Fallen für Nutrias: Nager vor dem Erschießungskommando
Der Lankreis Emsland fördert die Anschaffung von Lebendfallen, um der wachsenden Zahl von Nutrias Herr zu werden. Tierschützer finden, es ginge anders.
Am Mittwoch ging es an einem Gewässer nahe Gut Landegge im emsländischen Haren um den Tod. Der Landkreis Emsland hatte zum Ortstermin geladen, zusammen mit den Jägerschaften Aschendorf-Hümmling, Meppen und Lingen. Vorgestellt wurden Nutria-Rohrfallen vom Typ „Trapper Neozoen“. Pro Jägerschaft unterstützt der Landkreis ihre Anschaffung mit 50.000 Euro.
Gut Landegge ist eine malerische Ferienanlage. Auf ihrer Website heißt es: „Auf unserem Gut wird Tierliebe großgeschrieben.“ Problematisch findet der Landkreis seine Ortswahl aber nicht. Es habe sich hier „ausschließlich um einen Treffpunkt mit einer navigationsfähigen Adresse“ gehandelt, erklärt Anja Rohde, Sprecherin des Landkreises. Danach ging es zu Fuß weiter, hinein ins Gelände.
Die neuen Lebendfallen, verzinkter Stahl, per Fangmelder theoretisch rund um die Uhr überwacht, seien „tierschutzgerecht“, versichert Rohde. Gut: Sie haben keine mechanischen Teile im Inneren, was die Verletzungsgefahr senkt, haben glatte Wände. Aber Stress bedeutet das Gefangensein trotzdem. Und es endet mit dem Tod: Tier läuft zum Köder rein, Falltür kracht hinter ihm runter, Warten, bewegliche Rückwand schiebt das Tier raus, Kleinkaliber-Kopfschuss, das war's.
Nutrias, imposante Nager, gehören zu den Tieren, denen im Emsland massive Ablehnung entgegenschlägt. 7.835 von ihnen haben Jäger 2024/25 hier erlegt. 53.748 waren es niedersachsenweit, eine Steigerung um 19,5 Prozent zum Vorjahr.
Grüne Agrarministerin würdigt die Jägerschaft
Niedersachsens JägerInnen „verdienen hohe Anerkennung für ihren Einsatz zum Schutz der Natur und für den Erhalt der Artenvielfalt“, lässt sich Miriam Staudte, Niedersachsens Agrarministerin von den Grünen, in diesem Zusammenhang zitieren. „Auch die Bejagung invasiver Arten hilft dabei und muss weiter ausgebaut werden.“
Nutrias stammen aus Südamerika. Sie stehen im Verzeichnis der EU für invasive, gebietsfremde Arten unionsweiter Bedeutung. Das besiegelt ihr migrantisches Schicksal.
Das Nutriaaufkommen beinhalte ein „erhebliches Risikopotential für den Hochwasserschutz“, schreibt Stefanie Geisler, Sprecherin von Staudtes Ministerium, der taz. Die Art unterhöhle Uferböschungen von Fließgewässern und Deiche, gefährde die Stabilität wasserbaulicher Anlagen sowie von Brücken und Fahrbahnen in Gewässernähe.
Die Jagd könne „ein Instrument zur Populationsminderung“ sein. Von einer natürlichen Regulierung durch Fressfeinde könne „aufgrund der stark wachsenden Populationen nicht ausgegangen werden“, schreibt die Sprecherin.
Für die heimische Natur seien Nutrias eine Gefahr. „Die Tiere fressen große Mengen an Röhricht- und Uferpflanzen“, argumentiert Geisler, „besonders auch an deren Wurzeln, wodurch einerseits die Entwicklung oder auch Renaturierung solcher wertvollen Ökosysteme verhindert wird und damit zugleich Brut- und Rückzugsräume für gefährdete Arten verloren gehen“. Zudem fräßen sich die Tiere an Feldfrüchten satt.
Peter Höffken, Peta
Dass der Tod nicht die einzige Abwehr ist, räumt sie ein: Auch „flankierende Maßnahmen zur aktiven Jagd“ wie Uferbefestigungen oder die Zerstörung von Verstecken kämen infrage.
Das Emsland sei „die im gesamten Bundesland am stärksten von dieser invasiven Art betroffene Region“, sagt Kreissprecherin Rohde. Aufgrund der „weitreichenden Bauten der Nutria“ könnten Böschungen einstürzen oder abrutschen und Leute mit sich reißen, die dort etwa mit einem Rasenmäher herumfahren.
„Nutrias sind stigmatisiert, Opfer von Panikmache“, kritisiert Peter Höffken, Fachreferent Wildtiere bei der Tierrechtsorganisation Peta Deutschland. „Je mehr von ihnen geschossen werden, desto mehr neue Tiere besetzen deren alte Lebensräume.“ Er fordert Staudtes Ministerium auf, „nicht letale Methoden zur Reduktion der Nutria-Population umzusetzen, weil nur diese den Teufelskreislauf immer höherer Tötungszahlen durchbrechen“.
Friedliche Lösungen, Deichverstärkungen etwa, seien auf Dauer kostengünstiger als permanente Bejagung. Stattdessen werden Tötungsprämien ausgesetzt. „Das ist wie im Wilden Westen, als die Menschen noch nicht so zivilisiert waren wie heute“, findet Höffken. Die Verantwortlichen hätten „derzeit nur das Töten auf der Agenda“, dabei zeigten die jährlichen Streckenlisten, „dass die Massentötungen kontraproduktiv sind“.
Neue Fallen für die Jäger also – und neue Gelegenheiten, sich für Hege zu loben, für Artenschutz. „Jäger töten gern“, sagt Höffken, „und es gibt immer mehr von ihnen. Wenn gegen eine Tierart Stimmung gemacht wird, kommt ihnen dass zupass.“
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