Ex-Skifahrerin Werdenigg übt Kritik: „Es gibt zu wenig Respekt“
Nicola Werdenigg war eine der besten Skifahrerinnen Österreichs. Ein Gespräch über Heldenverehrung, die Überhöhung des Skisports und mentalen Druck.
taz: Frau Werdenigg, die Winterspiele beginnen gleich mit den alpinen Speedrennen. Schauen Sie sich das in Fernsehen an?
Nicola Werdenigg: Ich schaue mir das total gerne an. Es interessiert mich einfach. Irrsinnig gern sehe ich die Frauenrennen. Diese feinen Athletinnen wie Mikaela Shiffrin zum Beispiel. Die betrachte ich mit meinem Expertinnenauge. Als ehemalige Rennläuferin verfolge ich jede Entwicklung. Ich bin ja auch Sportpädagogin, habe Sportwissenschaften studiert. Das ist mein Metier und allein deshalb sind die Rennen für mich spannend.
taz: Drücken Sie dann den Österreicherinnen die Daumen?
Werdenigg: Mir ist es wirklich völlig egal, welche Nation gewinnt. Nationale Gefühle kenne ich nicht. Mich fasziniert das einfach, wenn da ein Franzose wie der Cyprien Sarazzin im vergangenen Jahr etwas Neues in die Abfahrtswelt reinbringt. Wer dann in Kitzbühel gewinnt oder vorne dabei ist, das ist ja völlig egal. Zu sehen, wie ein neues Level erreicht wird, das ist es, was mich interessiert.
1958 in Innsbruck als Nicola Spieß geboren, gehörte sie von 1973 bis 1979 zum österreichischen Alpinteam im Weltcup. Bei den Olympischen Spielen in Innsbruck 1976 wurde sie Vierte in der Abfahrt. 2017 machte sie öffentlich, dass sie als 16-Jährige durch Mitglieder des Teams vergewaltigt worden ist. Seitdem kämpft sie gegen Machtmissbrauch, Gewalt und Diskriminierung – nicht nur im Sport.
taz: So halten Sie auch den maskulinen Abfahrtswahnsinn aus, der jedes Jahr bei der Streif inszeniert wird.
Werdenigg: Die Streif kann ja da nichts dafür. Das ist eben eine Abfahrt. Die hat meine Mutter Anfang der 50er Jahre auch mal gewonnen. Aber das ist heute einfach eine furchtbare Inszenierung. In den Kommentatorenkabinen der Österreicher geht es dermaßen testosteronlastig und nationalistisch zu, dass ich jedes Jahr mehr den Kopf schütteln muss.
taz: Wie hat sich das aufgebaut über die letzten Jahrzehnte?
Werdenigg: Das ist ein österreichisches Spezifikum, dass man den alpinen Rennsport so komplett aufgeladen hat. Den Ursprung hatte das in der Nachkriegszeit, als meine Mutter noch im Nationalteam war. Österreich war auf der Suche nach einer nationalen Identität. Man sah sich als Opfer von Hitler und wollte die Bilder nicht sehen, auf denen dem Führer freudig zugewunken wurde. Als man begonnen hat, neue Identitätsflächen zu schaffen, hat der alpine Rennsport schnell eine wichtige Rolle gespielt.
taz: Ihre Mutter hat das miterlebt.
Werdenigg: Ja, und ihre Rolle war klar definiert. Die Frauen in diesem österreichischen Skiteam sollten sich möglichst bescheiden geben. Und die Männer sind halt als die Bauern, die wilden Hunde inszeniert worden. Möglichst unpolitisch sollte es zugehen, damit ja niemand auf die Nazivergangenheit zu sprechen kommt, die der Skiverband bis heute nicht wirklich aufgearbeitet hat.
taz: Dann kamen die Winterspiele 1956 in Cortina d’Ampezzo, bei der Toni Sailer drei Goldmedaillen für Österreich gewonnen hat.
Werdenigg: Das war der erste absolute Höhepunkt. Toni Sailer ist als echter Held inszeniert worden. Mit allem Drum und Dran. Er war medial omnipräsent …
taz: … und wird in diesen Tagen wieder gefeiert, obwohl seit 2018 bekannt ist, dass 1974 in Polen wegen einer Vergewaltigung gegen ihn ermittelt worden ist. In seinem Heimatort Kitzbühel ist gerade ein Platz nach ihm benannt worden.
Werdenigg: Er wird heute wie damals als Held inszeniert. Und jetzt haben wir den Toni-Sailer-Platz und im österreichischen Fernsehen wird anlässlich seines 90. Geburtstages jeden zweiten Tag irgendwas von seiner Heldensaga neu aufgekocht. Es gibt schon kritische Stimmen in diesen Dokus, aber die überwiegen bei Weitem nicht. Es wurde vieles aufgearbeitet. Jetzt soll auch mal Ruhe sein. Wenn sich alle beklagen, dass man ihr Idol beschmutzt, warum lassen sie ihn dann nicht einfach in Frieden ruhen, anstatt ihn weiter zu überhöhen.
taz: In Cortina wird diese Huldigung dann weitergehen.
Werdenigg: Natürlich geht es weiter und das ist keine Nebensache, das ist höchst politisch.
taz: Sie haben 2017 öffentlich gemacht, dass Sie von Mitgliedern des österreichischen Skiteams vergewaltigt worden sind. Die Enthüllungen trafen zur Hochzeit der #MeToo-Bewegung auf offene Ohren. Die Offenheit scheint es nicht mehr zu geben.
Werdenigg: Ja, man hört öfter, dass jemand sagt: Jetzt lassen wir mal Gras über die Sache wachsen. Aber es gibt schon eine Gegenbewegung, die das unbedingt verhindern will. Ich versuche, da so präsent wie möglich zu sein, wo immer ich kann, dagegen aufzustehen. Weil es passieren nach wie vor schlimme Dinge. Das betrifft ja nicht nur den Skisport. Wir haben gerade in Österreich diesen Kinderdorfskandal.
taz: Da geht es um Gewalt und Missbrauch in österreichischen SOS-Kinderdörfern.
Werdenigg: Und immer haben wir es mit denselben Strukturen zu tun, wo honorigen Männern nach Enthüllungen dann oft nichts anderes einfällt, als zu sagen: ‚Das kann doch nicht wahr sein, das können wir nicht glauben.‘ Das ist immer derselbe Mechanismus.
taz: Hat sich im Österreichischen Skiverband nichts getan seit Ihren Enthüllungen?
Werdenigg: Es gibt heute schon ein größeres Bewusstsein für das Thema. Und vor allem: Es ist ja nicht mehr Peter Schröcksnadel als Patriarch am Werk …
taz: … der von 1990 bis Juni 2021 ÖSV-Präsident war …
Werdenigg: … aber die Struktur ist immer noch patriarchalisch, obwohl zum ersten Mal seit 120 Jahren eine Frau Verbandspräsidentin ist. Diese Strukturen lassen sich auch nicht von heute auf morgen ändern. Das Bewusstsein, da hinzuschauen, wo Machtmissbrauch in sexualisierte Gewalt umschlägt, muss erst geschaffen werden. Eine Vergewaltigung, die kommt nicht von heute auf morgen. So etwas hat seine Grundlage in Hierarchien und Unebenheiten.
taz: In der vergangenen Saison gab es eine Diskussion um den harschen Umgangston des österreichischen Frauentrainers Roland Assinger. Obwohl eine Weltmeisterin zu seinen schärfsten Kritikerinnen gehörte, durfte er im Amt bleiben.
Werdenigg: Das beschäftigt mich seit fast zwei Jahren. Genau vor einem Jahr ist das Thema richtig hochgekocht. Und was ist das Ergebnis? Die Leistung bleibt aus. Etliche Frauen sind verletzt. Sie sind anfällig. Es ist einfach zu wenig Respekt vor den Sportlerinnen da. Die Zeiten sind vorbei, in der man auf ein Heer von Nachwuchsathletinnen zurückgreifen konnte, um sie an die Spitze heranzüchten. Das ist heute anders. Viele Eltern können sich diesen teuren Spaß Skirennsport nicht leisten. Damit überhaupt junge Leute nachkommen, müsste man sie besser behandeln. So werden sie vergrault.
taz: Ändert sich die Stimmung? Werden die Athletinnen selbstbewusster?
Werdenigg: Langsam tut sich etwas. Vor einem halben Jahr habe ich einen Brief von einer ganz jungen Athletin gekriegt. Die hat sehr offen geschrieben. Es ging um psychische Gewalt, Benachteiligung, Mobbing, zum Teil Schleifermethoden im Training, fehlende Wertschätzung, aber auch Anzüglichkeiten und sexistische Sprache. Das ganze Paket.
taz: Was macht den Umgang damit so schwer?
Werdenigg: Während die Athletinnen am Fortschritt ihrer Karriere basteln, gibt es innerhalb der Strukturen keinen Raum, in dem sie gehört werden. Die Einzelne zählt nichts, es gibt ja genug Konkurrentinnen. Und wenn sie geschlossen auftreten? Das ist besonders schwer. Das kennen die Nachwuchssportlerinnen nicht. Die sind ja im System Leistungssport sozialisiert, wachsen nicht unter Teenies in Wien auf, die jede Woche auf eine feministische Demo gehen. Das heißt nicht, dass ihnen das Bewusstsein fehlt. Aber sie wissen: Wenn sie jetzt laut werden, dann können sie die Karriere schmeißen.
taz: Und die ist ihnen ja wichtig.
Werdenigg: Deswegen haben sie sich ja auf das System eingelassen, ja. Sie wissen, dass sie funktionieren müssen. Und ich muss auch dazu sagen, ich berate ganz viele Leute, die mit ihren Geschichten in die Öffentlichkeit gehen wollen. Aber 90 Prozent der Menschen, die sich an mich wenden, sind eigentlich noch nicht weit genug dafür. Man achtet darauf, alles anonym zu halten, sodass kein Rückschluss auf die betroffene Person möglich ist. Aber selbst wenn man das tut, triggert das die Betroffenen, die mit ihren schweren Erfahrungen noch nicht abgeschlossen haben, aufs Neue. Bevor nicht jemand austherapiert, mit sich im Reinen ist, ist der Gang in die Öffentlichkeit irrsinnig schwer.
taz: Sie haben sich als Ansprechpartnerin für Missbrauchsbetroffene etabliert. Wie viele Menschen wenden sich bis heute an Sie?
Werdenigg: Es sind nicht nur Skifahrerinnen, sondern grundsätzlich viele Menschen, die von Machtmissbrauch betroffen sind. Neben Athletinnen auch Verwandte, Menschen aus dem Umfeld von Athletinnen. Im Zuge der Skandale um die SOS-Kinderdörfer ist eine Blase aufgegangen in Österreich. Dann gab es sofort einige Anrufe, in denen von Missständen an den Schulen gesprochen wurde. Sobald ein Fall groß in den Medien ist, melden sich Menschen bei mir mit Beobachtungen. Dann flaut es wieder ab. Der Drang, sich zu äußern, der kühlt dann schnell wieder ab.
taz: Wahrscheinlich spüren sie dann die Macht der Strukturen, die sich ja auch auf ihre Art gegen die Vorwürfe zu wehren wissen.
Werdenigg: Es sind ja nicht nur die Strukturen, gegen die man anzutreten hat. Zu beachten sind obendrein die Familienmitglieder, Ehepartner, auch Kinder, die ebenfalls betroffen sind. Das ist ein Generationenthema. Ein Missbrauch kann lange nachwirken.
taz: Zurück zu der jungen Sportlerin, die Ihnen geschrieben hat. Ist sie dem Sport treu geblieben?
Werdenigg: Diese sehr junge Sportlerin hat ihren Brief in einem Stil geschrieben, dass ich erst mal dagesessen bin und gesagt habe: Wow! Es muss eine höchst intelligente junge Frau sein, die da etwas auf dem Herzen hat und trotzdem nicht wirklich dagegen ankämpfen kann. Ein gescheiter Mensch, der alles durchblickt, was mit ihm passiert ist, und trotzdem so sehr am Sport hängt, dass er vieles in Kauf nimmt.
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