Faktenchecker über Medien in den USA

„Trumps Einfluss wird überschätzt“

Der Stil des US-Präsidenten könnte dazu führen, dass Debatten im Wahlkampf mehr auf Fakten basieren. Das hofft Glenn Kessler von der „Washington Post“.

Das Foto zeigt Donald Trumps Schatten auf dem Boden. Er spricht in Mikrofone und hat die Arme zu einer Geste von sich gestreckt.

Der Schatten zeigt Donald Trump – vermutlich beim Lügen Foto: AP

taz: Herr Kessler, der Präsidentschaftswahlkampf ist in vollem Gange, auch wenn erst 2020 gewählt wird. Sind die Wähler wachsamer bei Falschaussagen von Politikern geworden?

Glenn Kessler: Mein Gefühl ist, das mit der wachsenden Aufmerksamkeit für die Faktenchecker auch die Wähler skeptischer sind, was Politiker behaupten. Die Kampagnen haben in der Regel sogar einen gesonderten Pressesprecher, der sich mit Anfragen von Faktencheckern befasst. Trump hatte das allerdings nicht, er war da die Ausnahme.

Welche Dinge gab es noch, die beim Wahlkampf 2016 anders waren?

Wir waren bis dato nicht wirklich einem Politiker begegnet, der so viele inkorrekte oder falsche Dinge gesagt hat wie Trump – und der sich dann nie korrigiert hat.

Inwiefern?

Na ja, wenn wir Mitt Romney oder Barack Obama für eine Aussage vier Pinocchios gegeben haben, haben sie aufgehört, diese Dinge zu erzählen. Trump behauptete ziemlich schamlos diese Dinge weiter, egal wie hanebüchen sie waren.

Jahrgang 1959, leitet seit 2011 das Faktencheck-Team der Washington Post. Er und sein Team bewerten die Falschaussagen von Politikern auf einer Skala von einem bis vier „Pinocchios“. Kessler ist im Vorstand des „International Fact-Checking Network“.

Wie genau funktioniert denn so ein Check? Sagen wir: Kamala Harris, eine der Bewerberinnen um die Kandidatur bei den Demokraten, hält eine Rede … und dann geht es wie weiter?

Wir identifizieren konkrete Aussagen, und ungefähr in der Hälfte der Fälle überprüfen wir auf Bitten der Leser. Am einfachsten ist es, Zahlen zu überprüfen. Und da suchen wir möglichst Beispiele, die es uns erlauben, tief in ein politisches Thema einzusteigen. Wir finden heraus, woher der Politiker die Zahl oder die Information hat, welche Studie, welcher Artikel, und überprüfen dann, ob sie korrekt ist. Irgendwann konfrontieren wir die Kampagne dann mit unseren Ergebnissen.

Gibt es im Kampf gegen Falsch­information eine Art globalen Trend, ein Problem, mit dem alle zu kämpfen haben?

Neben der rapiden Verbreitung von Falschinformation ist die Herausforderung, dafür zu sorgen, dass die eigenen Faktenchecks auf so vielen Plattformen wie möglich sichtbar sind. Darum haben wir auch angefangen, Videos zu produzieren. Oder auf Snapchat Faktenchecks zu veröffentlichen. Es gibt kein bestimmtes Schema, nach dem alle Faktenchecker arbeiten müssen, ob sie zu Tageszeitungen oder NGOs gehören. Aber sie alle müssen sicherstellen, dass sie ihre Glaubwürdigkeit behalten und die Nutzer ihre Faktenchecks akzeptieren. Darum hat das internationale Fakt-Checking Network einen Verhaltenskodex rausgegeben, an den alle Mitglieder sich halten müssen.

Was steht da zum Beispiel drin?

Man muss sich der Unparteilichkeit verpflichten, und dass alle Seiten ohne Vorurteil überprüft werden. Man muss darlegen, dass niemand im Team bei einer politischen Kampagne mitmacht oder sonst politisch aktiv ist. Alle Checks müssen transparent sein und den Rechercheweg darlegen, sodass Leser das nachvollziehen und die Recherche selbst verifizieren können. Aber es muss auch transparent gemacht werden, woher die Finanzierung kommt, damit die Leute sehen, dass man wirklich unabhängig ist.

Finanzierung, das ist ein gutes Stichwort. Wie haben Ihre Leser reagiert, als Jeff Bezos 2013 die Washington Post gekauft hat – werden Ihre Checks jetzt eher angezweifelt?

Nicht wirklich. Klar, es gibt immer mal wieder Kommentare wie: „Ihr tanzt doch nur nach der Pfeife eines Geschäftsmannes“, aber das ist selten. Er mischt sich auch nicht in die redaktionellen Abläufe ein.

Im Jahr 2016, kurz nach dem Wahlsieg, gab es Stimmen, dass wir keine Diskussion führen können, wenn wir uns nicht mal mehr auf die Fakten einigen können. Was würden Sie dazu sagen?

Nun ja, ein großer Teil der Verantwortung liegt bei den Menschen selbst. Sie müssen trainieren, skeptischer Informationen und Nachrichten zu konsumieren. Wir schreiben diese Faktenchecks, sie sind um Internet zugänglich. Es gibt das alte Sprichwort: Man kann ein Pferd zum Wasser führen, aber trinken muss es selbst. Die Leute brauchen einen differenzierten Social Media Feed, müssen gegenüber anderen Standpunkte und Sichtweisen aufgeschlossen sein – oder zumindest respektvoll. Das passiert aber immer seltener, weil Menschen sich in ihre eigenen kleinen ideologischen Sackgassen zurückziehen.

Ist das schlimmer geworden mit dem Wahlsieg von Donald Trump 2016?

Ich glaube, der Einfluss Trumps darauf wird überschätzt. Wir haben bei der Washington Post vor Kurzem eine Umfrage gemacht, wie viele Amerikaner den Falschaussagen des Präsidenten glauben, und sogar unter seinen Unterstützern tun das nur wenige. Außerdem bemühen sich die Kandidaten der Demokraten verstärkt, akkurate Aussagen zu treffen. Um sich von Trump abzusetzen. Der Einfluss von Trump könnte also letztendlich sein, dass unsere Debatten mehr auf Fakten basieren werden.

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