: Einfach mal spritzen
Der Wunsch zur Selbstoptimierung verdrängt oft Skepsis. Auch bei Peptiden. Die sollen Schlaf und Schönheit helfen, sind aber in Deutschland nicht zugelassen
Von Donata Künßberg
Spritz dir diese neuen Mittel vom Graumarkt! Dann kannst du einfach auf dem Sofa liegen, während dein Körper ein Hochleistungstraining durchläuft. Deine Leistungsfähigkeit wird steigen, ganz ohne Sport. Du brauchst weniger Schlaf. Deine Haut wird strahlen. Dein Genom erfährt einen Reset. Die irre Rede ist von Peptiden.
Fast jede Maladie soll mit einer Spritze zum Verschwinden gebracht werden. Spritzen-Mixe heißen Glow Stack oder Wolverine Stack. Was sie bewirken sollen, zeigen die Spritzer*innen online mit Vorher-nachher-Slideshows: Ein Gesicht, das vor vier Wochen noch müde und grau aussah – nun mit strahlender Haut und klarem Blick; ein athletischer, fast ausgezehrter Körper mit Muskelrelief, der vor Kurzem noch gemütlicher wirkte. Zeigt man Interesse an der innovativen Selbstbehandlung, schreiben einem umgehend Accounts per Direktnachricht. Man solle sich auf Whatsapp melden, dort könne man die Mittel ganz einfach bestellen. Mit kosmetischen Hilfsmittel wird plötzlich gehandelt wie mit Kokain und Ketamin – denn diese Drogen zu besorgen, ist inzwischen so leicht, dass man auch mal vergessen kann, dass sie verboten sind.
„Biohacking“: Darunter versteht ein extrem wohlhabender Teil der Gesellschaft eine Methodik, die das Leben verlängern soll. Für Schönheitsarbeiter*innen und Selbstoptimierende ohne Tech-Milliarden aber versprechen die gerade skizzierten Eingriffe in körperliche Stoffwechselprozesse vor allem schnelle Attraktivitätsvorteile. Erkenntnisse über Langzeitwirkungen, die vielleicht sogar schaden, statt das Leben zu verlängern, gibt es nicht. Angesichts multipler Weltkrisen kann es als guter Deal erscheinen, lieber schnell noch das Bestmögliche für sich rauszuholen, bevor alles den Bach runtergeht.
Peptide sind Aminosäureketten, die „Befehle an den Körper geben“, die der dann ausführe. So erklärt es ein Youtuber, der zum Thema Biohacking auch eine „Masterclass“ anbietet. Eine Masterclass ist ein aufgezeichneter Video-Kurs, meist hinter einer harten Paywall. Wie solch ein Premium-Abo schaltet angeblich auch die Peptidspritze neue Fähigkeiten des Leibes frei. Wohin die Reise in der Masterclass nicht gehen wird, macht ein Disclaimer vor der Paywall klar: „Die Darstellung erfolgt rein informativ und stellt keine Empfehlung zur Anwendung, Beschaffung oder Selbstmedikation dar.“
Sehr anständig, keine Kaufanleitung zu geben! Immerhin sind diese Peptide in Deutschland nicht als Arzneimittel zugelassen. Der freie Wille, sich selbst dennoch in den vermeintlichen Jungbrunnen zu werfen, wird dann aber mit solchen Aussagen aufgespritzt: „Jeder Mensch, der sich in Deutschland mit Biohacking, mit Optimierung auseinandersetzen möchte, ist gezwungen, sich diese Peptide über solch einen inoffiziellen Weg zu besorgen. Und das machen einem die Hersteller auch sehr einfach, die sind inzwischen wie Amazon.“
Scheidenflora: exzellent!
Die Pharmazeutische Zeitung schreibt, der Hype um Peptide sei ausgelöst worden „durch zugelassene GLP-1-Agonisten wie Semaglutid oder den dualen GLP-1/GIP-Agonisten Tirzepatid, die als Antidiabetika, aber auch zur Gewichtsreduktion eingesetzt werden“. Die meisten kennen das unter dem Namen Ozempic, die „Abnehmspritze“, die auch in Deutschland verschrieben werden kann. In den USA sind weitere Peptide bereits zugelassen. Und US-Gesundheitsminister und Pharmaskeptiker Robert Kennedy Jr. signalisierte im Februar, noch mehr Lockerungen ermöglichen zu wollen.
Dass Biohacker, gerade aus der Tech-Branche, „hohe Experimentierbereitschaft bei der Selbstoptimierung“ zeigen, so die Pharmazeutische Zeitung, exemplifizierte besonders Bryan Johnson. Der Tech-Unternehmer wurde mit seinem Versuch bekannt, dem Alterungsprozess mittels experimenteller Behandlungen davonzusprinten. Jüngst teilte er eine Infografik, der die Welt entnehmen konnte, wie es um die Scheidenflora seiner Partnerin steht: exzellent natürlich, 100 von 100 möglichen Punkten.
Es ist anzunehmen, dass überreiche Menschen wie Bryan Johnson von ausgebildeten Mediziner*innen begleitet werden, die ihnen die informierte Risikobewertung erleichtern können. Aber was machen nun die, die selbst noch nach Überreichtum, Übergesundheit und Überleistungsfähigkeit nur streben? Menschen, die dem oben zitierten Youtuber gelauscht haben, fragen sich, weshalb diese Wundermittel denn nicht von Ärzt*innen verschrieben werden. „Ab wann kann man mit einer Zulassung in Deutschland rechnen? Finde das total spannend und will alle vorgestellten haben …;-)“ Die erste Antwort eines Freigewillten darauf lautet: „Einfach bestellen“. Die zweite: „Vermutlich nie! Einfach bestellen, der Markt ist frei.“
Skepsis, ja Antagonismus gegenüber Marktregulationen und Wissenschaft gesellt sich zum Interesse an Selbstoptimierung: Wären Peptide alle zugelassen, würde Big Pharma ja eh nur die Preise hochtreiben! Weil es noch keine Studien zu Langzeitwirkungen gibt, nehmen Anwender*innen die unbekannten Risiken einfach in Kauf. Bedenken werden weggeschoben: Die tägliche Nahrung sei wahrscheinlich ungesünder als so eine kleine Spritze, so rauscht es im Netz.
Wo bekomm ich das?
Und in Deutschland? Nur eine zarte Membran aus deutschen Zollbeamt*innen schützt die Selbstoptimierer*innen vor der Erfüllung ihrer Wünsche. Wer seiner Peptide dennoch habhaft wurde, muss sich nur noch trauen, die Spritze zu setzen. Die Anwendung soll einfach sein, viel leichter als zum Beispiel Anabolika: „Peptide kannst du dir eigentlich überall reinspritzen“, sagt der Youtuber.
Im Subreddit r/DIYaesthetics teilen Menschen Erfahrungen mit kosmetischen Eigenbehandlungen. Als ginge es ums Haareselbstfärben, werden Kieferkonturen normiert oder die Lippenfülle dem Zeitgeschmack angeglichen. Mit Säure abgeschälte Handrücken, die nun weniger Pigmentflecken zeigen, oder im heimischen Badezimmer geglättete Fältchen erfahren Bewunderung aus der Community. „Mein Ergebnis gefällt mir besser als das der Profis, wahrscheinlich verdünnen die das Botox zu sehr.“ Und das für einen Bruchteil der Kosten.
Wo haben die Menschen das Botox her? Sie bestellen es online, desinfizieren Einmalspritzen mit Chlorox und hauen es sich unter Zuhilfenahme anatomischer Grundkenntnisse in Stirn, Wange oder Hals. Natürlich finden sich hier auch Peptid-Anwender*innen. Dass die Peptide nicht für den Gebrauch am Menschen, sondern für „Research Purposes“ gelabelt sind, also etwa für Tierversuche, schreckt niemanden ab. Denn das muss ja so, noch: wegen des Zolls.
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