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Feminismus in Pakistan„Ich habe viele Hüte auf“

Fauzia Yazdani ist Aktivistin, Influencerin und Analystin. Schon ihre Mutter sei „Hardcore“-Feministin gewesen, ohne das Wort Feminismus zu kennen.

Fauzia Yazdani gibt dem pakistanischen Feminismus ein Gesicht Foto: privat

Fauzia Yazdani ist eine pakistanische Influencerin. Ihre berufliche Laufbahn begann sie als Verwaltungsbeamtin, später arbeitete sie mit fast allen UN-Organisationen. Sie weiß, wo Einfluss strukturell etwas ändert und wie man Einfluss nehmen kann. Fauzia Yazdani ist politische Analystin und Aktivistin: für Frauen und Menschenrechte und digitale Selbstbestimmung. Darüber hinaus berät sie zivilgesellschaftliche Organisationen. Auch wenn sie den Begriff „social influencer“ kritisch sieht, nutzt Fauzia Yazdani ihre Stimme, um auf feministische Anliegen aufmerksam zu machen. Und sie wirkt in vielen Kollektiven mit. „Ich habe viele Hüte auf.“

Eine Weltkarte mit Stecknadeln, die ein Netzwerk markieren
Solidarisch vernetzt

Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.

Aufgewachsen ist Fauzia Yazdani in Lahore, Pakistans zweitgrößter Stadt. Ihre Mutter war eine „Hardcore“-Feministin, ohne das Wort Feminismus zu kennen, erzählt sie. Ihr Erziehungscredo und die Werte, die sie vertrat, zielten auf Unabhängigkeit, auch ökonomisch. Der Gedanke dahinter: sich nicht unterordnen. Ihrer Mutter war es wichtig, dass sie und ihre Schwester eine gute Bildung erhalten und auch studieren können, sagt Fauzia Yazdani.

Das Studium der Verwaltungswissenschaften absolvierte sie am Kinnaird College in Lahore, eine historische feministische Institution in Pakistan. Die Präsidentin der Universität Mira Phailbus war eine Legende.

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Eine Präsidentin, die die Auffassung vertrat: Junge Frauen wissen selbst, wer sie sind, oder sie sollen selbst herausfinden, wer sie sein wollen. Das Kinnaird College war die einzige Frauenuniversität in Pakistan, bei der die Studierenden keine Uniformen tragen mussten. In den 1970er und 1980er Jahren war das auch deshalb so revolutionär, weil General Zia-ul-Haq, der 1977 mit einem Militärputsch an die Macht kam, fortan das Kriegsrecht ausrief. Keine gute Zeit für demokratische Bewegungen, schon gar nicht für feministische. Fauzia Yazdani erzählt, dass sie die Universität damals als Zufluchtsort empfand, weil das politische Klima im Land so erstickend war. Die Uni war der Ort, wo sie feministische Texte las, wo sie von älteren Studierenden lernte, und wo sie begann, sich in Projekten zu engagieren.

„Mach dein Essen selber warm!“

Feminismus in Pakistan ist kein neues Phänomen, es gab ihn schon in den 1970ern, auch als Reaktion auf die Repression. Seit 2018 gibt es zum 8. März den „Aurat March“, die größte feministische Demonstration des Landes. Ein Auslöser war ein Femizid in Islamabad. Die Menschen gingen auf die Straße, voller Trauer, Schmerz und Wut, angesichts von Täter-Opfer-Umkehr.

Seitdem gibt es viele Demonstrationen in Pakistan, bei denen Fe­mi­nis­t:in­nen Schilder hochhalten mit dem Spruch: „Ich sitze so“. Zu sehen ist darauf eine breitbeinig sitzende Frau. Oder Plakate, auf denen steht: „Mach dein Essen selber warm!“ Am meisten polarisiert hat aber der Slogan „Mein Körper, meine Entscheidung“. Von konservativer Seite wurde er als Aufruf für Schwangerschaftsabbrüche gedeutet. Dabei ging es nicht nur darum, sondern um alle körperbezogenen feministischen Themen.

Selbstkritisch merkt Yazdani an, dass es bislang zu wenig gelungen sei, Frauen auf dem Land und Frauen außerhalb akademischer Milieus zu erreichen. Das sei nicht die Schuld des Feminismus, betont sie. Immer wenn eine Frau über Feminismus spricht, interpretierten religiöse und rechte Gruppen das als obszön. Ein effektives Mittel, um ein Anliegen zu diskreditieren.

Aber in den vergangenen fünf Jahren hat sich etwas geändert. Männer haben sich der Bewegung angeschlossen. Besonders nach der Covid-Pandemie wurde verstanden, worum es beim Feminismus wirklich geht.

Sobald das Lied läuft, können alle mitsingen

Fauzia Yazdani

Denen ein Gesicht geben, die keins haben

Für sie sei Solidarität etwas Kollektives, das nicht durch Zeit oder Raum eingeschränkt ist, sagt Yazadani. „Es ist eher eine Stimme oder ein Lied. Alle kennen diese Stimme, sobald das Lied läuft, können alle mitsingen.“ Man erkenne und fühle den gemeinsamen Schmerz und stärke sich gegenseitig durch das Lied, das bedeute Solidarität für sie.

Gerade in ihrem Arbeitsbereich sei Solidarität von immenser Bedeutung. Denn Rechte von Frauen und Kindern kann man nur kollektiv stärken. Als Medienschaffende und Influencerin gebe sie jenen eine Stimme, die die Unterdrückung unmittelbar zu spüren bekommen. Als Resonanz bekomme sie oft zu hören: „Was du sagst, will ich auch sagen. Danke, dass du es sagst!“

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Fauzia Yazdani will denen ein Gesicht geben, die keins haben. Manchmal nicht einmal einen Namen, aus Anonymitätsgründen, zum Schutz. Dass jene auch sie bei ihrer politischen Arbeit unterstützen, ist für sie ebenfalls Solidarität.

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