: Eismann, wir wissen, wo dein Auto steht!
Die nordhessische Kleinstadt, in der ich aufgewachsen bin, hat nicht sonderlich viel zu bieten. Einen Bahnhof etwa gibt es in Homberg (Efze) nicht. Dafür aber den besten Sommerjob der Welt.
Das liegt an dem Eiscafé, das meinen Wachstumsprozess über die Jahre mit vielen Kugeln Eis – hauptsächlich Erdbeere – unterstützt hat. Betrieben wird es von Maria und Angelo Bressan, und inzwischen auch von ihrem Sohn Simone. Während der Zeit rund um mein Abitur, dieser kuriosen Phase zwischen Schule und dem Rest des Lebens, hatte ich dort einen Schülerjob. Allerdings nicht einfach nur hinter der Eistheke. Sondern als Fahrer des Eiswagens.
An zwei Tagen pro Woche übernahm ich den alten VW-Bus. Ohne Servolenkung, ohne Tankanzeige. Auf dem Armaturenbrett klebte ein Kreppband, auf dem stand: „Dienstag, Freitag tanken“. Dafür hatte der Bus den gefrorenen Sommer dabei. Mittags wurde er im Eiscafé voll geladen, dann starteten wir unsere Route durch die umliegenden Dörfer. Alle paar hundert Meter betätigte ich die Klingel, die sich anhörte wie in einer alten Schule: rrrrriiiiiiiiiing!
Schon nach wenigen Wochen kannte ich viele Kund:innen entlang meiner Strecke, von Verna über Lenderscheid bis nach Großropperhausen. Ich wusste, wo ich etwas länger auf Menschen warten musste, die nicht mehr so schnell zu Fuß waren. Wer immer drei Kugeln mit Sahne bestellt. Wer wann im Urlaub war.
„Nächste Woche brauchen Sie hier nicht warten“, sagten die Leute dann, „Da sind wir an der Ostsee.“ Ein älterer Herr verabschiedete sich jedes Mal mit „Firma dankt, der Chef lässt grüßen“. Und ein Paar bezahlte immer passend, das Kleingeld sammelten sie nach ihren Einkäufen. Wenn mir mal eine Waffel beim Befüllen zerbrach, entsorgte ich sie samt Inhalt sicher in meinem Magen. Auch sonst aß ich bis zu vier Kugeln täglich.
Inzwischen ist meine Zeit als Eiswagenfahrer fast elf Jahre her. Vom Schreibtisch aus habe ich trotzdem immer noch mit dem Eisbus zu tun. Während meines Sommerjobs riefen nämlich oft Menschen im Eiscafé an, um zu fragen, wann der Bus denn kommt. Irgendwann meinte Angelo: „Wenn es da eine App gäbe, das wäre doch toll.“ Über Wochen überlegte ich, wie so etwas aussehen und funktionieren könnte. Programmieren konnte ich, zumindest die Grundlagen. Das Abitur hatte ich inzwischen hinter mir und daher relativ viel Zeit.
Vier Wochen später konnte ich Angelo einen ersten Prototyp zeigen: eine iPhone-App mit Kartenansicht. Wir überlegten gemeinsam, was noch fehlt – und machen das bis heute. Mehr als zehn Jahre später ist die App für iPhones und Android-Telefone verfügbar, Nutzer:innen können die aktuellen Eissorten sehen und sich für Benachrichtigungen anmelden, wenn der Bus in ihren Ort fährt.
Die App erfreut sich großer Beliebtheit. So richtig klar wird das immer erst, wenn etwas nicht funktioniert. Zum Beispiel, wenn die schlechte Netzabdeckung im Schwalm-Eder-Kreis dazu führt, dass der Eiswagen nicht geortet werden kann. Dann schreibt Angelo mir eine Nachricht: „SOS, bitte anrufen!“ Wir besprechen kurz das Problem, ich verspreche mich zu kümmern und dann reden wir über das Radfahren, Angelos große Leidenschaft, und alles andere, was uns gerade beschäftigt.
So hatte ich nicht nur einen Sommer lang den besten Job der Welt, sondern habe noch immer einen Teil davon in meinem Leben.
Yannik Achternbosch
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