habe ich versucht, mich dem auszusetzen. Wenn es über Luther heißt, und ich stimme dem zu, er sei ein genialer Verdolmetscher, so muss ich ja alles versuchen, um Luther als einen Mann seiner Zeit aus Fleisch und Blut zu zeichnen.

Warum eigentlich Luther, wenn alle über Luther schreiben. Warum nicht dessen Zeitgenossen Thomas Müntzer?

Wenn man Müntzers Schriften liest, stößt man leider Gottes auf knallverrückte, esoterische, ziemlich durchgedrehte Ansichten. Auf eine Theologie, die alles überwindet, sowohl das Diesseits als auch das Jenseits. Wieso Luther? Ich habe seine Übersetzung des Alten und des Neuen Testaments ohne Übertreibung drei Dutzend mal gelesen. Er ist ein wortgewaltiger Gottesmann. Hier ist einer – ich spreche vom frühen Luther –, der den Kopf hingehalten hat, aber zum Fürstenknecht wurde. Ich habe Luther gewählt, weil sich bei ihm Glaube und Sprache zu einem gewaltigen Wortstrom verpaart haben.

Vor 20 Jahren haben Sie mit Kanak Attack eine neue Sprache geschaffen – fühlen Sie sich als Spracherfinder Luther verwandt?

In Luther haben wir einen, der endlich begriff, dass er aus der Klosterzelle und der Gelehrtenkammer hinausgehen musste. Ich bin kein Freund heutiger akademischer Schreibweisen, dieser Verbrämung und Versaubeutelung der Sprache. Ich bin als Salonhooligan bei denen, die das nicht gelernt haben. Luther ist der Stubengelehrte, der hinausgeht und den einfachen Menschen, den Angehörigen verschiedener Zünfte, den Handwerkern Worte ablauscht und sie als passend für die Übersetzung erfindet. Er hat es begriffen: Man braucht das ­Rabiate und das Ruppige.

Haben Sie in „Evangelio“ eine Annäherung an Luthers Sprache versucht oder wollten Sie damit ein Drittes, Neues schaffen?

Es wird immer etwas Drittes sein, wider alle Beteuerungen. Ich war nicht dabei, ich habe ihn nicht sprechen gehört. Nicht in der Nachdichtung habe ich die Kunstsprache erfunden, sondern indem ich mich als heutiger Mensch einstimmte auf die Zeit von damals; über Studien, über extreme körperliche Beanspruchung, über Ortsbegehungen habe ich versucht, die Geschichte so zu übersetzen, dass man sie noch versteht.

Ein Wort habe ich nachgeschlagen, um zu sehen, ob es schon existierte oder ob Sie es erfunden haben: affensinnig.

Sehen Sie, und das ist das Gute: Ich habe keine Ahnung mehr. Da ich so rasend in den Text hineinwachse und im Fieberwahn aufschreibe, vergesse ich, ob es meine Sprachschöpfung ist oder nicht. Ich glaube, es gab affengeistig – auch ein schönes Wort.

Sie haben gesagt, Luthers wichtigste Eigenschaft sei für Sie seine Frömmigkeit und Sie fühlten sich ihm darin nahe. Inwiefern?

Wenn er, in meinen Worten, von der Heiligkeit des Heilands sprach, dann meinte er, dass allein Jesus Christus gilt und nicht die Unfehlbarkeit des Papstes.

Und wo blieb er Ihnen fremd?

Ich glaube an meine jüdischen Propheten und mich befremdet es, wenn Luther aus der großen Enttäuschung, dass die Juden sich nicht in großen Scharen bekehren lassen, sie verunglimpft und die Zerstörung von Synagogen nahelegt. Noch schlimmer hat er die Römlinge, den Papst beschimpft. Das Widerwärtige machte auch nicht Halt vor den Frauen. Jede Frau, die um die Wirkung von Heilkräutern wusste oder sich die Frömmigkeitsdiktatur verbat oder ein bisschen Lebenslust an den Tag legte, wurde als Hexe denunziert – und die Hexengläubigkeit ging bei den Protestanten weiter.

Sie sind diesmal deutlich ernster als bei anderen Gesprächen. Um nicht zu sagen gewichtig.

Wir sprechen über etwas, das zu Kriegen, zu Mord und Totschlag geführt hat. Die einen nennen es Kirchenspaltung, die anderen Luther einen Apostel. Das bedingt der Glaube: Da raunt es aus der Tiefe. Wir könnten auch darüber sprechen, dass damals alle fest an das Weltende und den jüngsten Tag geglaubt haben, dass es Verdammte oder Errettete gab. Es ging um das Ganze, man lebte einige Jahre und dafür stand man gerade bis in alle Ewigkeit.

Ich habe noch eine ganz leichtgewichtige Frage: In Ihrer Danksagung nennen Sie Ihren Freund Günter Senkel, dem Sie auf den Recherchefahrten nach Thüringen vorgesprochen hätten. Was genau haben Sie da erzählt?

Genau wie Kinder anfangen zu sprechen, habe ich losgesprochen. Mein bester Kumpel Günter fuhr und musste das erdulden. Irgendwann hat er gesagt, dass ich langsam mal das Maul halten könne.

Das war ein Vorschlag oder eine Ansage?

Er hat es gesagt im Sinne von: Schluss jetzt. Aber ich sprach eben tatsächlich los. Ich hatte mich Wochen, Monate darauf eingestimmt. Nun hatte ich es und sprach: über Theologie, aus der Tiefe.

Was bedeutet es für Ihren Blick auf Luther, dass Sie Muslim sind – und was bedeutet es für die Rezeption?

Ich glaube nicht an die Echtheit der Herkunft. Ich glaube, um in einem Bild des Glaubens zu bleiben: Fremd ist die Erde uns, weil wir vertrieben worden sind. Die wahre Vertreibung war die Verbannung von Gottes Nähe. Und die doppelte Fremdheit ist die Melancholie – das ist meine Herkunft, darüber ist mir vieles bekannt. Nicht über Erfahrung, sondern über den hohen Ton, den die Seele macht, wenn sie flackert. – Mein Gott aber auch, da habe ich ja eine Metapher, da muss ich selber lachen.

Luther war ja ein Brennender, da bleibt es im Bild.

Sie haben sich dem Buch ja auch ausgesetzt. Haben Sie da nicht manchmal gedacht, jetzt ist es amtlich, der Mann ist irre?

Ich habe eher an mir gezweifelt. Im ersten Moment ist das Buch sehr zugänglich, im nächsten gar nicht.

Diese Luther-Welt ist uns fremd, aber im Grunde müsste sie uns – ich sage wir, weil ich ja auch hier aufgewachsen bin – geläufiger sein. Aber genau diese Erfahrung habe ich gemacht: Mein Gott, dachte ich, das ist Fremdheit.

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