FFH-Gebiet soll Industrieanlage werden: Vogelschutz für die Katz
Wilhelmshaven will das Naturschutzgebiet Voslapper Groden für einen Energiepark opfern. Das ist symptomatisch für den Umgang mit Schutzgebieten.
Wer eine rote Linie zieht, signalisiert: Bis hierhin und nicht weiter. AktivistInnen von Fridays For Future (FFF) haben am Außenhafen Hooksiel Anfang März eine solche Linie gezogen, symbolhaft, als Mahnwache gegen ein geplantes drittes LNG-Terminal bei Wilhelmshaven. Rund 80 Menschen sind da. Schilder werden hochgehalten: „Stop Gas“. Im Hintergrund, fast 300 Meter lang, knapp 50 Meter breit, das Speicher- und Wiederverdampfungsschiff „Höegh Esperanza“.
Auch Martin Lüdders, FFF-Aktivist aus Stade, ist dabei, hält eine Rede. Wilhelmshaven, sagt er, ist „die am stärksten gefährdete Region durch die Klimakrise in Deutschland“. Er bezieht sich auf den Klimarisikoindex, eine neue Studie, die das direkt an der Nordsee gelegene Wilhelmshaven als besonders verwundbar einstuft: steigender Meeresspiegel, Sturmfluten, Hitze und Wasserknappheit drohen hier in hohem Maß.
„Und trotzdem soll hier das europaweit größte LNG-Terminal gebaut werden, und dafür wird keine Rücksicht auf die Natur genommen. Das ist absolut crazy“, sagt er. Die Bundesregierung wolle „die Energiewende torpedieren, wieder auf vergangenheitsorientierte fossile Brennstoffe setzen“.
Der Voslapper Groden wurde 2006 von Niedersachsen in Brüssel als Vogelschutzgebiet für das Programm "Natura 2000" angemeldet. Damit unterliegt es dem Schutz der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU. Diese Richtlinie soll für den Erhalt wild lebender Pflanzen, Tiere und Lebensräume, also Habitate, sorgen.
Bundesweit gibt es 5.200 FFH-Gebiete, die zusammengenommen etwa 10 Prozent der Landesfläche ausmachen. In Niedersachsen werden derzeit 449 gezählt. Allerdings sind davon gerade einmal 64 für den Schutz von Vögeln bestimmt.
Den AktivistInnen von Fridays vor Future geht es mit ihrer roten Linie auch um das angrenzende Natur- und EU-Vogelschutzgebiet Voslapper Groden-Nord. Weil es symptomatisch dafür ist, wie mit Schutzgebieten umgegangen ist. Das Gebiet, einst durch Eindeichung gewonnen, ursprünglich für Industrie gedacht und heute von Industrie umgeben, misst 257 Hektar. Rohrdommel und Tüpfelsumpfhuhn, Blaukehlchen und Schilfrohrsänger fühlen sich hier wohl.
Geht es nach der Stadt Wilhelmshaven, soll hier ein Energiepark von Tree Energy Solutions (TES) und Deutsche Grüngas und Energieversorgung (DGGEV) entstehen, kommerzieller Betrieb ab 2030.
Milena Pressentin, Senior Expert Energie & Klimaschutz der Deutschen Umwelthilfe
Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat sich mit BUND und Nabu aus Wilhelmshaven und Niedersachsen zu einem Schutzbündnis dagegen formiert. „Es geht darum, ob ein Schutzgebiet verhandelbar ist oder ob der Schutzstatus auch tatsächlich schützt“, beschreibt Milena Pressentin von DUH im Gespräch mit der taz die Tragweite. Auch sie hat auf der FFF-Mahnwache eine Rede gehalten. Ihre Befürchtung: „Die fossilen Interessen werden nicht am Voslapper Groden-Nord haltmachen, sondern zukünftig auch weitere Flächen betreffen.“
Das Gebiet sei „ein Hotspot der Biodiversität“, ein „Schlüsselgebiet für den Naturschutz“. Mehr als 600 Arten kommen hier vor, viele gefährdet und geschützt, von der Fledermaus bis zur Wildbiene, vom Schneiden-Röhricht bis zum Laufkäfer. „Für diese Fläche gibt es in der Region keine Kompensationsflächen“, sagt Pressentin.
Ein Normenkontrollantrag des Bündnisses gegen den aus ihrer Sicht naturgefährdenden Bebauungsplan Nr. 225 läuft, eine Einwendung gegen die Bauleitplanung, eine weitere gegen die Änderung der Naturschutzverordnung. Jetzt heißt es warten. Und: wachsam sein. Entwässerungsgräben, vorschnell gezogen, mussten bereits wieder rückgebaut werden.
Auf der Mahnwache kamen auch Teilnehmende einer dreitägigen internationalen Anti-LNG-Konferenz zu Wort, die zuvor in Wilhelmshaven stattgefunden hatte. „Was hier vor sich geht, ist nicht nur die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen“, sagt James Hiatt, aus den USA angereist, als Aktivist der Anti-Frackinggas-Organisation „For a Better Bayou“, „sondern auch der Individualismus, der das Herz der Menschlichkeit vergiftet.“
Das sieht Niksa Marusic, Wilhelmshavens Stadtbaurat, ganz anders. In seinen Augen zielen die Änderung des Flächennutzungsplans und der Bebauungsplan Nr. 225 auf einen „substanziellen Beitrag zur Erreichung der Klimaschutzziele und zugleich zur Energieversorgungssicherheit in Deutschland“.
Vier LNG-Terminals an Nord- und Ostsee entstanden
Das sei „Augenwischerei und Greenwashing vom Feinsten“, hält Pressentin von der DUH dagegen. Der Kern des für die nächsten zwei Jahrzehnte Geplanten sei „die Errichtung und der Betrieb eines fossilen LNG-Terminals für den Import von fossilem Erdgas“.
Seit 2022 seien vier LNG-Terminals an Nord- und Ostsee entstanden, es bestehe keine Versorgungslücke. „Im Gegenteil, es besteht bereits jetzt eine Überkapazität, die durch das dritte LNG-Terminal in Wilhelmshaven nochmals verschärft werden würde.“ Das Gesamtprojekt sei ein „fossiler Rückschritt“, kein Übergang in eine erneuerbare Zukunft.
„Abzuwarten, bis ein industrieller Markt für Wasserstoff und Wasserstoff-Derivate besteht und dann erst handeln, ist keine Option“, schreibt der Stadtbaurat.
Genau das bezwecke das Vorhaben aber aktuell, so Pressentin. „Es wird jetzt ein fossiles Projekt beantragt und dann wird abgewartet, ob es sich transformieren lässt. Und wenn nicht, wird das Projekt weiterhin so betrieben: fossil.“
Die Energiewende sei dafür nur ein „Deckmantel“. Die Planung der DGGEV, später auch Wasserstoff aus erneuerbaren Energien zu erzeugen, unterstützt die DUH. Aber: Dafür brauche sie weder den Voslapper Groden-Nord noch einen Hafenstandort.
Genese des Schutzgebietes wird diskutiert
Der Fall sei „in keiner Weise geeignet, ein Präzedenzfall zu sein“, schreibt Marusic der taz, er sei „in der Form einmalig“. Es sei „mitnichten zu befürchten, dass nun nach dem Beispiel Wilhelmshaven flächendeckend Natura 2000-Gebiete in Anspruch genommen werden“.
Holger Buschmann, Landesvorsitzender des Nabu Niedersachsen
Dass es hier zur Entstehung von Schutzgebieten gekommen sei, liege nur an der jahrzehntelangen Nichtnutzung. „Zugleich weisen die hiesigen Schutzgebiete damit aber Standortbedingungen auf, die suboptimal sind.“ Das Gebiet sei vom Menschen angelegt, existiere erst rund 50 Jahre, so dass sich „die hier etablierten Schutzgüter bei entsprechenden Habitatbedingungen auch an anderer Stelle einstellen werden“.
„Die Genese eines Schutzgebietes“, entgegnet Pressentin, „sagt nichts über ihren Schutzwert aus“. Außerdem: „Was war zuerst da? Natur oder Industrie?“
Und nicht nur in Wilhelmshaven laufen juristische Gefechte. „Schon heute läuft ein Vertragsverletzungsverfahren der EU-Kommission gegen Deutschland wegen der mangelhaften Umsetzung der Vogelschutzrichtlinie“, schreibt Holger Buschmann, Landesvorsitzender des Nabu Niedersachsen, Anfang 2026 zur Gründung des Schutzbündnisses. „Eigentlich müssten neue Schutzgebiete ausgewiesen werden, nicht bestehende gestrichen.“ Werde der Voslapper Groden-Nord geopfert, habe das unabsehbare Folgen, „auch für das Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof“.
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