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Engergiesperren wegen ArmutArm im Dunkeln

Die Zahl der Stromsperren in Berlin steigt rasant, zeigt eine Anfrage. Die Linke fordert ein Verbot, doch der Senat sieht keinen Handlungsbedarf.

Glücklich ist der, der die Gasrechnung bezahlen kann Foto: Jens Kalaene/dpa

Immer mehr Ber­li­ne­r:in­nen wird Strom und Heizung abgestellt, weil sie zu arm sind. Das ergaben drei parlamentarische Anfragen der Linken. Allein die Zahl der Stromsperren hat sich in Berlin in den letzten beiden Jahren verdoppelt. Wurde 2023 noch in 5.569 Fällen Haushalten die Stromversorgung gekappt, waren es 2025 11.954. Die Gasversorgung wurde in 1.157 Fällen eingestellt.

Die Verdopplung sei ein „alarmierendes Zeichen“ kommentiert der energiepolitische Sprecher der Linken, Philip Bertram, die Ergebnisse der Anfrage. Der Anstieg zeige, wie sehr die hohen Strompreise auch Privathaushalte belasten.

Energiesperren werden von den versorgenden Unternehmen verhängt, wenn die Kunden nicht ihren Zahlungen nachkommen. Meist erfolgen die Sperrungen nach mehrmaligen Warnungen und können durch Vereinbarung einer Ratenzahlung noch abgewendet werden.

Um riesige Summen handelte es sich dabei häufig nicht. Der Stromversorger Vattenfall gibt in der Antwort an, der durchschnittliche Zahlungsrückstand zum Zeitpunkt der Sperre lag bei 400 Euro. Eine Gassperre werde ab einem Rückstand von 150 Euro eingeleitet, heißt es in der Anfrage.

Schuldenfalle Grundversorgung

Die überwiegende Mehrheit der Betroffenen bezieht Strom über die deutlich teurere Grundversorgung. Schließt eine Mieterin nicht aktiv einen Stromvertrag ab, bezieht sie automatisch den teureren Basistarif. Von den 11.540 Unterbrechungen waren 10.265 Kunden des Basistarifs.

Das sei kein Zufall, sagt Katina Schubert, sozialpolitische Sprecherin der Linken. „In der Grundversorgung landen meist Menschen, die aufgrund von Schufa-Einträgen woanders nicht unterkommen.“ Weil sie nun durch diesen überteuerten Tarif gefangen sind, gerieten sie gleich in die nächste Schuldenfalle. Der Basistarif ist fast um ein Viertel teurer als der ohnehin nicht günstige Standard-Ökostromtarif Vattenfalls.

Für viele, denen eine Sperre droht, ist die Energieschuldenberatung der Verbraucherzentrale die letzte Hoffnung. „Viele kommen erst, wenn der Prozess schon weit fortgeschritten ist. Manchmal ist es nicht möglich, die Sperre zu verhindern“, sagt Energieschuldenberaterin Elisabeth Grauel.

Auch Kinder betroffen

Es seien unterschiedlichste Menschen, die zu ihr kämen, berichtet Grauel. „Sie haben meist ein geringes Einkommen oder sind Sozialleistungsbezieher“, sagt Grauel. In etwa ein Drittel der Haushalte würden auch Kinder leben, berichtet die Energieschuldenberaterin.

Besonders Bür­ger­geld­emp­fän­ge­r:in­nen seien gefährdet. „Der Pauschalbetrag reicht in der Regel nicht aus“, so Grauel. Vorgesehen im Regelsatz sind zum Beispiel 47,73 Euro pro Monat für Stromkosten für einen Einpersonenhaushalt. Verbraucht diese Person 1.500 Kilowattstunden im Jahr, kostet sie das 67,50 Euro pro Monat in der Grundversorgung. Menschen, die in ihrer Wohnung einen Durchlauferhitzer oder Boiler hätten, „müssen besonders aufpassen“, sagt Grauel.

Erstaunlich ist, dass der 400.000 Euro schwere Härtefallfonds Energieschulden nur zweimal in Anspruch genommen wurde. Dies lag aber weniger an der mangelnden Nachfrage – insgesamt gab es 2025 195 Anträge –, sondern an den unerfüllbaren Kriterien. So ist eine Zahlung bei „Selbstverschulden“ ausgeschlossen, für So­zi­al­hil­fe­emp­fän­ge­r:in­nen wird grundsätzlich nichts übernommen.

Der Fonds fiel in den Haushaltsverhandlungen des vergangenen Jahres dem Rotstift zum Opfer, mit der Begründung, er wäre ja kaum in Anspruch genommen worden. Taylan Kurt, sozialpolitischer Sprecher der Grünen, wirft dem Senat „Rechentricks“ vor. „Ein Problem unsichtbar zu machen, sorgt nicht dafür, dass es verschwindet“, sagt Kurt.

Mangel am Nötigsten

In der Antwort auf die Linkenanfrage behauptet der Senat, die bestehenden Hilfs- und Beratungsangebote seien ausreichend. „Das ist Quatsch“, kritisiert Kurt. Es gebe bei Energiearmut eine hohe Dunkelziffer, die nicht in der Statistik auftauche. Allein die Zahl von 75.440 Sperrankündigungen, die Vattenfall versendet hat, zeigt, wie groß das Problem sei.

„Das werden Menschen sein, die sich das Geld vom Munde abgespart haben“, sagt Kurt. Um die Energieschulden zu bezahlen, würden sich viele anderswo verschulden oder auf andere grundlegende Dinge wie Essen oder gesellschaftliche Teilhabe verzichten. „Das ist Politik gegen Menschen mit wenig Geld“, sagt Kurt.

Philip Bertram fordert daher ein grundsätzliches Verbot von Energiesperren. „Die Versorgung mit Energie gehört zum Grundbedarf für ein menschenwürdiges Leben, ohne Strom kein Licht, kein warmes Essen, keine Kommunikation, oft keine Heizung“, sagt der energiepolitische Sprecher. Das Mindeste sei die Einführung einer zusätzlichen behördlichen Prüfung. „Nur so kann sichergestellt werden, dass insbesondere besonders schutzbedürftigen Haushalten mit Kindern, Schwangeren und auf die Stromversorgung angewiesenen Kranken nicht die nötige Energie abgestellt wird und Sozialbehörden und Jugendämter rechtzeitig aktiv werden.“

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