Faschismus in Italien: Schnee von heute

Italiens Fratelli d’Italia geben sich als vom Faschismus geläutert. Kurz vor den Kommunalwahlen tauchte nun ein Video auf, das Zweifel daran weckt.

Portrait in Menschenmenge

Öfter mal stinksauer: Giorgia Meloni, hier Ende September auf einer Wahlkampfveranstaltung in Turin Foto: Matteo Secci/imago images

ROM taz | Stinksauer blickt Giorgia Meloni in die Kamera, und was in ihrem am Sonntag geposteten Facebook-Video folgt, sind sieben Minuten Abrechnung. Die Vorsitzende der postfaschistischen Fratelli d’Italia (FdI – Brüder Italiens) hat allen Grund zu schlechter Laune. Schließlich ist einer der führenden Vertreter ihrer Partei, der EP-Abgeordnete Carlo Fidanza, dabei gefilmt worden, wie er den Arm zum Römischen Gruß hebt, wie er mit anderen über Hitler fabuliert, wie seine Gesprächspartner mit dem N*-Wort über Schwarze herziehen.

Seit Donnerstag ist der inkriminierende Film öffentlich, seit seiner Ausstrahlung in dem TV-Politik-Talk „Piazza pulita“. Immer wieder ist Fidanza mit Roberto Jonghi Lavarini zu sehen, in Mailand einer der wichtigsten Strippenzieher in der offen neofaschistischen Szene. Der rühmt sich, gefilmt von der verdeckten Kamera, dass in seinem Netzwerk nicht nur Freimaurer, sondern auch ein ganzer Schwung von „Bewunderern Hitlers“ mittun.

Dokumentiert hat dies alles ein undercover arbeitender Journalist von fanpage.it, einem der wichtigsten italienischen Online-Medien. Er hatte sich vor drei Jahren bei Fidanza und Jonghi Lavarini als Unternehmer mit rechten Sympathien vorgestellt und das Vertrauen der beiden gewonnen. Ganz offen plaudern sie denn auch über die Möglichkeit, mit illegalen Spenden den Wahlkampf einer Kandidatin für den Stadtrat von Mailand zu befeuern.

Doch Giorgia Meloni will in ihrem Facebook-Post keineswegs mit ihrem Parteifreund Fidanza und seinem Fascho-Intimus Jonghi Lavarini abrechnen, mit den faschistischen und rassistischen Ausfällen bei ihren Treffen, mit den Plänen zur illegalen Parteienfinanzierung. Stattdessen hat sie es mit dem „Zirkus“ der Medien und nicht genannten dunklen Kräften hinter ihnen, die ausgerechnet wenige Tage vor den Kommunalwahlen in Italien ihre Partei miesmachen wollen.

Angebliche Verschwörung

Für „Rassismus, Antisemitismus, Para­na­zis­mus“ sei kein Platz in ihrer Partei, meinte Meloni sofort nach der Ausstrahlung der fanpage-Filmaufnahmen kurz und bündig. Daran fällt nicht nur auf, dass das Wort „Faschismus“ in der Aufzählung fehlt. Ebenfalls fällt auf, dass sie sich ansonsten nur an der angeblichen Verschwörung gegen ihre Partei abarbeitet.

Einer Partei, die mittlerweile in vielen Meinungsumfragen mit über 20 Prozent zur stärksten politischen Kraft Italiens aufgestiegen ist und dabei ist, der ebenfalls stramm rechtspopulistischen Lega unter Matteo Salvini den Rang als Nummer eins im Rechtslager abzulaufen. Alles lief blendend in den letzten Monaten: FdI ist die einzige relevante Oppositionspartei gegen die Regierung unter Mario Draghi (die auch von der Lega gestützt wird) und kann den Unmut – sowohl gegen die Coronapolitik als auch gegen die sozialen Krisenfolgen – besser als Salvini einsammeln.

Faschistische Wurzeln

Niemand redete da groß über die faschistischen Wurzeln der „Brüder Italiens“. Eigentlich schien 2009 das Ende der Postfaschisten in Italien gekommen, als die Alleanza Nazionale im von Silvio Berlusconi geführten Popolo della Libertà aufging. Doch Giorgia Meloni und einige Mitstreiter wollten sich damit nicht abfinden, hoben Ende 2012 die FdI aus der Taufe. Wo sie herkamen, zeigten sie gleich im Parteisymbol. Dort prangt die Fiamma tricolore, die Flamme in den Farben Italiens, seit 1946 war sie das Symbol der Neofaschisten gewesen.

Doch ansonsten tat Meloni immer so, als sei der Faschismus Schnee von gestern. Dumm nur, dass immer wieder Po­li­ti­ke­r:in­nen und Kan­di­da­t:in­nen auf lokaler oder regionaler Ebene auffallen, die das anders sehen. Zum Beispiel die Regionalministerin für Schulwesen im Veneto, die in einer Radiosendung ganz unbekümmert das alte faschistische Lied „Faccetta nera“ trällert. Zum Beispiel der heutige Präsident der Region Marken, der kurz vor seiner Wahl bei einem Abendessen zum Gedenken an Mussolinis Marsch auf Rom dabei war. Und Meloni? Sie zuckt jedes Mal mit den Schultern – gedenkt aber ihrerseits gerne in ihren Nachrufen gestorbener Altfaschisten mit den Worten, sie hätten immer für „die Idee“ gekämpft.

Für sich selbst macht Meloni dagegen die Gnade der späten Geburt geltend: „Ich bin 1977 geboren, ich war nie Faschistin.“ Doch an den Fascho-Szenen ihres Parteifreunds Fidanza, die jetzt ausgestrahlt wurden, stören sie weniger dessen Auftritt als die Tatsache, dass da „10 Minuten aus 100 Stunden Filmmaterial“ zusammengeschnitten wurden, willkürlich natürlich.

So kann man auch vorbeireden an dem einen Schnitt, den sie partout nicht tun will: dem mit der faschistischen Vergangenheit. Nach außen geleugnet, nach innen von vielen ihrer Mit­strei­te­r*in­nen fleißig weitergepflegt.

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