: Eine amerikanische Idee
Erfolg oder Wahrhaftigkeit: Dave Eggers hat genug von Tech-Dystopien und legt nun mit „Contrapposto“ einen Künstlerroman vor
Foto: Prisma Archivo/picture alliance
Von Yannic Walter
Besonders in der Kunst ist es wichtig, gut dazustehen. Schon Polyklet und die Bildhauer der Antike erkannten, dass eine Skulptur besonders dann lebensecht aussieht, wenn Hüft- und Schulterlinie leicht gegeneinander verschoben sind, wenn der Körper einem Schwung folgt, anstatt stillzustehen wie ein Ölgötze. Im Kontrapost, im Wechselspiel zwischen festem Stand- und freiem Spielbein, manifestiert sich das idealisierte Menschenbild der Antike, das, stets auf harmonischen Ausgleich bedacht, dennoch seine innere Gegensätzlichkeit freilegt, und so auf scheinbar beiläufige Weise den Menschen an sich.
In „Contrapposto“, dem neuen Roman von Dave Eggers, erzählt der US-amerikanische Autor von den Gegensätzlichkeiten des spätkapitalistischen Kunstmarktes, in dem sich die spekulativen Verwertungslogiken der Gegenwart und ihre zersetzenden Effekte auf seine Akteure besonders zu verdichten scheinen. Protagonist Cricket Dibb stammt aus schwierigen Verhältnissen und besitzt das unwahrscheinliche Talent des Zeichnens, was ihm in der gedankenlosen Einöde der amerikanischen Prärie nicht allzu viel bringt. Habitus und Klassendünkel des bürgerlichen Kunstbetriebs gehen Cricket völlig ab und es bedarf dringend einer Mentorenfigur, um ihn zum Künstler zu machen.
Diese findet er in Olympia, die, ausgestattet mit „goldenen Augen und blütenrosa Lippen“ zwar nur drei Jahre älter ist als er selbst, sich aber als Reinkarnation von Albert Camus versteht – nicht als jugendliche Koketterie, sondern in Wirklichkeit, wie sie versichert. Mit jeder Menge Old Money ausgestattet, führt sie den schwer verliebten Cricket in die Welt der Kunst ein, die im provinziellen Indiana unendlich fern scheint. Cricket mimt dabei den naiven, aber reinen Jüngling, der davon träumt, anstatt aufs College zu gehen, als Schüler im Atelier eines alten europäischen Meisters aufgenommen zu werden wie in der Renaissance.
Crickets Holden-Caulfield-artiger Kampf gegen die Phonies, die Scheinheiligen und Scharlatane, wird von Olympia zuerst mit Mitleid und bald mit Ablehnung und Flucht beantwortet. Doch Cricket ist sich sicher: Das Standbein eines Lebens als Maler ist das Studium der alten Meister, das Erlernen der richtigen Maltechniken und der Glaube an die Wahrhaftigkeit des eigenen künstlerischen Ausdrucks. Das Spielbein wiederum, die Fähigkeit nämlich, die sozialen Konventionen des Kunstmarktes zu bedienen, die Performance des Künstler-Seins nicht im stillen, nach Terpentin stinkenden Atelier aufzuführen, sondern in weiß getünchten Galerien und für ein Publikum, das außer Geld nichts bereit ist, in Kunst zu investieren, leugnet Cricket. Unterstützt wird er dabei von seinem idealistischen Kunstprofessor Carpenter, der seine Schüler beschwört: „Erst wenn ihr alle Faschisten besiegt habt … Erst wenn ihr euren Zorn auf die wahren Dämonen gerichtet habt, die Despoten und Tyrannen, und sie alle besiegt habt – erst dann könnt ihr einen anderen Künstler angreifen.“
Bald muss Cricket feststellen, dass das Spielbein für die von ihm ersehnte Anerkennung und überhaupt für die Möglichkeit, Kunst zu machen, von größerer Bedeutung ist, als die Lasurtechniken flämischer Genremaler zu beherrschen. Gut dazustehen, bedeutet in der Kunstwelt eben auch Flamboyanz, eine gewisse Neigung zur Selbstherrlichkeit und keine Scheu, sich im Zweifelsfall nicht nur schützend, sondern vor allem marktschreierisch vor sein Werk zu stellen. Seine innere Ablehnung verwechselt Olympia mit Ambitionslosigkeit – das vermeintliche Gegenteil mündet bei ihr selbst in einer handfesten Kokainsucht – so viel Kunstklischee darf sein.
So bahnt sich Cricket ein Leben durch die Untiefen des Kunstbetriebs und man muss sich Eggers’Protagonisten wenn nicht als glücklichen Menschen, dann schon als Glückspilz vorstellen. Denn weder nagende (Selbst-)Zweifel noch Crickets Unvereinbarkeit mit der (Kunst-)Welt scheinen für ihn ein großes Hindernis darzustellen. Stets wird sein Talent von Lehrern, Freunden, Vorgesetzten erkannt, gefördert, wiederentdeckt, und man treibt ihn zur künstlerischen Arbeit. Das Schicksal meint es gut mit Cricket – solange er sich mit Kunst beschäftigt.
Nachdem sich Dave Eggers in Werken wie „Der Circle“ und „Hologramm für den König“ mit Tech-Dystopien und den sinnentleerten Wüsten der neuen, globalisierten Digital-Oligarchie auseinandersetzte, legt er mit „Contrapposto“ nun einen Künstler- bzw. Bildungsroman vor, in dem die Postmoderne zwar weiterhin als Lavierung dient, der sich aber mit weltgeistigeren Fragen beschäftigt: Was überhaupt ist Kunst und wie soll ein Leben mit der Kunst und unter Künstler*innen gelingen?
Wer seitenweise Introspektion im Stile von Siddhartha oder Steppenwolf erwartet, dem sei gesagt, dass „Contrapposto“ zwar durchaus altmodisch daherkommt, aber in der amerikanischen Erzähltradition steht. Durchsetzt ist der Roman mit implizierten Zeichnungen Crickets und anderer Figuren, was vor allem zum Schluss eine große Wirkung entfaltet, wenn Bild- und Textebene ineinander verschmelzen. Eggers Erzähltempo ist rasch, mit kräftigen Pinselstrichen erzählt der Roman Crickets komplettes Leben. Streckenweise wirkt das etwas konstruiert, denn Glück und Unglück wechseln sich in Crickets Geschichte ab wie in Voltaires „Candide“. Eggers erzählt selbst kontrapostisch, aber übertreibt es mit dem Hüftknick bisweilen, sodass einige Figuren Karikatur bleiben und manche Wendung übermäßig plotdienlich daherkommt.
Dave Eggers: „Contrapposto“. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 496 Seiten, 25 Euro
„Contrapposto“ ist ein melancholisches Lehrstück über die Scheinheiligkeit der Kunstwelt und ihres Personals, dabei aber nie antiintellektuell oder missgünstig. Vielmehr erzählt der Roman vom Aushandlungsprozess persönlicher und gesellschaftlicher Moral, ein Thema, das Eggers schon in seinem frühen Roman „You Shall Know Our Velocity“ beschäftigte. Unangenehm lesen sich derweil die Eggers-typischen Sexszenen, die einem bereits in anderen Werken des Autors in ihrer Verbohrtheit aufstoßen konnten. Auch in „Contrapposto“ streichen weibliche Finger ein paar mal zu oft an „Crickets Erregung entlang“, die Metaphern klingen verklemmt, was im betont liberalen Kunstmilieu des Romans besonders deplatziert wirkt. Eher beweisen Eggers’Versuche am Sinnlichen, dass Toni Morrison mit ihrer These wohl nicht ganz falsch lag: „Sex is difficult to write about, because it’s just not sexy enough. The only way to write about it is not to write much.“
Eggers vielleicht amerikanischste Idee ist, dass Cricket am Ende für seine moralische Integrität belohnt wird – der große Erfolg als Künstler bleibt ihm zwar verwehrt, doch in der Kunst des Lebens erreicht er schließlich Meisterhaftes: die Liebe zu Olympia. Als alternder Zeichenlehrer in einem Atelier in Paris findet Cricket Frieden und Olympia findet ihn.
Selbst wenn es Cricket nicht gelingt, die Geldverleiher aus dem Tempel der Kunst zu vertreiben, so wird auch aus einer Reihe wahrhaftiger Zeichnungen, wahrhaftiger Lebensentscheidungen eine gute Geschichte und damit im kleinen und tausendfach ein Kontrapost zum Status quo. In dieser Hinsicht vermittelt Eggers doch eine Botschaft aus Siddharta: Vielleicht liegt die Glückseligkeit im Ablegen einer bestimmten, hinderlichen Ambition und jedes dingliche Streben weicht besser einem Streben nach nichts.
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