Extinction Rebellion in Berlin: Sich sitzend widersetzen

Die Bewegung Extinction Rebellion beginnt am Montag mit ihrer Protestwoche für Klimagerechtigkeit. Auch ziviler Ungehorsam ist Teil der Aktionen.

Drei Demonstrant:innen in grüner Kleidung stehen halten Plakate vor ihrem Körper, darunter eines mit der Aufschrift "Wald statt Asphalt". Hinter ihnen stehen zahlreiche weitere Menschen mit einem großen Banner, darauf steht "Klimanotstand anerkennen"

Beim Tanz der toten Bäume: Aktivist:innen von XR machen auf das Waldsterben aufmerksam Foto: dpa

BERLIN taz | Aus Lautsprechern ertönt der Lärm einer Motorsäge, kurz darauf das Krachen eines umfallenden Baumes. Drumherum wächst eine Menge aus grün gekleideten Menschen, die Kopfbedeckungen in Form von Blättern, Äste und Banner tragen. „Der Wald ist unsere Lunge“, verkündet ein Plakat in leuchtender Schrift.

Zum Marsch der toten Bäume hat die Klimabewegung Extinction Rebellion (XR) am Montagmorgen aufgerufen. Hunderte haben sich dafür vor dem Ministerium für Ernährung und Landwirtschaft versammelt. Während der Marsch nach einer kurzen Kundgebung Richtung Verkehrsministerium loszulaufen beginnt, blockieren dort bereits seit Stunden Aktivist:innen sitzend Eingänge des Gebäudes. Eine weitere Blockade vor dem Landwirtschaftsministerium wurde bereits früh geräumt.

Die „rebellion wave“ hat begonnen: Mit Demonstrationen, vor allem aber Massenaktionen des zivilen Ungehorsams in Berlin möchte XR in dieser Woche auf Artensterben und Klima­krise aufmerksam machen, indem der normale Betrieb an unterschiedlichen Stellen gestört wird.

Die Wälder in der Krise

„Die Wälder in Deutschland sterben, die Wälder auf der ganzen Erde brennen“, erklärt auf dem Marsch der toten Bäume die Aktivistin Manon Gerhardt am Mikrofon. „Sie werden zerstört für kurzfristige Profitinteressen der industriellen Landwirtschaft, aber auch der Energiekonzerne“, so Gerhardt.

Sie verweist dabei auf die aktuell stattfindenden Rodungen im hessischen Dannenröder Wald für eine Autobahn, was bei den Demonstrant:innen laute Buh-Rufe erntet. Durch Baumbesetzungen und Blockaden versuchen Aktivist:innen weiterhin, die Rodungen zu stoppen.

Auf der Demonstration spricht auch Ines von Keller, die zu den Foresters4Future gehört. Sie berichtet von krisenhaften Zuständen der Wälder in Deutschland durch die Erd­erwärmung. Seit 2018 erlebe man eine Dürreperiode, die gepaart sei mit Extremwetterereignissen und darauf folgenden massenhaften Vermehrungen bestimmter Insektenarten.

„Bis heute sind etwa 3.000 Hektar Wald in Deutschland abgestorben“, erzählt von Keller. Sie betont außerdem die Bedeutsamkeit von Wäldern für Biodiversität und sauberes Trinkwasser. „Wir müssen die Bioökonomie ausbauen und die bisher auf fossilen Rohstoffen basierende Ökonomie zeitnah – und wirklich zeitnah – ersetzen“, fordert von Keller.

Keine klimagerechte Verkehrspolitik in Sicht

Mit „Klimaneutralität 2025!“ ruft Gerhardt außerdem eine der zentralen Forderungen von XR aus. Des Weiteren fordert die Bewegung die Einberufung einer Bürger:innenversammlung zum Thema Klima. Die Idee dahinter: Per Losverfahren werden möglichst repräsentativ Bürger:innen ausgewählt. Diese können sich bei Expert:innen Rat holen und entwickeln auf dieser Basis Empfehlungen für die Politik. Die Bürger:innenversammlung soll dabei von unabhängigen Organisationen und unter unabhängiger Aufsicht von Kontrollgremien durchgeführt werden.

Zusätzlich zu den früh am Morgen gestarteten Sitzblockaden vor dem Verkehrsministerium haben sich einige Aktivist:innen an eines der Eingangstore geklebt und gekettet. Diese Form des zivilen Ungehorsams führt dazu, dass eine Räumung durch die Polizei aufwändiger ist und länger dauert.

Noch im Dunkeln blockieren etwa zehn Aktivist:innen sitzend die Straße, sie tragen Fahnen und Banner bei sich

Früh am Morgen blockierten Aktivist:innen außerdem die Straße vor dem Landwirtschaftsministerium Foto: dpa

„Obwohl wir auf eine Klimakatastrophe zurasen, plant das Verkehrsministerium in den nächsten Jahren Milliardenausgaben für Bundesstraßen und Autobahnen“, so das Flugblatt, das die Aktivist:innen von XR an neugierige Passant:innen verteilen. Das Ministerium heize die Klima- und ökologische Krise mit seiner zerstörerischen Politik weiter an, heißt es zudem.

Verkehrsminister soll Katastrophe anerkennen

Mit ihrem symbolischen Protest vor dem Verkehrsministerium fordern die Aktivist:innen den sofortigen Stopp des Aus- und Neubaus von allen Flughafen-, Autobahn- und Bundesstraßenprojekten. Von Verkehrsminister Andreas Scheuer wollen sie, dass dieser die existenzielle Bedrohung der Klimakatastrophe endlich öffentlich anerkennt.

„Das Problem ist, dass die Politik im Moment genau das Gegenteil von dem macht, was wir brauchen“, sagt Christian Schneider, während die Polizei am Vormittag die letzten Aktivist:innen räumt, die sich vor dem Ministerium angeklebt haben. Schneider ist in Hamburg bei XR aktiv und für die „rebellion wave“ nach Berlin gekommen. Da die Politik nicht reagiere oder zu langsam reagiere, gebe es keine andere Möglichkeit, als in den zivilen Ungehorsam zu gehen, meint Schneider.

Weitere Aktionen und Blockaden von XR folgen in den nächsten Tagen. Am Dienstag soll es um die „Klimaschmutzlobby“ gehen, Mittwoch trifft der Protest insbesondere die Regierungsparteien CDU und SPD.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Mit der taz Bewegung bleibst Du auf dem Laufenden über Demos, Diskussionen und Aktionen in Berlin & Brandenburg. Erfahre mehr

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben