: Feministische Revolution in Buchholz
■ In der Nordheide wurde das kleine i eingeführt
Berlin (taz) – Luise F. Pusch macht wahrscheinlich einen Freudensprung. Schon vor gut zehn Jahren drang die feministische Sprachwissenschaftlerin darauf, daß es an der Zeit sei, konsequent die weibliche Form einzuführen. Von Schülerinnen und Arbeiterinnen sollte die Rede sein, wobei die männliche Variante automatisch mitgedacht war. Schließlich werden Frauen angeblich ja auch mitgemeint, wenn Zeitungen über demonstrierende Studenten oder streikende Busfahrer berichten.
In Buchholz in der Nordheide hat das kleine i nun Einzug in die amtliche Sprache gefunden. Auf der letzten Ratssitzung am 22. November wurde beschlossen, daß amtliche Schriftstücke künftig konsequent die weibliche Form enthalten müssen.
Verantwortlich für die feministische Sprachrevolution in der Kleinstadt ist – frau mag es kaum glauben – ein Mann. Zur Ratsdebatte über eine Sprachreform stand zunächst nur die Querstrichregelung. Doch diese Variante war einigen zu unleserlich. Außerdem führe sie, so die CDU-Gegner/innen, angesichts der allgemeinen Politikverdrossenheit bei der/dem Bürger/in nur zu noch mehr Verdrossenheit. Jürgen Kempf, FDP- Ratsfrau in Buchholz, wußte Rat. Er schlug vor, konsequent die weibliche Schreibform einzuführen. Die sei leicht zu lesen und erfülle außerdem alle Ansprüche an eine Sprachreform. Damit nahm Kempf selbst der Frauenbeauftragten Martha Vogelsang den Wind aus den Segeln. Danach, so erinnert sich Vogelsang, ging alles ganz schnell. Stadtdirektorin Andreas Bendt fragte der Form halber noch einmal nach, ob der Antrag ernst gemeint sei. Bei der Abstimmung hoben sich prompt 24 Hände für die feministische Regelung, darunter selbst Ratsfrauen der CDU. Zu den sechs Gegenstimmen zählten auch einige konsequente SPD-Verfechterinnen der Querstrichregelung.
Wie fühlt mann sich nun als Stadtdirektorin von Buchholz? „Ich neige nicht dazu, den Ratsbeschluß zu karikieren und meine Briefbögen einzustampfen“, meint Andreas Bendt. Die neue Regelung beinhalte, so Bendt, Funktionsbeschreibungen im abstrakten Sinne. Im konkreten bleibe er ein „Mann“ und damit „Stadtdirektor“. Einig sind sich Bendt und Vogelsang, daß Buchholz damit „ein frauenpolitisches Signal“ gesetzt hat. Und damit ist die niedersächsische Kleinstadt selbst der Hauptstadt um Nasenlängen voraus. Denn galt in Berlin unter rot- grüner Ägide für kurze Zeit, daß amtliche Formblätter das große I tragen sollten, so kippte die schwarz-rote Große Koalition diese Regelung prompt wieder, als sie 1990 die Regierungsgeschäfte übernahm. Karin Flothmann
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