Entschädigungen für Aborigines: Ein erster Schritt zur Versöhnung

Aborigines, die einst ihren Eltern entrissen worden waren, begrüßen die geplante Entschädigung durch Australiens Regierung. Doch es bleibt noch viel zu tun.

Eine ältere Frau sitzt vor einem Krankenbett

Die Aboriginal Ria Wight gehört in Australien zur „gestohlenen Generation“ Foto: Loren Elliot/reuters

CANBERRA taz | Eileen Cummings sei außer sich vor Freude, sagen ihre Freunde beim australischen Sender ABC. Selbst sprechen wolle die betagte Aboriginal-Frau nicht, zu aufgewühlt sei sie. Als kleines Mädchen gewaltsam von Behörden ihren Eltern entrissen, könne sie kaum glauben, dass ihr langer Kampf für Gerechtigkeit endlich Erfolg hatte.

Cummings reagierte auf die Ankündigung der australischen Regierung, eine Gruppe von 3.600 Überlebenden für die Praxis der gewaltsamen Umsiedlung von Aboriginal-Kindern zu entschädigen. Umgerechnet rund 47.000 Euro soll jedes Mitglied der sogenannten „Gestohlenen Generationen“ erhalten.

Für viele Ureinwohner Australiens ist die oftmals gewaltsam vollzogene Entfernung von Kindern von ihren Eltern nichts anderes als eine weitere Form des versuchten Genozids an den ersten Völkern des Kontinents. In den Jahren nach der Invasion Australiens durch die Briten 1788 sahen viele Weiße Aborigines mehr als Tiere denn als Menschen. Sie wurden vergiftet, erschlagen, versklavt, entrechtet, von ihrem Boden vertrieben. Tausende starben an den Folgen eingeschleppter Krankheiten, gegen die sie keine natürliche Abwehr hatten.

Das Blut jener, die überlebten, wurde mit dem der Besatzer durchmischt – meist durch Vergewaltigung, ganz selten mal durch Liebe. Das Ergebnis waren Mischlingskinder. „Creamies“, so die abschätzige Bezeichnung für die Hellhäutigen.

Missbrauch der entrissenen Kinder war verbreitet

Zu Tausenden wurden sie zwischen 1910 und 1972 ihren Eltern weggenommen, in Kinderheimen versorgt, oftmals in kirchlichen Institutionen. Auch wenn es positive Ausnahmen gab: in vielen Fällen wurden die Kinder in weißen Haushalten als billige Arbeitskräfte ausgenutzt. Sexueller, psychischer Missbrauch gehörte oft zum Alltag.

Assimilierung war das Ziel – Eingliederung in die weiße Gesellschaft. Denn niemand glaubte, dass die indigenen Kulturen Australiens in der modernen Welt noch eine Zukunft haben könnten. Betroffene leiden bis heute unter dem Schmerz des Unrechts. Viele haben keine Identität: sie fühlen sich weder ihrer schwarzen noch der weißen Kultur zugehörig. Der Faden zu ihrer Geschichte ist gerissen.

Auch wenn Aboriginal-Organisationen die jüngste Kompensation mehrheitlich begrüßen, kann von Enthusiasmus nicht Rede sein. Zum einen kommen nur jene Menschen in den Genuss der Abfindung, die zum Zeitpunkt ihrer Entführung in drei Territorien gelebt hatten, die unter direkter Kontrolle der nationalen Regierung standen.

Landesweit warten noch Zehntausende weitere Betroffene auf Gerechtigkeit: zwischen 10 und 30 Prozent der rund 800.000 indigenen Aus­tra­lie­r:in­nen sollen Schätzungen zufolge zu den „Gestohlenen Generationen“ gehören. Die Regierungen einzelner Bundesstaaten sind zwar daran, ähnliche Kompensationsschemen zu entwickeln.

Die Zeit drängt

Doch die Zeit drängt: viele der Betroffenen sind inzwischen 70 bis 80 Jahre alt. Es sind jene, welche die Langzeitfolgen dieser grausamen Politik überlebt haben. Tausende andere sind nicht mehr da: Alkoholmissbrauch, körperliche und psychische Krankheiten und in so vielen Fällen sind Suizide endemisch unter den Betroffenen.

Beobachter werteten die Ankündigung Canberras als wichtigen Schritt auf einem langen Weg zur Versöhnung. Viel mehr aber sei zu tun, um die Lebenssituation nicht nur der Mitglieder der „Gestohlenen Generationen“ grundlegend zu verbessern, sondern der meisten Angehörigen der ersten Nationen Australiens.

Trotz signifikanter Investitionen durch den Staat in den letzten Jahrzehnten haben Aborigines im Durchschnitt noch immer eine bis zu zehn Jahre kürzere Lebenserwartung als nicht indigene Australier. Die Gründe wären oft verhinderbar: mangelhafte Gesundheitsvorsorge und Krankheiten, die es sonst nur noch in Entwicklungsländern gibt. Ein Mangel an Ausbildung, Diskriminierung im Arbeitsmarkt und vielerorts noch endemischer Rassismus tragen zur Situation bei.

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