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Verschlossene Formen und sprechende Details zeichnen die Figuren der Bildhauerin Marisol aus. Das Kunsthaus Zürich stellt seit Langem wieder ihr Werk vor
Von Katrin Bettina Müller
Manchmal arbeitet die Gegenwart dem Verständnis von Kunst der Vergangenheit zu. Die Zeit scheint jetzt erst reif für die 2016 im hohen Alter verstorbene Marisol: Unter den mehr als hundert Werken, die das Kunsthaus Zürich von der venezolanisch-US-amerikanischen Bildhauerin zeigt, finden sich Themen von heute, wie Migration, Rassismus, die Identität als Künstlerin und die Suche nach einer anderen Verbundenheit mit den nicht menschlichen Lebewesen.
Geboren 1930 in Paris als Kind wohlhabender Venezolaner wuchs Maria Sol Escobar, die sich später Marisol nannte, zwischen den Kontinenten auf, studierte sowohl in Paris als auch in New York an der Hans Hofmann School of Fine Arts. Schon 1957 verhalf ihr ihre erste Ausstellung beim Galeristen Leo Castelli zu Bekanntheit in der Kunstszene.
Von 1955 ist in Zürich die Skulptur „The Hungarians“ zu sehen, ein Paar mit zwei kleinen Kindern, grob aus Holz geschnitzt und auf ein gefundenes Rollbrett gesetzt. Die Kleidung ist angedeutet, die Augen groß hervorgehoben. Der Rollwagen zusammen mit dem Titel legt nahe, an die zuerst vor den Nationalsozialisten geflohenen ungarischen Juden zu denken oder an die Ungarn, die später vor dem Kommunismus in die USA emigrierten. Die kompakte, an Volkskunst erinnernde Form betont das Zusammenrücken von Eltern und Kindern, die nur noch sich haben.
Vom Ende der Fünfzigerjahre ist eine Puppe aus Stoff zu sehen, die eine kleinere im Arm hat. Meist aber waren ihre Figuren sorgfältig aus Holz gearbeitet, kantige und kubische Formen, mit Fundstücken gemischt, mit fotografierten oder fotorealistisch gezeichneten Gesichtern versehen, oft mit Abgüssen ihrer Nase, ihres Mundes und ihrer Hände ausgestattet. Es war dieser Stilmix, die Verbindung von realistischen, abstrakten und vorgefundenen Formen, der sie in die Nähe der US-amerikanischen Pop-Art rückte.
Ein Fass als Torso, die Brüste auf den Körper montiert
Eine Arbeit von ihr, „La Visita“ von 1964, ist vielen womöglich aus dem Museum Ludwig in Köln bekannt. Drei Frauen und ein Kind sitzen wartend auf einem Sofa, einer dient ein Fass als Torso, einer sind die nackten Brüste plastisch auf einen kastenförmigen Körper montiert. In mehreren kunsthistorischen Kompendien – aus den sechziger Jahren und auch noch von 1998 – ist immer wieder diese eine Arbeit abgebildet. Das Kunsthaus Zürich füllt also eine empfindliche Lücke, indem es in dieser ersten Einzelausstellung von Marisol in Europa nach 1968 endlich mehr von ihr zeigt.
In „Tea for Three“ arbeitet sie mit den Holzköpfen, wie sie Modistinnen nutzen. Zu dritt sitzen sie oben auf der Kante eines gelb, blau, rot bemalten Bretts, die Gesichter clownesk bemalt, ein kleines Haus sitzt einem als Hut auf dem Kopf. Elemente, die eine kindliche Wahrnehmung ansprechen, erzeugen oft eine heitere Anmutung – aber ihre Vergrößerung ins teils Monströse mischen das Spielerische mit dem Schrecken.
1964 entstand „The Car“, ein blaues Cabriolet aus bemaltem Holz, mit weißen und schwarzen Insassen. Eine gemischte Fahrgemeinschaft war in der Zeit keine Selbstverständlichkeit, die Apartheid noch virulent.
Marisol war eine Künstlerin, die ihre Schönheit vor den Augen einer Kamera zu inszenieren wusste: zurückhaltend, elegant, mondän. Auf vielen Fotografien sieht man die schmale Frau mit einer Säge in der Hand zwischen Holzbalken und ihren Skulpturen. Sie verkehrte im Kunstdunst von Andy Warhol, der über sie gesagt haben soll: „The first girl artist with glamour.“
Eine überraschend leise Stimme
Doch während der Umgang mit ihrem Porträt so souverän wirkt, überrascht ihre Stimme, die man in Interviewausschnitten im Kunsthaus Zürich hören kann. Sie klingt leise und unsicher. Tatsächlich galt sie als wortkarg, was ihre Kunst anging. Zu schweigen war Teil ihrer Biografie: Nach dem Suizid ihrer Mutter, da war sie erst 11 Jahre alt, hatte sie für lange Jahre aufgehört zu sprechen.
Das trug ihr das Image des Enigmatischen ein. Dafür steht auch eine Skulptur, ein Doppelporträt von ihr und ihrer Mutter, „Mi Mama y Yo“ (1968, bemaltes Aluminium). Marisol stellt das Kind auf eine verschnörkelte Bank neben die sitzende Mutter, einen Schirm über beide haltend, der sie mit einem filigranen Schatten umfängt. Während die Mutter lächelt, schaut das Kind mürrisch. Familie ist nie einfach.
Marisol war früh berühmt geworden, aber mehrfach entzog sie sich dem Kunstbetrieb und kehrte nach 1968 auch aus politischer Enttäuschung den USA den Rücken zu. Sie wurde eine leidenschaftliche Taucherin und fand unter Wasser neue Motive für ihre Skulpturen. Elegante, große Fischkörper, minimalistische Skulpturen mit menschlichen Gesichtern begegnen einem nun in der Ausstellung. Aber diese Verschmelzung von Tier und Mensch blieb eine unerfüllbare Vision. Als sie erkannte, wie sehr Umweltgifte dem Meer zusetzen, beendete sie das Tauchen.
Der Fotograf Hans Namuth porträtierte sie 1964 mit einer Maske, einem fragmentierten Abguss ihres Gesichts, die sie sich vorhält. Ausdruck und Verweigerung, Entäußerung und Rückzug: Die Spannung zwischen diesen Polen prägt ihr Werk bis in den Gegensatz zwischen den großen verschlossenen Formen und den kleinen sprechenden Details hinein. In dem Zusammenhang fällt auch eine Lithografie von 1972 ins Auge, „Saca la lengua“, auf der eine große rote Zunge auf die Betrachterin zuschnellt und den Rest des Gesichtes schrumpft.
„Marisol“. Kunsthaus Zürich, bis 23. August
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