„Eiskönigin“ als Musical in Hamburg: In der Illusionsmaschine

Der Disney-Stoff von der Liebe zweier Schwestern kommt beim Publikum gut an. Die Frage ist nur: warum?

Zwei junge Frauen in Fantasiekleidern gehen Hand in Hand eine Treppe hinunter

Zu schön, um wahr zu sein: Eiskönigin Elsa und ihre Schwester Anna auf der Hamburger Musical-Bühne Foto: Christian Charisius / dpa

Bei Thomas Gottschalk war’s, beim „Wetten, dass…“-Comeback Samstagabend im ZDF, als es dann auch die Letzten erfuhren. „Wir machen euch jetzt eine Freude“, wandte sich der Talkmaster vertraulich ans Publikum, Millionen Menschen hätten ja „Frozen“ gesehen, „diesen Disneyfilm mit den beiden Prinzessinnen Anna und Elsa“ – Gottschalk setzte ein Lächeln auf und tat, als ob er entzückte Rufe aus dem Saal imitieren würde: „Oooh, aaah!“ Lächeln aus. „Ab übermorgen gibt es das als Musical in Hamburg“, und man kann das dann sogar „in 3D“ sehen, „das bedeutet, es ist alles echt.“

Und dann sind sie tatsächlich wie durch ein Wunder alle da auf der „Wetten, dass…“-Bühne, das ganze Ensemble der „Eiskönigin“ mit Elsa und Anna, aber ihr Auftritt ist kein Wunder, sondern ein PR-Coup. Gezeigt werden die Highlights aus dem Musical, die Szene, als sich die Türen des Palastes zur Krönungsfeier öffnen, die Szene, in der die Eiskönigin ihr Eisköniginnenlied singt, und der Applaus in der „Wetten, dass…“-Halle in Nürnberg ist groß und echt.

Übertritt ins Märchenreich

Für den Auftritt bei „Wetten, dass…“ wurde die Hamburger Premiere sogar um einen Tag geschoben, teilt die Stage Entertainment in Hamburg mit, die das Musical unter Disney-Lizenz produziert. Der Film „Frozen“, auf deutsch „Die Eiskönigin – völlig unverfroren“, lief 2013 an und spielte seither über eine Milliarde Dollar ein, im Disney-Universum nur getoppt von „Die Eiskönigin 2“ von 2019. Seit 2018 wird am Broadway das Musical gegeben, Hamburg gehört mit Melbourne, London und Tokio zu den Städten im Ausland, in denen es ab diesem Jahr ebenfalls zu sehen ist.

Ein paar Tage nach der Hamburger Premiere, an einem diesigen Novemberabend, liegt die Fähre schon bereit, die das Publikum von den Landungsbrücken hinüber auf die andere Elbseite bringen soll. Vielleicht ist es die letzte Fähre für diese Vorstellung? „Entschuldigen Sie“, fragt eine ältere Dame den Mann, der die Leute an Bord winkt, „fahren die Schiffe im Zehnminu­tentakt? Wir würden gerne noch was essen“, die Antwort geht im Lärm der anfahrenden Motoren unter.

Mit der Fahrt in die Dämmerung der dunstigen Elbe beginnt der Übertritt ins Märchenreich. Aus der Hafencity dringen die Lichter der Elbphilharmonie herüber, vorne kommen aus der Dunkelheit die Musicalhallen auf der anderen Elbseite näher.

Auf dem Schiff befinden sich fast ausschließlich junge Paare, zwischendrin auch Freundinnen, aber vor allem junge Paare. Als das Ufer näher kommt, machen sie Selfies vor den immer größer werdenden, leuchtenden Musicalhallen. Es sind Beweisfotos: Wir sind wirklich da, bei der Eiskönigin! Sie wird in der linken Halle gegeben werden, der Schriftzug auf der eisblauen Außenhülle verrät es. Rechts spielt der „König der Löwen“, und zwischen beiden Hallen, in der Mitte, geht eine Art Laufsteg hoch, „Musical Boulevard Hamburg“ steht darüber.

Das Innere der Musicalhalle erinnert an ein Spielcasino. Im Foyer dämpft dicker roter Teppichboden die Geräusche, das männliche Personal trägt rote Hosenträger über weißem Hemd. Menschen sitzen in kleinen Gruppen auf Sitzbänken, stehen mit ihren Getränken an Stehtischen, etwas abseits ist eine Fotowand platziert mit den Schwestern Anna und Elsa im Zentrum, genauer: ihren beiden Darstellerinnen, die hier gleich auftreten werden. Eine Schulklasse kommt zur Fotowand, die Lehrerinnen fotografieren mit den Handys, die Masken dürfen für das Foto ab.

Drinnen im Saal pulsen bereits Polarlichter über den Vorhang, der irgendwie durchlässig zu sein scheint, eine Stimme aus dem Off kündigt die Vorstellung an, samt Dirigent und den unsichtbaren Musikern im Orchestergraben. Die Musik kommt dann aber doch irgendwie aus den gigantischen Lautsprechertürmen, die rechts und links von der Bühne aufgebaut sind.

Die Vorstellung selbst ist ein Spektakel aus Bewegung, Lichteffekten und Gesang, Menschenmassen wirbeln über die Bühne, Fenster öffnen sich zu einer Außenwelt, aus der bemooste, magische Wesen dringen, und später erhebt sich in der Mitte der Palast der Eiskönigin, glitzernd und kalt, und sie singt, einsam in der Kälte, ihr berühmtes Lied „Let it go“, nur eben auf Deutsch („Lass jetzt los“), und während sie es singt, lässt sie ihren Umhang fallen, und das glitzernde Eisköniginnen-Kleid kommt hervor. Szenenapplaus, die jungen Paare im Publikum sind begeistert und klatschen, so wie sie es bei allen Schlüsselszenen tun, das Klatschen fängt sogar schon vorher an, das Publikum kennt sich aus.

„Ich musste immer wieder vollkommen unkontrolliert weinen!“, schreibt ein User auf der Facebookseite

Eine kleine Umfrage in der Pause: Der beste Moment? Das Lied der Eiskönigin, ganz klar, sagt ein älteres Paar aus Osnabrück, das extra für die Vorstellung nach Hamburg gefahren ist, kleiner Städtetrip. Das Lied der Eiskönigin, meint das Paar aus Berlin, das auf den Lederpolstern um eine Säule sitzt und sich angeregt unterhält, die Aufführung sei wirklich gut, aber das habe man ja schon gewusst. Zwei Freundinnen stehen nahe dem Eingang zum Saal, sie kommen aus dem Hessischen, die eine hat sogar Musical in Hamburg studiert. Die Darstellerin der Eiskönigin sei großartig, sagt sie, in der Musicalwelt sei sie ein Star. „Wie sie da das Kleid genau im richtigen Moment fallen lässt, dieses Timing, das können nur wenige!“ Ihre Freundin nickt.

Im Foyer streifen ein paar kleine Mädchen im Eisköniginnenkostüm umher, aber in dieser Abendvorstellung sind sie klar in der Minderheit, es ist für sie zu spät. Dabei wären vermutlich sie die Expertinnen, genau wie das Teenagermädchen, das nicht mitkonnte, weil sie am nächsten Tag zur Schule musste, aber am nächsten Morgen die richtigen Fragen stellt: „Wie machen sie das mit dem Rentier?“ Zwei Menschen stecken drin. „Und der Schneemann?“ Hat einen Spieler hinter sich. „Ach so. Und das Schneemonster, wie machen sie das?“ Na ja, das kommt gar nicht vor, sie machen das mit Lichteffekten, glaube ich.

Fast geschmolzen

Was aber ist es, was die Leute in das Musical treibt? Ist es das Verlangen, mit echten Menschen zu sehen, was sie nur aus einem Animationsfilm kennen, und darüber zu staunen, wie es überhaupt technisch möglich ist, Eispaläste und Schneestürme auf eine Bühne zu bringen? Oder ist es die Geschichte der beiden Schwestern, von denen die eine durch die Liebe der anderen gerettet wird?

Disneys Die Eiskönigin: Stage Theater am Hafen, Hamburg. Vorstellungen täglich außer dienstags.

Am Ende der Vorstellung gibt es Standing Ovations, die jungen Paare strömen hinaus, die meisten stellen sich in die Schlange zur Garderobe, aber es gibt auch noch eine andere Schlange, sie führt in die Gegenrichtung zur Merchandise-Theke. Dort gibt es kleine Elsa- und Anna-Puppen, aber nicht wenige lassen sich das Rentier in eine Tüte stopfen, obwohl es doch recht groß geraten ist. Am besten aber geht der Schneemann, der im Musical immer an das Gute glaubt und dabei fast geschmolzen wäre.

„Ich musste immer wieder vollkommen unkontrolliert weinen!“, schreibt ein User auf der Facebookseite der Hamburger „Eiskönigin“. Vielleicht sind die Tage von Samstagabend-Fernsehshows wie „Wetten, dass…“ gezählt. Für Musicals gilt das ganz sicher nicht.

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