: Eine georgische Insel in Berlin
Trotz Kürzungen startet die Deutsche Welle ein neues georgisches Programm. Angesichts der Entwicklungen im Land ist der Blick dort hin bitter nötig
Foto: Moe Zoyari/Zuma/imago
Von Barbara Oertel
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer nimmt sich gemeinhin viel vor. Unlängst äußerte er sich wieder einmal zur Deutschen Welle (DW), dem Auslandsrundfunk der Bundesrepublik Deutschland. Die DW solle zu einer kräftigen Stimme der Freiheit in einer zunehmend autokratisch werdenden Welt werden, heißt es in einer Pressemitteilung des Bundesbeauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) vom 3. Juni 2026.
Der Mann hat Humor. Denn dieser hehre Anspruch soll mit 10 Millionen Euro weniger als im Vorjahr umgesetzt werden. Die DW finanziert sich ausschließlich aus dem Bundeshaushalt. Für 2026 stehen 415 Millionen Euro zur Verfügung. Werden tarifbedingte Mehrkosten von 11 Millionen hinzuaddiert, belaufen sich die Einsparungen auf 21 Millionen Euro. Das bedeutet nicht nur das Aus für das Griechisch-Programm und Abstriche bei den journalistischen Angeboten in anderen Sprachen. Auch 160 Vollzeitstellen stehen auf der Kippe.
Doch gerade in Zeiten klammer Kassen gilt offensichtlich die Devise: „Du hast keine Chance, aber nutze sie!“ Und so gibt es aus dem DW-Medienhaus in der Berliner Voltastraße auch positive Nachrichten zu vermelden.
Die DW erwartet Nachwuchs. Das Kind soll am 3. August 2026 auf die Welt kommen. Dann geht ein Programm auf Georgisch an den Start. Der Newcomer ist Teil eines EU-Förderprojektes im Rahmen der „Informationsschutzschild-Initiative“, die freie Medien stärken und gezielten Desinformationskampagnen etwas entgegensetzen will. Außer der DW sind France Médias Monde (FMM) sowie der polnische Auslandssender TVP World mit im Boot. Während FMM ein Programm auf Armenisch auf die Beine gestellt hat – in Frankreich lebt eine große armenische Diaspora – nimmt TVP World Aserbaidschan unter seine Fittiche. Die Fördersumme aus Brüssel für die drei Programme beträgt insgesamt 11 Millionen Euro und das für einen Zeitraum von 18 Monaten.
Alexandra von Nahmen, langjährige Mitarbeiterin bei der DW und dort seit vergangenem Oktober Leiterin der Hauptabteilung Russia, Ukraine and Eastern Europe, ist gespannt auf die neue Herausforderung. Die DW als deutsches Medienunternehmen könne da eine Lücke schließen, die Nachfrage nach Inhalten auf Georgisch sei enorm, die Gesellschaft und die Medienlandschaft in Georgien seien stark polarisiert. „Das georgische Programm ist auch ein Signal an die Georgier*innen: ihr seid nicht vergessen“, sagt sie.
Den Blick nach Georgien zu richten, ist bitter nötig. Zwar ist die Südkaukasusrepublik seit Dezember 2023 offiziell EU-Beitrittskandidat. Doch unter der Regierungspartei Georgischer Traum nähert sich das Land immer weiter russischen bzw. belarussischen Verhältnissen an. Seit den umstrittenen Parlamentswahlen vom Oktober 2024 finden immer wieder Proteste statt, gegen die Polizeikräfte teilweise mit äußerster Gewalt vorgehen. Häufig kommt es zu Festnahmen und im Nachgang zu obskuren Gerichtsverfahren. Davon sind auch Medienschaffende betroffen. Seit 2025 ist die Journalistin Msia Amaghlobeli, Gründerin der unabhängigen Portale Batumelebi und Netgaseti, in Haft. Sie hatte eine zweijährige Freiheitsstrafe erhalten, weil sie einen Polizisten geohrfeigt haben soll.
Vor über einer Woche wurde Vacho Sanaia, Moderator beim oppositionellen Sender Formula TV, zu zwei Wochen Haft verurteilt. Grund dafür war ein Facebook-Beitrag, in dem Sanaia ranghohe Vertreter des Georgischen Traums beleidigt haben soll. Angestrengt hatte das Verfahren eine im Juni neu gegründete Abteilung des Innenministeriums. Ihr Auftrag lautet: Kampf gegen „beleidigende Kampagnen“ und „aggressive öffentliche Kommunikation“.
Anlässlich des diesjährigen Internationalen Tages der Pressefreiheit am 3. Mai machten sechs Organisationen – darunter auch die Europäische Journalisten-Föderation (EFJ) – in einer gemeinsamen Erklärung auf die wachsende Bedrohung für unabhängigen Journalismus in Georgien aufmerksam. Seit 2023 seien dort 319 Verletzungen der Pressefreiheit dokumentiert worden, die 555 Journalisten und Medienorganisationen betroffen hätten. „Damit zählt Georgien zu den Ländern mit dem rasantesten Rückgang der Pressefreiheit in Europa“, heißt es darin.
Doch trotz wachsender Repressionen: Viele georgische Journalist*innen wollen sich nicht einschüchtern lassen – genauso wenig wie diejenigen Georgier*innen, die ihre Zukunft in Europa sehen. Vor allem für sie könnte das georgische Programm der DW eine wichtige Alternative sein, um sich anhand unabhängiger Nachrichten informieren und eine eigene Meinung bilden zu können – und das aus unterschiedlichen Perspektiven.
Diesen Auftrag ins Werk setzen soll ein fünf- bis siebenköpfiges Team georgischer Journalist*innen. Fast alle, die ihre Arbeit in Berlin bereits aufgenommen haben, leben in Deutschland. Eine Person kommt aus Georgien, um die Redaktion zu komplettieren. Den Anfang am 3. August macht Instagram, später kommen auch noch Facebook und ein Youtube-Kanal hinzu.
Bei den Inhalten hofft von Nahmen auf Synergieeffekte mit dem armenischen und aserbaidschanischen Programm, da habe man bereits mit der ukrainischen Redaktion gute Erfahrungen gemacht. Es gebe viele Themen, die auch in Georgien anschlussfähig seien. Eine Zuarbeit aus Georgien selbst sei schwierig. Denn die Kolleg*innen dort nicht zu gefährden, sei oberstes Gebot, so von Nahmen.
Auch der Leiter des Teams, Zura Karaulashvili, kann sich eine breite Themenpalette vorstellen. Als Beispiele nennt er Geschichten über Georgier*innen, die in Deutschland leben und unterschiedliche Hintergründe haben – von Künstler*innen über Restaurantgründer*innen bis hin zu anderen spannenden Persönlichkeiten, aber auch Kulturveranstaltungen oder Politiker*inneninterviews. Ideen, so sagt er, gebe es viele. Derzeit laufen die Vorbereitungen für den Sendestart auf Hochtouren. Auch Karaulashvili muss sich, so scheint es, noch an seinen neuen Arbeitsplatz gewöhnen – an diese kleine neue georgische Insel mitten in Berlin.
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