Erzählungen von Maxim Biller: Die Feuerstellen unserer Vorfahren

In seinem Buch variiert Biller Familiengeschichten wie ein Jazzmusiker. Jedes Mal auf neue Weise erzählt er von jüdischer Migration.

Porträtbild Maxim Biller

Ist mit seinen Eltern ins nicht gelobte „Deutschland der Deutschen“ emigriert: Maxim Biller Foto: Lottermann and Fuentes

Es kommt bei Romanen und Kurzgeschichten eher selten vor, dass ihnen ein Schutzvermerk vorangestellt wird. Es hat also einen Grund, wenn Maxim Billers erste Kurzgeschichtensammlung „Wenn ich einmal reich und tot bin“ mit dem Hinweis versehen war: „Sämtliche Figuren und Handlungen sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit Lebenden und Verstorbenen sind deshalb rein zufällig und nicht beabsichtigt.“

Mag sein, dass solche Ähnlichkeiten nicht beabsichtigt sind. Doch es ist offensichtlich, dass in vielen Figuren und Handlungen der Biller’schen Geschichten Echos seiner Familiengeschichte und seiner eigenen Geschichte als Schriftsteller, Kolumnist und Kritiker zu hören sind.

Etwaige Ähnlichkeiten mit Lebenden und Verstorbenen haben also einen guten Grund, und sei es nur, dass das Leben die besten, weil unwahrscheinlichsten Geschichten schreibt und das Werk eines Schriftstellers ohne seine Erfahrungen recht dünn ausfallen dürfte.

Für die Geschichten als Geschichten spielen solche Ähnlichkeiten keine Rolle. Sie sind für sich genommen wahrhaftig oder eben nicht. Gerichte haben andere Kriterien, weswegen Billers Roman „Esra“ bis auf den heutigen Tag nicht im Buchhandel erhältlich ist.

Die schrecklichste aller schrecklichen Zeiten

Unter dem Titel „Sieben Versuche zu lieben“ finden sich nun dreizehn Familiengeschichten Billers versammelt, die einst verstreut in verschiedenen Kurzgeschichtenbänden des Autors erschienen sind und die Nähe von Autor und Werk bezeugen. Hinterein­ander gelesen zeigen sie außerdem, dass Billers Roman „Sechs Koffer“ von 2018 viele Vorgeschichten hat, in denen der Autor die Suche nach dem Familiengeheimnis (die sich umso schwieriger gestaltet, als konkurrierende Erzählungen dazu kursieren) bereits in verschiedenen Variationen durchgespielt hat.

Maxim Biller: „Sieben Versuche zu lieben. Familiengeschichten“. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020, 368 Seiten, 22 Euro

Biller variiert diese Familiengeschichten wie ein Thema, das ein Jazzmusiker gefunden hat und nun bei jedem seiner Auftritte, bei jeder Aufnahme auf neue Weise interpretiert.

Es sind also Versionen derselben Familiengeschichte, von der Maxim Biller, der in diesem Jahr seinen sechzigsten Geburtstag feiern wird, seit dreißig Jahren in seinen Geschichten erzählt. Der Ich-Erzähler ist ein junger jüdischer Mann, der mal mehr, mal weniger, mal gar nicht seinem Autor ähnelt. Gewiss aber stammt er aus Prag, oder einem anderen Ort der ČSSR, und ebenso gewiss stammen die Eltern, ein Elternteil (vielleicht auch nur der Großvater) aus der Sowjetunion, vielleicht hat auch nur einer der Eltern dort studiert.

Und wie jede jüdische Familie in Europa ist auch diese von der „schrecklichsten aller schrecklichen Zeiten“ nachhaltig erschüttert, wie es in der Geschichte „Ein trauriger Sohn für Pollok“, die 1994 erstmals erschienen ist, knapp und präzise heißt.

Eine undurchsichtige Geschichte, die meist mit den stalinistischen Verhältnissen und der giftigen Hintergrundstrahlung des Antisemitismus zu tun hat, bringt die Familie nach Prag (zurück). Vater und Mutter haben Probleme, die sich auch nicht bessern, als die Familie nach dem Prager Frühling nach Deutschland emigriert.

„Nein“, heißt es in „Ein trauriger Sohn für Pollok“ lakonisch, „die Polloks haben im Exil wahrlich keine gute Figur gemacht – wir waren in der Fremde ein­ander noch fremder geworden, die Familienwohnung war nicht mehr der Ort aller Gemeinsamkeit, sondern allein der neutrale Boden, wohin sich jeder zurückzog, um darüber nachzusinnen, wie grässlich es dort draußen, in diesem Deutschland der Deutschen, war.“

Was steckt dahinter, what’s the story? Das fragt sich der Sohn, der mit der Emigration, mit diesen Eltern, sich selbst und oft auch seiner klugen, dominanten Schwester zurechtkommen muss. Eine gute Frage, weil „ein Kind, das vergeblich auf seine Familiengeschichte wartet, weil es mangels adäquater Worte ohne Antwort bleibt, isoliert ist wie ein Gefangener“, wie Jacques Hassoun geschrieben hat.

Liebe, Verrat, Schuld

Überlieferung ist eine zentrale Komponente jeder Kultur, meint der französische Psychoanalytiker, weil wir nur im Licht des Früheren eine Diskontinuität erkennen und ihr begegnen könnten: Wenn die Überlieferung scheitert, wird die Diskontinuität zum Rätsel.

Vor solchen Rätseln stehen alle Erzählersöhne Maxim Billers, die mit ihren Eltern ins nicht gelobte „Deutschland der Deutschen“ emigrierten, konkret ins Westdeutschland der 1970er Jahre, das ihnen trotz dessen Vergangenheit wie in Hort der Sicherheit erscheint.

Billers Geschichten folgen also auch Mustern. Wer nun auf den Gedanken kommt, das sei langweilig, da werde immer dieselbe Geschichte erzählt, der irrt, weil es in jeder Geschichte neue Aspekte des menschlichen Daseins, der Liebe, des Verrats, der Schuld, der Lust am Bösen, des Leidens am nicht Überlieferten zu entdecken gibt.

Diese, wegen ihrer traditionellen Form von manchen Kritikern geschmähte, Literatur geht auf die Feuerstellen unserer Vorfahren zurück, ist den minutiösen Protokollen autofiktional ihren Alltag ausstellender zeitgenössischer Subjekte demnach einige Hunderttausend Jahre voraus.

Wegen ihres universellen Charakters weist sie weit über eine spezifische jüdische Geschichte hinaus. Es sind menschliche Geschichten, die Biller erzählt, und doch stellt sich die Frage, warum etwa den Sohn Polloks eine Frage umtreibt, die sich andere Söhne gar nicht erst stellen: „Warum Vater und Mutter und auch ich niemals miteinander glücklich wurden.“

Eine andere Geschichte in diesem Band handelt von einem Sohn, dessen Leben daran scheitert, dass er „vergeblich auf seine Familiengeschichte wartet“. Seinen Vater, mit dem er im Streit liegt, hat er seit Jahren nicht mehr gesehen. Der Vater hegte einen dem Sohn unverständlichen Hass auf das deutsche Wort „Tschüss“, der Sohn vermutet hier den Kern des Familiengeheimnisses, das er dem Vater nun entlocken will. Es gibt ein solches Geheimnis, nur verhält es sich mit ihm anders, als der Sohn vermutet hat: „Das Leben ist so schwer und so einfach wie jedes Geheimnis, das man nicht löst.“

Als vor drei Jahren Maxim Billers Vater starb, veröffentlichte der Autor in der Zeit einen Text mit der Überschrift „Kaddisch für meinen Vater“, der stilistisch an die Biller’schen Geschichten erinnerte. „Ich hab’ auch schon ein Buch über meinen Vater geschrieben“, erklärt Biller auf dem Neuen Jüdischen Friedhof in Prag dem Rabbiner Sidon. „Wahrscheinlich handelt fast jedes meiner Bücher von ihm.“

Auf die Frage des Rabbiners, worum es bei diesen Geschichten gegangen sei, antwortet der Schriftsteller: „Dass ich immer anderer Meinung war als er. Und dass er im Kommunismus ein Mensch geblieben ist und kein Verbrecher wurde. Und dass er mir beigebracht hat, mich immer mit den Chefs anzulegen – und dass sich das leider manchmal auch gegen ihn wendete.“

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