Ethnologe Awono über Restitution: „Die Objekte symbolisieren Gewalt“

Kolonialbeute könne man nicht einfach pauschal zurück fordern, sagt der Ethnologe Ndzodo Awono. Das würde Europa von seiner Verantwortung befreien.

Wissenschaftler Ndzdno Awono hält mit weißen Handschuhen eine tütenförmige hölzerne Pfeife

Wurde diese Pfeife geraubt oder gekauft? Im kolonialen Konterxt egal, findet Ndzodo Awono Foto: Carmen Jaspersen/dpa

taz: Herr Awono, Sie haben drei Jahre lang zur Provenienz, also zur Herkunft der Kamerun-Sammlung im Bremer Überseemuseum geforscht. Aus welchem Kontext stammen die Objekte?

Ndzodo Awono: Aus den Recherchen ging hervor, dass große Teile der Sammlung durch das Militär nach Bremen gekommen sind. Andere stammen von Händlern, die ihre Beziehungen in den ehemaligen Kolonialstaaten ausnutzten, um sich die Objekte anzueignen. Was mich erschreckt hat, ist, dass sich im Überseemuseum die Kriegsbeute aus dem Palast von Lamido Mohaman Lamou befindet, die von einer Strafexpedition im Jahr 1899 stammt. Lamou war der Herrscher der Volksgruppe Fulbe in der kamerunischen Stadt Tibati. Alles, was man im Palast finden konnte, wurde bei dieser Expedition beschlagnahmt.

Diese Objekte sind demnach Raubkunst.

Aus meiner Sicht wurde ein Großteil der Objekte geraubt. Auch wenn einige Dinge angeblich gekauft wurden, muss man den Kontext der Kolonialisierung berücksichtigen. Auch Geschenke, die die Europäer in den Kolonien bekamen, waren oft Teil von diplomatischen Verhandlungen und Versuche der lokalen Herrscher, ihre Macht nicht zu verlieren. Dinge, die aufgrund der Einschüchterung der lokalen Bevölkerung übergeben wurden, sind für mich geraubte Objekte.

Müssen diese Objekte, die illegal erworben wurden, nun an Kamerun zurückgegeben werden?

Das ist eine schwierige Frage. Um die zu beantworten, müssen auf beiden Seiten sowohl Politiker mitwirken, als auch die Bevölkerung. Die Frage dabei ist, welche Rolle die Objekte vor Ort spielen. Oft sind sie Ausdruck der Identität bestimmter Gruppen. Gleichzeitig müssen wir sehr genau schauen, was zurückgebracht werden kann.

55, ist seit April 2021 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Ethnologie der Georg-August-Universität Göttingen. Vorher forschte er im Bremer Überseemuseum zur Herkunft der Afrika- und insbesondere der Kamerun-Sammlung.

Was meinen Sie damit?

Diese Objekte symbolisieren die Gewalt gegen die lokale Bevölkerung und die Verantwortung, die die Kolonialmächte dafür tragen. Die Rückgabe aller Objekte wäre gleichbedeutend mit der Befreiung Europas von seiner Verantwortung für die koloniale Gewalt. Geschichte kann man aber nicht löschen. Objekte, die für das jeweilige Land und die dortige Bevölkerung wichtig sind, müssen zurückgegeben werden. Am wichtigsten sind dabei Gebeine, damit man die Menschen endlich beerdigen kann. Auf jeden Fall zurückgebracht werden müssen aber auch Dinge, die durch Strafexpeditionen nach Europa gelangt sind.

Wie genau sollte der Rückgabeprozess aussehen?

Auf jeden Fall können die europäischen Länder und Museen nicht alleine entscheiden, was zurückgegeben wird. Die Objekte sind zu Weltkulturgütern geworden. Ich finde einen Dia­log mit den Herkunftsländern über die Objekte und deren Rückgabe sehr wichtig. Nur aus solchen Diskussionen können gemeinsam Lösungen entstehen.

Diskussionen, wie es sie etwa über die Benin-Bronzen im Berliner Humboldt-Forum derzeit gibt?

Deutsche Behörden dürfen auf keinen Fall alleine entscheiden, ob diese Bronzen in Berlin bleiben. Die Entscheidung sollte bei der nigerianischen Regierung liegen. Dafür muss man aber genau und transparent veröffentlichen, was sich in dem Museum befindet. Trotzdem ergibt es nicht immer Sinn, Objekte zurückzufordern.

Warum nicht?

Die Rückgabe von Gegenständen erfordert aus meiner Sicht die Erfüllung bestimmter Voraussetzungen. Es muss garantiert sein, dass die Objekte vor Ort sicher aufbewahrt werden können. Aktuell würde ich mir in einigen Fällen Sorgen um die Zukunft der Objekte machen. Damit die Bedingungen für eine Rückführung auf beiden Seiten garantiert sind, braucht es nicht nur Geld, sondern auch ausgebildetes Personal.

In den 1960er- und 70er-Jahren gab es nach der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Länder Debatten und Forderungen über die Rückgabe von Raubkunst aus der Kolonialzeit. Warum ist damals nichts passiert?

Nach der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten mussten sich diese zuerst vor allem um wirtschaftliche und politische Dinge wie Demokratisierungsprozesse kümmern. In Europa hat man zu den Forderungen geschwiegen, in Afrika hatte man andere Prioritäten.

Was kann man daraus für die heutige Debatte mitnehmen?

Dass heute über diese Dinge gesprochen wird, verdanken wir vor allem europäischen und afrikanischen Historikern. Da ist etwa Alexandre Kum’a Ndumbe, der auch in Berlin lehrte und lange Zeit die Rückgabe des Tangués, eines im Kamerun gestohlenen Bootsornaments gefordert hatte, allerdings ohne die Unterstützung der Regierung von Kamerun. Einzelne Stimmen, die eine Rückgabe fordern, gibt es schon lange, in Deutschland heißt es dazu jedoch, man verhandle nur mit dem Staat, nicht mit einzelnen Personen. Mittlerweile beschäftigt die Frage der Provenienz jedoch so viele Wissenschaftler, diese Stimmen kann man nicht mehr überhören.

Es tut sich also was?

Es freut mich, dass Afrikanische Regierungen sich jetzt stärker mit dem Thema beschäftigen. Wie weit sie wirklich gehen, wird sich zeigen. Ich habe den Eindruck, dass die Kultur in der Prioritätenliste häufig auf den letzten Plätzen ist. Dabei geht es nicht mehr nur um die Objekte einzelner Gruppen, sondern um das Kulturerbe ganz Afrikas.

Lesung „Afrikas Kampf um seine Kunst“ von Bénédicte Savoy. 8.10.2021, 18.00 Uhr, im Festsaal der Bremischen Bürgerschaft, Am Markt 20

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