„Eisfuchs“ von Tanya Tagaq: Sie schlägt sich durch

Sängerin und Autorin Tagaq erzählt rotzig vom Aufwachsen in der kanadischen Arktis. Von Missbrauch, Natur und surrealen Traumwelten.

Porträtbild Tagaq Tanya

„Was ich mache, ist nicht in beabsichtigter Weise politisch oder düster“: Tagaq Tanya Foto: Dave Brosha

Das Leben in Nunavut kann die Hölle sein. Gegen die Kälte des Permafrostbodens helfen in der kanadischen Arktis noch die Kamiit, die Inuit-Stiefel, aber gegen das Gefühl, dass das ganze Sein vor allem im Winter wie eingefroren ist, kann auch die Fußbekleidung nichts ausrichten. Die Welt wirkt hier, an ihrem Rande, bleiern, benommen, betäubt.

„Langeweile­kater. Tiefster Winter. Die Sonne haben wir seit Monaten nicht gesehen. (…) Kältefrei kriegen wir erst ab minus fünfzig Grad, gefühlte Temperatur“, berichtet die Ich-Erzählerin, eine Schülerin im Teenager-Alter.

Sie besucht die Residential School, und in der Schule tauscht sie die brutale Kälte draußen ein gegen den brutalen Pubertätskampf drinnen: „Achte Klasse. Zum Kotzen. Ich habe wieder einmal eine riesige, widerliche Herpesblase am Kinn, aus der Flüssigkeit nässt. Ich versuche (...) mich innerlich gegen die fiesen Bemerkungen zu wappnen, die gleich auf mich herabprasseln werden. ‚Monsterpickel‘ wird jeder mit einer Herpesblase genannt, und das jeden Tag, bis das Ding wieder weg ist.“

Die Sängerin und Autorin Tanya Tagaq ist in Nunavut, im Dorf Iqaluktuuttiaq (Cambridge Bay), aufgewachsen. Nunavut heißt das an Grönland grenzende Inuit-Territorium in Kanada, 39.000 Menschen leben dort, die Gemeinden erreicht man nur per Flugzeug oder Schiff.

Tagaq ist selbst Inuk, sie hat sich als Kehlkopfsängerin in der internationalen Musikszene einen Namen gemacht. Ihr lautmalerischer Gesang mit Anteilen von Murren, Gurren und Maunzen sucht weltweit ihresgleichen. Manchmal klingt es gar wie A-cappella-Death-Metal, was sie macht.

Harter Stoff

Kürzlich hat die 44-Jährige ihr erstes Buch vorgelegt, das nun im Deutschen unter dem Titel „Eisfuchs“ erschienen ist. Darin beschreibt die heute in Toronto lebende Künstlerin, wie sie in der Arktis aufwuchs.

Es ist harter Stoff, Tagaq spricht neben den Pubertätswirren auch von sexuellem Missbrauch, Gewalt und Alkoholismus. Zugleich driftet das Buch, das 2018 unter dem Titel „Split Tooth“ im Englischen erschien, immer wieder in surreale Traumwelten ab. Stilistisch changiert „Eisfuchs“ zwischen Lyrik und Short Storys, die Autorin springt zwischen Zeiten und Genres.

Im Telefongespräch erklärt Tan­ya Tagaq zunächst, dass sie trotz der Härten des Lebens und der widrigen Umwelt gerne in Nunavut Kind war. „Ich bin glücklich, dort aufgewachsen zu sein. Es ist eine kleine Community, die Menschen leben von der Fischerei, wir haben eine starke Verbindung zur Natur. Dort umherzustreifen ist die entspannendste und magischste Sache, die ich kenne. Absolut atemberaubend.“

Tanya Tagaq: „Eisfuchs“. A. d. Engl. v. Anke Caroline Burger, Kunstmann Verlag, München 2020, 196 S., 20 Euro

Das Material für das Buch habe sich eigentlich mehr zufällig im Lauf der Jahre angehäuft: „Ich wollte eigentlich nie Schriftstellerin werden, aber nach all den Jahren des Musikmachens und dem vielen Reisen hat sich viel Schriftliches angesammelt, darunter Erinnerungen und Träume, die ich niedergeschrieben habe, sehr lebensnahe Träume.“ Zudem habe sie auf alte Tagebücher aus Schulzeiten zurückgegriffen.

Ihr Debüt „Eisfuchs“ kreist einerseits um dieses positive Verhältnis von Mensch und Natur, erzählt aber genauso von der finsteren menschlichen Natur, die um sie herum vor allem die finstere männliche Natur ist. So greift der Lehrer der Erzählerin im Unterricht zwischen die Beine, als sei es das Normalste der Welt, er „bohrt seine Finger in meinen Slip / Unter dem Tisch“, später wird sie Zeugin, als ein älteres Mädchen vergewaltigt wird, auch das geschieht fast beiläufig.

Dabei erklärt Tagaq, dass sie und ihr Lektor die schlimmsten Stellen herausgelassen hätten. Sie will „Eisfuchs“ aber weder als besonders abgründiges Buch verstanden noch in einen MeToo-Kontext gestellt wissen. „Was ich mache, ist nicht in beabsichtigter Weise politisch oder düster. Das Buch zeigt einfach, wie die Menschen dort leben.

Comedyshow Realität

Es ist wichtig, dass die Leute verstehen, wie hart es ist, dort zu leben, und welche Folgen es hatte, wie die kanadische Regierung Inuit im 20. Jahrhundert behandelt hat, was das Residential School System angerichtet hat.“

Bis 1996 bestanden die Internate, in denen First-Nations-, Inuit- und Métis-Angehörige segregriert wurden; ähnlich wie in Einrichtungen der katholischen Kirche in Deutschland fand dort massenweise Missbrauch und Gewalt statt. Ende der Neunziger entschuldigte sich Kanada bei den Opfern, 2005 wurde ein Entschädigungsprogramm ins Leben gerufen.

Für die Erzählerin in „Eisfuchs“ ist es im Jugendalter kaum möglich, all das zu kompensieren. Sie versucht sich das Leben zu nehmen, sie schottet sich selbst ab, sie schlägt sich im Wortsinne durch: „Der kleine Scheißer will unbedingt Streit. In einem fort quasselt er, Jungs seien so viel besser als Mädchen. Jungs seien stärker, Jungs seien schneller, und schlauer natürlich auch. Schwule sind eklig und er hasst sie. Mir kommt er vor wie eine lästige Mücke. Ich habe eine Idee. Ich springe vom Geländer und packe ihn von hinten. (…) Problemlos bringe ich ihn zu Fall, drücke ihn zu Boden und fordere die anderen auf, mir zu helfen. Wir lachen wie die Wahnsinnigen.“

Humor, Musik und auch Drogen lassen die Erzählerin Vieles vergessen, sie schnüffelt Butangas oder kifft, hört AC/DC und kleidet sich von oben bis unten in Neon-Klamotten. Mit ihren Freunden lacht sie „über die idiotische Comedyshow, die als Realität bezeichnet wird. Wie heilsam.“

Aber „Eisfuchs“ kann man weder auf die Coming-of-Age- noch auf die Missbrauchserzählung reduzieren, dann würde man all die traumartigen Passagen, das mystische Erzählen und das verstörende Ende, das hier nicht gespoilert werden soll, außen vor lassen. Dabei scheinen die Traumwelten, viele sexueller Natur, die Erzählerin verarbeiten zu lassen, was alles geschehen ist, ohne dass je darüber gesprochen wurde. Da bekommt das Buch eine psychoanalytische Dimension, ebenso in dem Plot.

Den Überlebenden der Residential Schools gewidmet

Die politische Ebene schwingt ohnehin immer mit, so widmet Tagaq das Buch den „Überlebenden der Residential Schools“ und den „verschwundenen und ermordeten indigenen Frauen und Mädchen Kanadas“. Denn auch das spurlose Verschwinden indigener Frauen und der Mord an ihnen blieben lange unaufgearbeitet. Zwischen 1980 und 2012 wurden 1.017 Mordfälle bestätigt, eine Untersuchungskommission stufte die Fälle 2019 als „race-based genocide of Indigenous peoples“ ein – Premier Justin Trudeau kündigte daraufhin einen nationalen Ak­tions­plan an.

Für die sexuelle Gewalt findet Tagaq immer wieder drastische Worte, im eingestreuten lyrischen Essay „Kollektiver Bewusstseinswandel“ schreibt sie: „Während wir / Unsere Kotze essen / Vom Speisesaalboden / Der Residential School / Vom Boden einer Pornokulisse / Facial als Strafe für alle“.

Die Stärke von „Eisfuchs“ besteht darin, dass Tagaq all das in eine sprachlich starke Fiktion einbindet, in der das Opfersein nicht fetischisiert wird, in der sie das (christliche) Narrativ von Scham verdammt. Ihr Buch kommt rotzig und lebensbejahend daher, die Erzählerin kommt darin als beeindruckend starke Person herüber, die Wege gefunden hat, sich von den Wunden der Kindheit zu kurieren. Und darin dürfte sie dann doch einiges mit der großen Künstlerin Tanya Tagaq gemein haben.

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