Feminismus in Uruguay: „Solidarität braucht auch strategische Geduld“
Die Politikerin und Soziologin Constanza Moreira über frauenfreundliche Städte, horizontale Solidarität und Feminismus als Hoffnungsquelle.
taz: Frau Moreira, erinnern Sie sich noch an Karin aus Berlin?
Constanza Moreira: Ja, natürlich, wir kennen uns schon sehr lange – aus sozialen Organisationen, Umweltbewegungen und feministischen Kämpfen. Wir haben gemeinsam Strategien entwickelt, Sorgen geteilt, sozusagen zusammen „konspiriert“.
Die Uruguayerin Constanza Moreira, 1960 in Montevideo geboren, ist Politikerin und Professorin an der Universidad de la República, wo sie Politische und Feministische Theorie unterrichtet. 2025 wurde sie zu dritten Mal als Senatorin in die Cámara de Senadores gewählt.
taz: Stimmt es, dass Sie sich in einer Tangobar in Montevideo kennengelernt haben?
Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.
Moreira: Das ist sehr gut möglich (lacht). Die geteilte Räumlichkeit ist etwas sehr Typisches für die Frauen in Uruguay. Manchmal nimmt das auch institutionelle Formen an, wie etwa die Casas de las Veteranas. Das sind gemeinschaftliche Wohnprojekte für Frauen, die älter werden und allein leben. Diese Projekte wurden im Municipio B umgesetzt, einem Stadtbezirk, der eine feministische Bürgermeisterin hatte. So habe ich gelernt, dass es möglich ist, konkrete feministische Stadtpolitik zu machen.
taz: Warum ist die wichtig?
Moreira: Wir Frauen sind viel auf der Straße unterwegs, gleichzeitig ist der öffentliche Raum uns gegenüber feindlich. Das fängt schon bei den kaputten Gehwegen an, auf denen sich ältere Frauen schlecht fortbewegen können. Wie bewegen sich Frauen überhaupt in einer Stadt, die weder kinder- noch altersfreundlich ist? Wie können wir eine Stadt bauen, die sich an den Bedürfnissen der Frauen ausrichtet, und nicht an denen der Autos? Dazu gehören auch Begegnungsräume wie Tangobars.
taz: Was bedeutet für Sie feministische Solidarität?
Moreira: Uns wird von klein auf erzählt, dass Frauen miteinander konkurrieren und nicht solidarisch sind. Feministische Solidarität widerspricht diesem rechten Narrativ über weibliche Konkurrenz und Neid. Wichtig ist dabei auch eine horizontale Beziehung, die nicht durch Männer vermittelt wird.
taz: Wie meinen Sie das?
Moreira: Über Jahrhunderte wurde die Identität von Frauen über Männer definiert – als Ehefrau von, Mutter von, Tochter von. Sich ohne diese patriarchale Vermittlung zueinander in Beziehung zu setzen, ist bereits ein politischer Akt. In der Politik ist das besonders sichtbar: Parteivorsitzende sind fast immer Männer, Frauen befinden sich in untergeordneten Positionen. Indem wir uns in der Horizontalität anerkennen, so wie einst das Proletariat gegenüber der Macht des Kapitals, können wir gemeinsam gegen Ungleichheit kämpfen.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
taz: Wie soll das konkret aussehen?
Moreira: Ein zentraler Punkt ist für mich der Kampf für die Stimme. Ich habe mein Leben lang versucht, Frauen zu ermutigen, ihre Stimme zu erheben. Als Dozentin habe ich festgestellt, dass viele Frauen in den Seminaren nicht sprechen, weil sie sich schämen. Sie sprechen im Privaten, aber nicht im öffentlichen Raum. Ich habe deshalb eine politische Frauengruppe aufgebaut – Casa Grande –, die vielen Frauen eine Stimme gegeben hat.
taz: Sie sind seit vielen Jahren in der Politik, waren 2014 Präsidentschaftskandidatin und sitzen heute im Senat. Unterstützen sich Frauen dort gegenseitig?
Moreira: Viele einflussreiche Politikerinnen sagen: „Ich habe mich nie diskriminiert gefühlt“. Da kann ich nur den Kopf schütteln und sagen: „Dann lebst du in Verleugnung.“ In der Politik ist es wichtig, gemeinsame Mängel anzuerkennen: Wenn dich in einem Ausschuss niemand reden lässt, oder wenn männliche Chefs dir Anweisungen geben. Wenn du verstehst, dass ihr dieselbe strukturelle Position teilt – selbst wenn es dir nicht so scheint –, dann kannst du dich zusammenschließen.
Aber du schließt dich nicht mit einer Frau zusammen, weil sie dir sympathisch ist. Wenn die Arbeiter so gedacht hätten, hätten sie nie Gewerkschaften oder Klassenparteien gegründet. Es geht nicht um subjektive Sympathie, sondern um gemeinsame Interessen, um die Position im sozialen Gefüge. Und dann gibt es noch etwas ganz Einfaches: Frauen stärken! Ich unterstütze vor allem junge Frauen.
taz: Ich habe ein Buch darüber geschrieben, was wir von feministischen Bewegungen in Lateinamerika lernen können. Was mich besonders beeindruckt hat, ist, wie viele unterschiedliche Frauen und Lebensrealitäten sich in diesen Bewegungen zusammenfinden.
Moreira: Ich staune selbst darüber. Wenn ich an Lateinamerika in den vergangenen 30 Jahren denke, dann gehört der Feminismus zu den wichtigsten politischen Entwicklungen – gemeinsam mit indigenen und dekolonialen Perspektiven. Was die Welt in Bewegung setzt, was sie aus ihrer konservativ-patriarchalen Achse herausrückt, das sind in der Regel die Linken, die Progressiven.
Der Feminismus ist in diesem Sinne eine radikale Neuheit in Lateinamerika. Und das unterscheidet uns von Europa: die Verflechtung von Dekolonisierung und Feminismus. All das hat sich mit antirassistischen Kämpfen und mit Umweltbewegungen vermischt, die dem kapitalistischen Entwicklungsmodell Grenzen setzen. Lateinamerikanische Frauen sind heute besser gebildet. Doch ihre politische Macht wächst langsamer als ihr Bildungsniveau. Das erzeugt Spannungen. Hohe Erwartungen treffen auf strukturelle Ungleichheit – eine explosive Mischung.
taz: Ausgerechnet inmitten eines globalen antifeministischen Backlashes.
Moreira: Die Ultrarechte und der Faschismus waren schon immer schlecht für die Menschheit. Das hat uns die Geschichte gelehrt. Eine der Kräfte, die diesen Backlash vorantreiben, ist die Religion. Ich bin Atheistin, es ist vielleicht erwartbar, dass ich nichts Gutes über Religionen sage. Aber Säkularisierung hilft Frauen, sie hilft Arbeiterinnen und Arbeitern, sie hilft allen.
In Lateinamerika kam dieser Prozess später, weil die Region stark katholisch geprägt ist. Kolonialismus, Armee, Kirche: das ist das Herz des lateinamerikanischen Konservatismus. Aber ich sehe keine Hilfe für Frauen aus diesem Feld. Stattdessen gibt es globale, konservative Netzwerke, die tief in der Technologiebranche verankert sind. Schauen wir uns Trump an, als Ikone eines ultratechnologischen, ultrareichen, ultramachistischen Patriarchats. Die kapitalistische Konzentration ist so enorm, dass es beängstigend ist, wenn die Macht in solchen Händen liegt.
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taz: Was können wir dem entgegensetzen?
Moreira: Als Linke neigen wir zu einer tragischen Weltsicht. Aber in Momenten, in denen die Welt dunkel wird – und sie ist im Moment sehr dunkel –, haben wir Feministinnen viel zu sagen. Die feministische Perspektive, kritisch und rebellisch, gibt uns eine positive Richtung für die Zukunft. Ich komme aus einer akademischen, linken, modernen Familie. Aber meine Mutter, heute 94, hat nie gearbeitet. Sie lebte vom Geld meines Vaters. In meiner Generation hingegen arbeiteten die Frauen, waren wirtschaftlich unabhängig, studierten. Ich selbst wollte nie Mutter sein, doch für viele Frauen meiner Generation war Mutterschaft noch ein Schicksal.
taz: Und heute?
Moreira: Heute ist das nicht mehr so. Weder Paarbeziehung noch Mutterschaft sind ein unausweichliches Schicksal. Das eröffnet einen Freiheitsraum, der für die Generation meiner Mutter undenkbar war. Das ist ein Ergebnis unserer Kämpfe. Aber es braucht auch Geduld. Wir müssen das langsame Voranschreiten der Dinge erkennen können. Wichtig ist die Richtung, nicht das Tempo. Viele Frauen verlassen die Politik als Erste, weil sie sagen: „Das ändert sich nie.“ Und dann, zehn Jahre später, geschieht genau das, wofür sie gekämpft haben. Strategische Geduld gehört also ebenfalls zur feministischen Solidarität. In diesem Sinne: Frauen der Welt, vereinigt euch!
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