ExpertInnen kritisieren Untersuchung: In den USA kein Insektensterben?

Laut einer Studie sind Insekten-Populationen in Nordamerika stabil. Fachleute sind verwundert und zweifeln an der Methodik der US-Forscher.

Eine Fliege vor dem offenen Mund von Donald Trump.

Eine Fliege lauscht der Corona-Impfstoff-Pressekonferenz des US-Präsidenten aus nächster Nähe Foto: Jabin Botsford/The Washington Post/getty images

BERLIN taz | In den USA ist kein Rückgang der Häufigkeit und der Artenvielfalt von Insekten und anderen Gliederfüßern zu beobachten. Dies zumindest ist das verallgemeinerte Ergebnis einer Studie, die am Montag im Fachjournal Nature Ecology & Evolution veröffentlicht wurde.

Das Team um Hauptautor Michael Crossley wertete Daten aus mehr als 5.300 Zeitreihen aus, die über 4 bis 36 Jahre an verschiedenen Standorten gesammelt wurden. Zwar habe es bei manchen Beständen Rückgänge gegeben, bei anderen aber auch Zunahmen, konstatieren sie.

In der Summe jedoch seien „die Netto-Trends nicht von null zu unterscheiden“. Das wiederum veranlasst die AutorInnen, in ihrer Zusammenfassung zu schreiben: „Die erkennbare Robustheit der Arthropoden-Populationen in den USA ist beruhigend.“

Damit scheint die Studie anderen, vor allem aus Europa, aber auch zu globalen Trends, fundamental zu widersprechen. In den letzten Jahren erschienen einige Arbeiten, die den Rückgang von Insekten hinsichtlich Anzahl, Häufigkeit, Artenvielfalt und Biomasse untersuchten. Viele der Ergebnisse deuten auf einen deutlichen Rückgang hin – mit dramatischen Konsequenzen für Ökosysteme, sogenannte Ökosystemleistungen und somit letztlich den Menschen. Nicht zuletzt die sogenannte Krefelder Studie von 2017 aus deutschen Schutzgebieten hatte einen Diskurs über das Insektensterben angefacht, zuweilen ist sogar von einer „Insekten-Apokalypse“ die Rede. Ist das also nur ein europäisches Phänomen – oder sogar alles komplett übertrieben?

Schädlinge überrepräsentiert

Ein Knackpunkt bei solchen Studien ist stets ihre Methodik. Wie man die Ergebnisse interpretiert, wird nicht nur in der Politik, sondern auch in der Wissenschaft zuweilen heiß diskutiert. So gibt es bereits jetzt viel Kritik an der aktuellen Untersuchung. Wie viele ihrer KollegInnen bemängelt Alexandra-Maria Klein, Professorin für Naturschutz und Landschaftsökologie an der Universität Freiburg, beispielsweise, dass Schädlinge überrepräsentiert seien.

Andere, vor allem ältere, langfristige und systematische Daten zu Fluginsekten hingegen fehlten völlig. „Aussagen über den Zustand von Bienen, Nachtfaltern oder Schmetterlingen in den USA können durch diese Studie nicht gegeben werden“, erklärt sie.

Zwar sei die Situation dort nur bedingt mit der in Europa zu vergleichen. Aber es komme „nicht so sehr darauf an, auf welchem Kontinent geschaut wird, sondern welche Standorte und Arten untersucht werden“, so Klein. So könne bei undifferenzierter Betrachtung eine Zunahme von Mücken, Zecken oder Blattläusen über den Rückgang anderer Arten hinwegtäuschen.

Der Direktor des Deutschen Entomologischen Instituts Senckenberg, Thomas Schmitt, hält zwar die Datenbasis für solide aufbereitet, er sieht aber „die Gefahr, dass die Ergebnisse durch die Art und Weise, wie sie eingeleitet werden, von den Leugnern der Biodiversitätskrise, in der wir uns definitiv befinden, missbraucht werden könnte“.

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