Erste Nacht des Zirkus in Deutschland: Akrobatische Geschichten

Das Zusammenspiel von Menschen und Objekten neu zu bestimmen, ist ein Merkmal des Neuen Zirkus. Das konnte man bei der „Nuit du Cirque“ entdecken.

Eine Akrobatin balacniert über die Köpfe stehender Männer

Szene aus der australischen Boden­akrobatik-Show „Humans 2.0“ im Berliner Chamäleon ​ Foto: Pedro Greig

Der Neue Zirkus macht mobil. Weltweit war das vergangene Wochenende dieser noch jungen Spielform gewidmet. In mehr als 220 Städten fand die „Nuit du Cirque“ statt. Die Initiative geht von Frankreich aus, dem Herzland des Cirque Nouveau. Die „Nuit du Cirque“ soll ähnlich Furore machen wie die Fête de la Musique. Auch deren Ursprungsidee kommt aus Frankreich. Hierzulande firmierte die Zirkusnacht unter dem Label „Zeit für Zirkus“ und 19 Spielstätten in 13 Städten nahmen daran teil. Die Zirkusnacht begann dabei am Tag.

In der Bremer Schaulust etwa, Teil eines Kunstquartiers in einem ehemaligen Güterbahnhof, installierte der Jonglagekünstler Benjamin Richter ein Labor zur Erforschung der „Language of Objekts“. Richter jongliert mit Weingläsern und weißen Stelen. Ihm geht es nicht darum, so viel Objekte wie möglich in der Luft zu halten, sondern im Zusammenspiel von Körper und Objekten Metaphern im Raum zu erzeugen, erzählt er.

Richter betreibt die Jonglagekunst praktisch und wissenschaftlich. Er lehrt und forscht am Artistikbereich der University of the Arts in Stockholm und ist mit seiner Performance „Taktil“ unterwegs. Bei ihm fällt auf, wie Form und Bewegungsqualität der Objekte auf die Bewegungen des Körpers abfärben. „Der Körper ist das Objekt, das du bewohnst“, erklärt Richter er.

Ein Merkmal des Neuen Zirkus ist, das Zusammenspiel von Menschen und Objekten neu zu entdecken. Ein anderes, über dieses Zusammenspiel Geschichten zu erzählen. „Der Neue Zirkus ist auch sehr interdisziplinär, mit Tanzelementen, Sprechtheater, Musik und den Zirkusdisziplinen. Es geht dabei aber nicht darum, einen Trick zu zeigen und sich dafür feiern zu lassen. Es ist vielmehr so: Ich habe eine Geschichte, ich möchte etwas erzählen. Und dann frage ich mich: Was brauche ich dafür?“, beschreibt Leo­nie Grützmacher den Ansatz.

Grützmacher hat selbst viele Jahre bei einem Kinder- und Jugendzirkus in Heidelberg mitgespielt und organisiert jetzt gemeinsam mit Alice Greenhill „Zeit für Zirkus“.

Weg von „immer höher, immer mehr“

Dass Greenhill, eine gebürtige Französin, bei „Zeit für Zirkus“ dabei ist, hat eine historische Logik. Denn der zeitgenössische Zirkus ist ein Kind des Mai 1968 in Paris. „Die jungen Kreativen zu der Zeit stammten nicht aus Zirkusfamilien, sie waren gegen Normen und Konventionen, und gegen die kapitalistische Gesellschaft. Im Zeitgenössischen Zirkus geht es auch deshalb nicht um immer mehr und immer höher“, erzählt sie.

In Frankreich hat sich die Kunstform mittlerweile durchgesetzt, mit Förderprogrammen, Spielstätten, Ausbildungseinrichtungen und vielen Künstlerinnen und Künstlern. „Zeit für Zirkus“ möchte eine solche Entwicklung auch für Deutschland initiieren. „Wir wollen eine bundesweite Plattform schaffen und für mehr Sichtbarkeit für den zeitgenössischen Zirkus in Deutschland sorgen“, meint Greenhill.

Zu den sichtbar gemachten Orten gehört auch der „Openspace“ in Bochum, eine ehemalige Industriehalle, die zur Trainingsstätte für Artisten umgebaut wurde, vor allem für die in den Straßen erprobten Bewegungskünsten wie Parkour, Tricking und Biken. Hier versammelten sich am Tag vor der Zirkusnacht Interessierte für Akrobatik am Vertikaltuch und am chinesischen Mast. Nach kurzem Aufwärmtraining vollführten sie erste Übungen. Sie schlangen ihre Beine in die von der Decke herabfallenden Tücher oder ließen die Oberkörper im rechten Winkel von der vertikal aufragenden Eisenstange des chinesischen Masts abstehen.

Verbindung mit der Straßenkunst

Der „Openspace“ ist ein rasant wachsendes Zentrum des zeitgenössischen Zirkus. „Idee von ‚Openspace‘ ist es, jugendliche Protagonisten der Straßenkunst mit Profis aus Artistik, Tanz und Bewegungskunst zusammenzubringen“, erzählt Axel Hupertz. Aus diesem Grunde sind Hindernisse fürs Parkour-Training und Rampen für Fahrradartisten in die Halle gebaut. Von den gewaltigen Lastenkränen, die vom Industriezeitalter übrig geblieben sind, hängen Seile herunter. Auch Tanzboden ist verlegt. Viele Disziplinen können hier gleichzeitig betrieben werden.

Hupertz hat aber noch viel mehr vor. Er und seine Mit­strei­te­r*in­nen wollen eine Artistenschule aufbauen, mit dreijähriger Ausbildung und staatlich anerkanntem Abschluss. „Erste Gespräche mit dem Bildungsministerium hat es bereits gegeben. Wir arbeiten jetzt an Konzepten. Und wenn alles gut geht, kann der erste Jahrgang im Jahr 2024 anfangen“, sagt Hupertz. Gemeinsam mit der Folkwang-Schule soll zudem ein Studiengang Artistik eingerichtet werden.

Bedarf dafür besteht. „Wer zeitgenössischen Zirkus als Beruf erlernen will, muss gegenwärtig vor allem ins Ausland gehen. Viele der gut ausgebildeten Künstler bleiben dann leider auch im Ausland“, erzählt Alice Greenhill. Die Bochumer wollen dieses Manko beseitigen.

Alte Industriehallen nutzen

Schulinitiator Hupertz denkt sogar noch weiter, ans ganze Ökosystem zeitgenössischer Zirkus. „Wir haben hier im Ruhrgebiet viele ehemalige Industriehallen. Einige von ihnen können gut als Spielstätten für den zeitgenössischen Zirkus genutzt werden“, meint er.

Die Betreiber der klassischen Theaterhäuser, die für dieses junge Genre theoretisch auch gut nutzbar wären, halten sich bislang noch vornehm zurück. „Technisch wäre es für die großen Häuser kein Problem. Wir haben hier einen denkmalgeschützten Ballsaal im zweiten Stock eines Gebäudes und präsentieren seit Jahren schon Neuen Zirkus“, sagt trocken Anke Politz vom Berliner Chamäleon.

Das Chamäleon ist Vorreiter des Neuen Zirkus in Deutschland, hat sich vom Varieté vor mehr als zehn Jahren schon zur Spielstätte des Neuen Zirkus gewandelt. Im Rahmen von „Zeit für Zirkus“ zeigt das Chamäleon die australische Bodenakrobatik-Show „Humans 2.0“.

In Köln, einer weiteren Bastion des Neuen Zirkus, fand während des Festivals in einem echten Zirkuszelt unter anderem die Premiere von „3 x Eva“ statt. Das ist ein autobiografisch geprägtes Stück dreier Performerinnen über ihre Erfahrungen in Ballett, Turnen und Kinderzirkus. In eindrucksvollen Bildern ging es um Klischees von Weiblichkeit in der Artistik, um sexuelle Aufladung und um Missbrauchserfahrungen. Der Neue Zirkus war hier so politisch, dass sogar der Bogen zurück zu den Anfängen im Pariser Mai 1968 geschlagen wurde.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de