Exzellenzinitiativen sozial unverträglich: Entdemokratisierung der Hochschule

Unis opfern Studierende und Chancengleichheit für einen Wettbewerb um Exzellenz, Forschung und Autonomie. Was bleibt, sind überfüllte Hörsäle und Massenabfertigung.

Führt man so 40 Prozent eines Jahrgangs zum Hochschulabschluss? Studenten in einem überfüllten Hörsaal in Halle. Bild: dpa

Die Universitäten werden wie der Teufel reformiert, es gibt frisches Geld - aber nicht für alle. Elitezuschüsse gibts nur für wenige. Gleichzeitig werden neue Bachelor- und Master-Studiengänge eingeführt und Studiengebühren erhoben.

Um zu verstehen, was Uni heute ist, muss man streiten. Martin Kaul (19. 12. 07) beklagte die Ökonomisierung der Bildung, Dirk Baecker erkannte eher eine Bürokratisierung (16. 1. 08), Carsten Zorn sprach von Uni-Reform als einer Zwangsneurose (30. 1. 08). Heute schreibt Imke Buß vom freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften, fzs.

Wer mit den bisherigen Autoren debattieren will, soll das tun. Manuskripte mit maximal 6.000 Zeichen bitte an: uniheute@taz.de

Hochschulen. Dabei geht es, so lässt der Begriff vermuten, um Orte des Wissens, der Wissensvermittlung und der Persönlichkeitsbildung von Studierenden. Doch weit gefehlt. Die Wissensvermittlung betreiben die Professoren in vielen Veranstaltungen durch das Ablesen von Powerpoint-Präsentationen oder das Rezitieren des selbst geschriebenen Buchs. Die Persönlichkeitsbildung steht durch immer engere Stundenpläne ohne Freiräume ganz hinten an.

Geht es an der Hochschule derzeit um Persönlichkeitsbildung, um kreative Menschen, die durch kritische und innovative Arbeit in ihrer späteren Tätigkeit ihre Organisation weiterbringen können? Diese Frage ist mit einem deutlichen Nein zu beantworten. Doch Hochschule muss mehr sein als nur die Vermittlung von theoretischem Wissen.

Die derzeitig sehr aktuellen Termini in Diskussionen mit den Wissenschaftsministern der Länder oder Präsidenten von Hochschulen sind immer dieselben: Wettbewerb, Autonomie, Forschung und Exzellenz. Der Wettbewerb um die besten Köpfe soll nur den zur Hochschule passenden Studierenden eine Studienmöglichkeit eröffnen. Dass Auswahltests in erster Linie nach sozialem Hintergrund auswählen, interessiert dabei kaum jemanden.

Die Autonomie der Hochschulen - angeblich ein großer Fortschritt - bedeutet lediglich eine Mängelverwaltung der viel zu knappen finanziellen Ausstattung und schiebt die Verantwortung der Länder auf die Hochschulen ab. So wurden in den letzten Jahren Hunderte von Professuren abgebaut - trotz steigender Studierendenzahlen. Dies in Zusammenhang mit gesunkenen finanziellen Mitteln für die Hochschulen kann nicht zu einer Verbesserung des Studiums führen, das dürfte jedem eingängig sein.

Mit der Autonomie der Hochschulen geht in fast allen Bundesländern auch eine Entdemokratisierung einher. Hier lässt sich wieder einmal ein Wortbruch der deutschen Bundesländer gegenüber den eigenhändig unterzeichneten Kommuniqués des Bologna-Prozesses beobachten. Auf europäischer Ebene betonen auch die deutschen Vertreterinnen und Vertreter, dass Studierende vermehrt in wichtige Hochschulsteuerungsprozesse einbezogen werden sollen. Vor Ort wird die Beteiligung der Studierenden in der Tat geändert: Sie haben durch die Einführung von Hochschulräten und der Entmachtung der hochschulinternen Gremien immer weniger Einfluss auf Entscheidungen. Über die Hochschulen bestimmen nun vielerorts externe Räte, vorrangig aus Wirtschaft und Industrie besetzt, sowie wenig kontrollierbare Präsidien.

Für die Forschung tut die Universität fast alles - als sei dies ihre Hauptaufgabe. So wurde vielerorts enorme Energie in die Exzellenzinitiative gesteckt, herausgekommen sind einige wenige Universitäten mit dem Elite-Status, die große finanzielle Zuwendungen bekommen. Doch was bringt dieser Wettbewerb? Er spaltet die Hochschullandschaft in eine Gruppe der Elite-Hochschulen mit hervorragender Forschung und gutem Ruf, die Studierenden sucht sie sich handverlesen aus und verlangt hohe Studiengebühren von ihnen.

Über die Qualität der Lehre sagt dies zweifelsohne noch nichts aus. Daneben gibt es "andere" Hochschulen, die der Masse der Studierenden zu einem akademischen Titel verhelfen soll. Da die finanzielle Ausstattung dieser Hochschulen sich trotz gestiegener Studierendenzahlen kaum verbessern wird, sind überfüllte Hörsäle und eine Massenabfertigung vorprogrammiert. Das kann nicht der Weg sein, um - wie von der Bundesregierung gefordert - 40 Prozent eines Altersjahrganges zu einem Hochschulabschluss zu führen. Vielmehr muss auch in Zukunft gelten: Gleiches Recht für alle, die an der Uni sind! Jedem Studierenden muss ein gleichermaßen gutes Studium ermöglicht werden.

Zu einem Studium gehört, das haben inzwischen auch die Berufsvertreter erkannt, nicht nur das reine Fachstudium. So muss ein Studium Teamfähigkeit und Sozialkompetenz vermitteln. Sprachlich gewandt sollen die Studierenden ebenfalls sein. Doch die Curricula beinhalten kaum eine dieser Komponenten. Bei dieser Diskussion fragt man sich immer wieder, was eine "Hochschule" eigentlich ist. Ein Ort für die Forscher, die auch Studierende durchschleusen müssen? Oder ein Raum, in dem die Studierenden im Mittelpunkt stehen und wo ihnen Wissen adäquat vermittelt wird?

Letzteres stellt auch der Bologna-Prozess in den Mittelpunkt. So soll nicht mehr der Profes- sor das anbieten, wozu er gerade Lust hat, sondern es muss ein Studienkonzept geben, das für den Studierenden transparent die Ziele des Studiums darstellt. Wenn ein solches Konzept steht, werden die Module und Veranstaltungen nach der bestmöglichen Form für die spezifischen Lernziele konzipiert. Lediglich Folien vorzulesen sollte eigentlich schon lange nicht mehr als didaktische Methode durchgehen. Und Teamfähigkeit kann nun mal nicht durch eine Klausur abgefragt werden.

Durch die Transparenz der Lehrinhalte würde das Studium auch für eine größere Gruppe junger Menschen interessant. Derzeit werden sie häufig von dem Mysterium Hochschule abgeschreckt. Neben ausreichend Studienplätzen und einer guten staatlich garantierten Studienfinanzierung ist Transparenz ein Mittel, um auch bildungsfernere Schichten an die Hochschulen zu holen. Eine extrem hohe soziale Selektion wie in Deutschland erschreckt zwar jeden und noble Reden werden täglich geschwungen, Maßnahmen folgen aber sehr selten. Gleichzeitig Studiengebühren einzuführen, obwohl sie erwiesenermaßen höchst sozial selektiv wirken und obwohl sich die Bundesrepublik durch Unterzeichnung des UN-Sozialpaktes zur Gebührenfreiheit des Studiums verpflichtet hat, zeigt nur umso deutlicher, welche Priorität Politikerinnen und Politiker der Chancengleichheit beimessen - keine.

Chancengleichheit jedoch wird in den nächsten Jahren der Schlüssel zur Lösung vieler Probleme sein. Und um diese endlich zu erreichen, muss der Stellenwert von Bildung deutlich steigen, und den vielen hehren Bekenntnissen müssen endlich Taten folgen.

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