Zeichnung einer Frau mit bunten Koffern, im Hintergrund Passant:innen

Sie erkannten sich natürlich nicht, denn er hatte kein Schild in der Hand Illustration: Imke Staats

Eine Weihnachtsgeschichte:Tante Margie

Wir kannten sie nicht. Doch dann kam sie und blieb: meine seltsame Tante.

Ein Artikel von

25.12.2020, 10:00 UHR

Anfang Dezember erhielt ich einen Brief von Margie Patschekowski, in dem sie ihren Besuch ankündigte. In dem Brief standen nur fünf Sätze, in einem davon teilte sie mir mit, dass sie ihre Angelegenheiten ordnen und mich aus diesem Grund in Hamburg besuchen wolle.

„Was meinst du, worum es geht?“, fragte ich Jens.

„Ach Monika“, sagte Jens, „wann ordnet man denn seine Angelegenheiten? Sie will dir was vererben!“

Margie Patschekowski war die Stiefschwester meiner Mutter. Ich hatte sie gesehen, als meine Uroma Frieda Patschekowski beerdigt wurde, da war ich sieben, und dann, als meine Mutter beerdigt wurde. Beim ersten Anlass war ich zu klein, beim zweiten hatte ich keinen Sinn für Verwandte. Ich konnte mich nicht an sie erinnern, aber ich wusste, dass meine Mutter sie nicht leiden konnte. Margie war die Tochter Dieter Brenners, des späteren Lebensgefährten meiner Großmutter, der ein Herumtreiber und Trinker gewesen sein soll. Möglich, dass sie sich nach meinem strengen und fleißigen Opa Heinz nach etwas anderem gesehnt hatte. Opa Heinz war ein anständiger Mensch, wie es in der Familie hieß, wo jeder, der nicht mit diesem Adjektiv bedacht wird, wenigstens ein Herumtreiber und Trinker ist. Er war Besitzer einer Baumschule, betrieb die Friedhofsgärtnerei und war Protestant. Sein Anstand schloss ein, Katholiken, Studierte und Ausländer zu verachten, aber vor allem erstere. In seinen Augen waren Katholiken nichts als dumme Bauern – gegen die er im Grunde nichts hatte, es sei denn, sie waren Katholiken – die im Verborgenen perverse Schweinereien anstellten. Als Beispiel führte er stets den Katholiken Wilfried Knaast an, von dem behauptet wurde, dass er eine enge Beziehung zu seiner Kuh gehabt haben soll. Opa Heinz hatte Prinzipien, Oma Frieda war ihm eine gute Ehefrau und lebte danach, bis zu dem Tag, an dem sie ihn zu Grabe trug. Bald darauf geriet sie nämlich an den konfessionslosen Dieter Brenner und zeugte mit ihm ein uneheliches Kind, das in den Kreis der anständigen Patschekowskis nicht aufgenommen wurde. Die Patschekowskis waren allesamt gute Protestanten, die ihrem Gott dienten, indem sie möglichst wenig an ihn dachten. Fleiß, Sparsamkeit, frühes Zubettgehen, seltener, aber effizienter Geschlechtsverkehr, häusliches, samstägliches Trinken und allerhöchstens zwei Kinder, das waren die Prinzipien. Mit den Kindern hatte meine Oma es zwar nicht übertrieben, aber allen anderen Prinzipien wurde sie durch und mit Dieter Brenner untreu. Sie reisten an den Comer See und mussten sich anschließend Geld leihen. Sie feierten in seiner Gartenlaube Partys mit Leuten, die die Patschekowskis noch nicht einmal kannten. Und schließlich ließ sie sich von ihm dazu überreden, ihr Haar zu färben. Dieter Brenner betrieb eine Weile einen erfolglosen Friseursalon und verlegte sich schließlich darauf, als Vertreter für Haarpflegeprodukte durch die Lande zu reisen, bis er schließlich irgendwo hängenblieb, vielleicht in Münster. Über Oma Frieda hieß es in der Familie, und sie sagten es mit einem schmerzverzerrtem Gesichtsausdruck: „Sie hat ihn geliebt.“

Das Kind dieser Liebe war also unsere Tante Margie.

„Schreib ihr, sie kann bei uns wohnen“, sagte Jens, er ist immer so freundlich, und das ist auch ein Grund, dass ich mich für ihn entschieden habe. Damit mein Leben etwas von diesem warmen Licht der Güte abbekommt, denn ich habe den misstrauischen Protestantismus unserer Familie mit auf den Weg bekommen.

„Ich weiß nicht, ob das so eine gute Idee ist“, sage ich zu Jens. „In diesen Zeiten. Wir treffen kaum noch jemanden, schränken unsere Kontakte ein, und dann kommt diese … Frau hier plötzlich angereist. Sie ist ja auch gar keine richtige Patschekowski.“

„Gut“, sagte Jens.

Ich lud sie also ein, und sie schickte eine Postkarte: Komme am siebenten Dezember mit dem Zug um 12:13 Uhr aus Köln, Gleis 8, Gruß – Margie.

Tatsächlich holte Jens sie dann ab. Er fühlte sich verpflichtet, wegen der genauen Angaben, die sie über ihre Ankunft gemacht hatte. „Und wenn“, hatte ich gesagt, „sie kann doch nicht erwarten, dass wir uns wegen ihr freinehmen. Zwölf Uhr dreizehn, da arbeiten Menschen normalerweise.“ Wegen des Virus arbeiteten wir beide im Homeoffice und waren für jede Abwechslung dankbar. Wir stritten uns darum, wer einkaufen gehen durfte. Wir arbeiteten und wohnten zusammen in unserer Wohnung und jeder von uns hätte wenigstens den Einkauf gern allein erledigt. Aber wenn die Auseinandersetzung entschieden war, sagte plötzlich jeweils der, der in diesem Kampf unterlag: „Ach, ich komme mit.“ Tja, deshalb lohnte sich dieser Kampf im Grunde gar nicht.

So war die Lage, als unsere Tante Margie am siebenten Dezember von Jens vom Hauptbahnhof abgeholt wurde. Sie erkannten sich natürlich nicht, denn er hatte kein Schild in der Hand, auf dem „Willkommen Tante Margie“ stand. Er hatte ihr nur angekündigt, dass er eine blaue Jacke tragen würde. Ich hatte zu diesem Plan nur höhnisch gelacht und er hatte das höhnische Lachen ignoriert. So sind wir, so gehen wir miteinander um und es hat sich bewährt. Wir lieben uns immer noch.

Es klingelte und eine raue Stimme krächzte durch die Sprechanlage.

„Kannst du mir eben helfen? Ich habe einiges an Gepäck dabei.“

Tatsächlich standen drei riesige Koffer vor der Tür. Tante Margie trug einen grauen Pelzmantel und Lacklederstiefelchen. Ihr Haar sah wie orange eingefärbte Zuckerwatte aus, ihr Gesicht war in kräftigen Farben geschminkt, sie rauchte gierig und hustete, als sie mich sah.

„Meine Liebe!“ Trotz Corona drückte sie mich an ihren mächtigen Pelzbusen und blies mir ihren Zigarettenatem ins Gesicht. „Ich konnte nicht ewig warten. Männer mit blauen Jacken gibt’s wie Sand am Meer.“

„Bist du denn mit dem Gepäck zurechtgekommen?“ Ich versuchte, zwei der Koffer hochzuheben, gab es aber gleich wieder auf.

„Ach, man fragt eben um Hilfe“, sagte sie. „Und so schwach bin ich auch noch nicht.“ Aber außer ihrer Handtasche trug sie nichts weiter in den vierten Stock unseres Genossenschafts-Altbaus. Jens rief an und ich sagte, „Sie ist da. Beeil dich, die Koffer stehen unten vor der Tür.“

„Drei Koffer“, fragte ich Tante Margie, „was hast du noch vor?“

„Ach, man braucht so dies und jenes“, sagte sie und sah sich in Sarahs ehemaligem Kinderzimmer um, das uns als Büro und Gästezimmer diente. „Hier soll ich also leben“, sagte sie. Der Ausdruck „leben“ beunruhigte mich etwas. „Gefällt es dir nicht?“, fragte ich rasch, „sonst müssen wir dir ein Hotelzimmer finden.“ „Weißt du, das ist derzeit gar nicht so einfach“, sagte Tante Margie und ließ sich auf das Bett plumpsen, in dem unsere Tochter Sarah mit ihrem Handy einen Großteil ihrer frühen Jugend verlebt hat.

„Ich weiß“, sagte ich traurig. „Ich weiß.“

Jens brachte keuchend, einen nach dem anderen, die Koffer hoch.

„Sie hat dich nicht erkannt“, sagte ich, als er wieder zu Atem gekommen war, „trotz der guten Beschreibung.“

„Ich bin fast verrückt geworden mit diesen ganzen blauen Jacken“, kreischte Tante Margie und drückte Jens die Hand. „Kann denn ein Mann auch noch was anderes tragen als eine blaue Jacke?“

„Ich bin modisch eher unaufgeregt“, sagte Jens. Das stimmte und obschon ich mich kurz freute, weil ich sein Scheitern vorausgesehen hatte, wurde ich rasch wieder gerecht. Jens war vielleicht modisch unaufgeregt, aber er war mein Mann und ich liebte ihn. Darum sagte ich, „Über Geschmack lässt sich nicht streiten, sonst würde ich vielleicht etwas zu deinem Mantel gesagt haben, Tante Margie.“

„Hach“, kreischte sie, „eine Grüne! Holt die Farbbeutel raus!“

Wir führten eine Menge Gespräche mit Tante Margie. Sie redete gern und viel und wir erfuhren Dinge, die wir vielleicht gar nicht hätten wissen wollen

In den nächsten Tagen breitete sich Tante Margie in unserer Wohnung aus. Sie hatte so ihre Angewohnheiten. Sie rauchte. Wir legten ihr nahe, draußen oder wenigstens am geöffneten Fenster zu rauchen. Aber sie sagte, „Herz, es ist doch so kalt!“ „Aber du hast doch den schönen, warmen Mantel“, wandte ich ein.

„Ich rauche doch nicht in meinem Mantel, stell dir vor, da fliegt was von der Glut drauf. Das ist echtes Kanin.“

„Kanin?“

„Und wir haben sie alle selber gegessen“

Hatte ich angesichts des Pelzmantels Hoffnungen gehabt, erstarben sie jetzt. Wie viel konnte Kanin schon wert sein? „Jens, es ist Kaninchenfell“, sagte ich abends im Bett. „Und sie haben sie alle selbst gegessen.“ „Aha“, sagte Jens, „dann ist es ja nicht so schlimm, oder?“ „Schlimm?“ „Es wird doch immer so argumentiert, dass der Pelz von Pelztieren so verwerflich wäre, weil diese Tiere nur wegen des Pelzes getötet würden. Aber wenn man die Tiere auch isst, wie zum Beispiel Kühe, dann ist die Verarbeitung der Haut oder des Pelzes eben nicht so schlimm.“ „Aber Jens, das ist doch nicht der Punkt!“, sagte ich. „Wenn es nur Kaninchenfell ist, dann hat sie doch vielleicht gar kein Geld. Ich meine, sie trägt Kaninchen, wer trägt denn Kaninchen? Das kommt mir mehr wie … wie …, das hat doch keine Klasse!“ „Dann wäre es dir lieber, wenn sie Nerz trüge?“ „Im Grunde schon“, sagte ich. „Nicht, weil ich es befürworten würde, aber es wäre ihr schlechter Charakter. Ich würde nur unschuldig erben. Das hast du doch gemeint, dass sie gekommen ist, um mir etwas zu vererben.“

Jens drehte sich im Bett von mir weg. „Ein bisschen zweifele ich an dir, Monika“, sagte er. „Ob du wirklich so ein guter Mensch bist, wie du es vorgibst zu sein.“

„Ich bin gut“, sagte ich.

Zeichnung zweier Frauen und eines Mannes am Küchentisch

Ab vier oder fünf wurde Margie gesellig Illustration: Imke Staats

Tante Margie schlief stets lange, dann saß sie lange in der Küche und schlürfte lange Kaffee und irgendwann verließ sie das Haus. Wir wussten nicht, wohin sie ging, wir waren nur dankbar, weil wir uns dann in unserer Wohnung frei fühlten. Wir arbeiteten. Wenn sie wiederkam, legte sie sich für ihren Mittagsschlaf hin, und etwa ab vier oder fünf wurde sie gesellig. Wir führten eine Menge Gespräche mit Tante Margie. Sie redete gern und viel und wir erfuhren Dinge, die wir vielleicht gar nicht hätten wissen wollen. „Sie hatte einen großen sexuellen Appetit“, sagte Tante Margie über ihre Mutter, „und dein Opa Heinz war dafür nicht der richtige Mann.“ Sie faltete die Hände und sah uns beide nacheinander prüfend an. „Sie hatte Glück, dass sie meinen Vater kennenlernte. Wisst ihr, er war ein freundlicher Mensch und so lebenslustig!“

„Mein Gott, das haben wir alles gar nicht gewusst“, sagte Jens.

„Und du meinst, das stimmt alles?“, sagte ich, denn ich mag es nicht, wenn meine Familie in irgendeiner Weise schlechtgemacht wird.

„Aber ja, sie hat es mir doch erzählt“, sagte Margie.

„Deine Mutter hat mir dir über ihre Sexualität gesprochen?“

„Das ist eine gute Sache“, sagte Jens.

„Das ist keine gute Sache“, erregte ich mich. „Das ist überhaupt keine gute Sache. Denkst du, ich möchte etwas über den sexuellen Appetit meiner Mutter wissen? Oder meiner Großmutter?“

Tante Margie steckte sich ein Stück Dresdener Stollen in den Mund.

„Aber Moni, warum denn nicht?“, fragte sie mit vollem Mund und sehr sanft. Sie war ein Berg von Fleisch in unserem weißen Ikea-Sessel, sie füllte ihn ganz aus. Ihr Busen bebte unter einer Art buntem Kaftan und ihre Füße steckten in silbern bestickten Pantoffeln mit kleinen Absätzen und einem (Kaninchenfell?-)Puschel obenauf. Ihr Parfum brachte einen fast um. Ich wurde plötzlich von so einer Schwäche erfasst, dass ich am liebsten geweint hätte. Seit Wochen hatte ich nicht mehr mit Jens geschlafen. Dieses ständige Zusammensein, sogar im Supermarkt, das machte uns zu Geschwistern, zu asexuellen Arbeitskollegen, unsere gereizten Auseinandersetzungen, die sonst immer das Feuer entfacht und unsere Sexualität am Leben erhalten hatten, verpufften müde. Warum sollte man nicht mit anderen Menschen über seine sexuellen Probleme reden, und warum nicht mit seiner Mutter?

Weil ich darauf keine Antwort wusste und fühlte, wie ich ins Hintertreffen geriet, spielte ich meinen Trumpf aus. Ich fragte, „Warum bist du eigentlich hier, Tante Margie?“

Sie legte ihre Hand auf meinen Arm.

„Ich möchte meine Angelegenheiten klären.“

„Und die wären?“, fragte ich fuchtig.

„Monika, nun werd nicht gleich unhöflich“, sagte Jens.

„Sie ist nicht sehr ausgeglichen“, sagte Tante Margie und zündete sich eine Zigarette an. Die Kerzenflamme zischte und versank im Wachs. Jemand warf im Hof Glas in den Container. Dann hörte ich nur noch meinen eigenen Atem, wie er hübsch rein- und rausging. Auch Jens war gespannt, ich sah es ihm an. Sie musste auch ihm auf die Nerven gehen.

Schließlich drückte sie die Zigarette auf ihrem Kuchenteller aus. Der Qualm ringelte sich romantisch über dem Adventskranz zur Decke hoch.

Sie klatschte einmal munter in die Hände, hielt die Hände dann fest und knetete sie.

„Ich denke, es ist an der Zeit … euch mitzuteilen, dass ich … Ich hatte einfach ein gutes Angebot, und da dachte ich, wenn man ein gutes Angebot hat, dann muss man es eben annehmen. Sie wollten es und ich habe es verkauft.“

„Was?“, fragte Jens.

„Mein Haus.“

„Du hast ein Haus, in Köln?“

„Lüghausen, Hoffnungstal in Rösrath im Rheinisch-Bergischen Kreis bei Köln. Siebenunddreißig Jahre hatten wir es, ein Endhaus.“

„Ein Endhaus? Und nun hast du es also nicht mehr?“, fragte Jens.

Sie schüttelte den Kopf, dass die Zuckerwatte bebte.

„Wenn ihr es wissen wollt: Ich habe kein Dach über dem Kopf. Ich bin obdachlos.“ Sie lachte dröhnend und zündete sich noch eine Zigarette an.

Und dann sagte Jens langsam, „Du kannst ja … erst mal … bei uns wohnen.“

In der Nacht weinte ich leise. Um halb vier rüttelte ich Jens wach. „Was hast du mit ‚erst mal‘ gemeint?“, fragte ich.

„Sie ist obdachlos“, murmelte er. Seine Augen waren klein und verschlafen und ich wusste, er würde sie auch für immer bei uns wohnen lassen, weil er nun einmal so ist. So ist sein Wesen. Er ist gut und stark, obwohl er überhaupt nicht so aussieht. Er ist klein und nicht sehr muskulös, er hat einen großen, runden Kopf, eine spitze Nase und schmale Augen, die zu dicht beieinanderstehen, so dass es aussieht, als sei ein zu kleines Gesicht in einen zu großen Kopf gefügt worden, er ist sehr niedlich.

„Das weiß ich auch“, sagte ich, „aber sie kann doch nicht bei uns wohnen.“ Ich fing wieder an zu weinen.

„Liebling“, sagte Jens, „wir finden ihr schon was.“

Ich klammerte mich an ihm fest und schlief wieder ein.

Zeichnung einer Frau mit über dem Kopf genknoteten Handtuch in einem Hausflur

Als Tante Margie mit einem Handtuch um den Kopf aus dem Bad kam, lauerte ich ihr schon im Flur auf Illustration: Imke Staats

Dann kamen mir Zweifel. Wir kannten sie doch gar nicht. War Tante Margie wirklich Tante Margie und wenn ja, hatte sie wirklich ein Haus besessen, das sie verkauft hatte? Und warum hatte sie es verkauft, ausgerechnet jetzt und bevor sie überhaupt eine neue Bleibe gefunden hatte? Was hätte sie denn getan, wenn wir sie nicht aufgenommen hätten? Während ihrer Abwesenheit durchwühlte ich ihre Sachen. In einem Buch unter ihrem Kopfkissen fand ich einen zusammengefalteten Briefumschlag, der adressiert war an „Hannelore Prenz“.

„Was sagst du nun? Das habe ich in ihrem Buch gefunden.“ Ich flatterte mit dem Briefumschlag vor Jens’ Nase herum. „Das besagt nichts“, sagte Jens. Er ging in ihr Zimmer und kehrte mit dem Buch zurück. „Siehst du? Das habe ich mir gedacht. Es ist ein Bücherei-Buch. Vielleicht hat der Umschlag schon im Buch gesteckt? Und sieh doch mal, wenn sie es ausgeliehen hat, dann muss sie es auch zurückgeben. Sie hat gar nicht vor, ewig hier zu bleiben.“

„Weißt du, dass man Bücher zweimal verlängern lassen kann? Sie hat drei Monate Zeit, es zurückzugeben“, sagte ich.

„Du bist immer so negativ.“

Während sie ein Bad nahm, durchwühlte ich ihre Handtasche und ihr Portemonnaie. Auf allen ihren Dokumenten stand „Hannelore Prenz“, mit ihrem Personalausweis lief ich zu Jens.

„Ich kann es nicht glauben, dass du ihre Sachen durchwühlst“, sagte er. „Ja, aber zu Recht“, sagte ich.

Als Tante Margie mit einem Handtuch um den glühenden Kopf gewickelt in einem hellblauen Morgenmantel aus dem Bad kam, lauerte ich ihr schon im Flur auf.

„Oh, Tante Margie“, sagte ich, „oder soll ich lieber sagen: Hannelore Prenz?“,

„Tante Margie ist mir recht“, sagte sie.

„Du heißt aber doch Hannelore Prenz?“

Sie stand dicht vor mir und sah mir direkt und unbefangen ins Gesicht. Alles an ihr war rosig und duftete nach Badeschaum. Sie musste Unmengen an Badeschaum benutzen, sich cremen, ölen und mit literweise Parfum besprühen. Sie war ein wandelnder Allergieauslöser. Aber sie war auch köstlich wie ein Pfefferkuchen. Sie brachte tausend Gewürze in unser Leben, das so sauber, dezent und wohl temperiert war. Sie war nicht geschmackvoll, sie war eine Wundertüte. Sie war etwas, das unserer Familie gefehlt hatte. All das ging mir mit leichtem Bedauern durch den Kopf. Weil ich überzeugt war, sie jetzt wieder verlieren zu müssen. Ich war nicht wirklich traurig darüber. Es waren nur Überlegungen, keine Gefühle im Spiel.

Ich folgte ihr in unser Arbeitszimmer, „Das Spiel ist aus.“

„Kind“, sie ließ sich auf unser Gästebett plumpsen. „Das lässt sich alles leicht erklären.“ Dann fiel ihr Blick auf ihre geöffnete Handtasche, auf ihr Portemonnaie und den Ausweis, der auf dem Schreibtisch lag.

„Sollte ich mich schämen?“, fragte ich rasch, „vielleicht“, gab ich mir selbst als Antwort. „Aber ist es denn nicht mein Recht, mich vor Betrügern zu schützen, in meinem eigenen Heim? Du kommst daher, nistest dich hier ein, für längere Zeit, vielleicht für immer, und gibst dich als jemand aus, der du gar nicht bist, und wir … wir sollen nichts dagegen tun?“

Sie nickte langsam, bis das Handtuch sich löste und ein verklebtes Gewirr rötlichen Haares zum Vorschein kam.

„Als Hannelore wurde ich geboren“, sagte sie und rubbelte ihre Haare ab. „Aber sie nannten mich Margie. Dieter, du weißt, das ist mein Vater gewesen, ihm hat Margie einfach besser gefallen, alle nannten mich so, ich bekam das erst in der Schule mit, dass ich eigentlich Hannelore heiß. Und dann hab ich Herbert Prenz geheiratet. Darum Hannelore Prenz.“

„Was erzählst du denn da?“ Ich war verzweifelt.

„Sie nennen dich Margie. Da bist du es eben. Du kennst es nicht anders. Weißt du, ich finde Hannelore auch nicht so besonders.“

„Und wo ist dieser Herbert Prenz jetzt?“, fragte ich.

„Tot.“

„Das hast du dir doch alles hübsch ausgedacht“, sagte ich.

„Das hat sie sich ausgedacht“, sagte ich abends im Bett zu Jens. „So etwas gibt es doch gar nicht.“

„Mein Cousin Meinhard wurde von allen Jimmy genannt“, sagte Jens. „So?“, sagte ich wütend und boxte ihm in die Seite. „Das sagst du doch jetzt bloß so.“ Ich war schon wieder den Tränen nahe.

„Er wurde nach unserem Großvater benannt, aber mein Onkel konnte den Namen eigentlich nicht leiden. Und er war Fan von Jimmy Hendrix. Aber sie konnten ihn ja nicht wirklich Jimmy nennen.“

„Warum nicht?“

„Sie hätten es natürlich gekonnt, aus heutiger Sicht. Aber sie haben ihn eben Meinhard genannt. Wegen der Tradition.“

„Das ist so … sinnlos“, sagte ich wütend.

„Ja“, Jens schüttelte traurig den Kopf.

„Haben sie dich auch anders genannt?“

„Jensi“, sagte Jens.

„Schlaf gut, Jensi“, sagte ich.

Am Samstag stellten wir Tante Margie oder Hannelore zur Rede.

„Wie stellst du dir das vor?“, sagte ich zu ihr. „Wie lange denkst du, dass du bei uns wohnen kannst? Wir können dich natürlich nicht hinauswerfen.“ „Und das wollen wir auch gar nicht“, beeilte sich Jens zu sagen, „aber wir möchten dir natürlich helfen, bald eine Wohnung zu finden, in Köln und Umgebung.“

Tante Margie lächelte.

„Das ist lieb von euch. Sehr lieb. Aber ich suche gar keine Wohnung in Köln und Umgebung. Ich suche hier. Ich habe mir schon einiges angesehen.“

„Hier? In Hamburg?“ Ich schluckte.

„Am liebsten in eurer Nähe. Ich habe ja sonst niemanden mehr.“

Eine Weile sagte niemand etwas. Über uns ratterte die Waschmaschine der Frederkings, und von der Straße hörte man die Bässe aus einem Autoradio wummern.

„Niemanden?“, fragte ich schließlich.

Sie schüttelte ihren Kopf. Die Zuckerwatte bebte, die Armreifen klirrten.

„Wegen uns willst du hierherziehen?“, fragte ich. „In unsere Nähe?“

Sie nickte wieder. Und das Beben und das Klirren wiederholten sich.

„Aber du kanntest uns doch gar nicht. Du wusstest doch gar nicht, ob wir dir gefallen. Und wenn wir dir nicht gefallen hätten? Gefallen wir dir?“

„Mein Gott, Monika“, sagte Jens.

„Besonders gefallt ihr mir nicht“, sagte Tante Margie. „Durchwühlt meine persönlichen Sachen. Bezeichnet mich als Lügnerin. Du nicht“, sagte sie und sah Jens an, „aber du!“ Dabei sah sie mich an. „Nicht sehr ausgeglichen und sehr misstrauisch“, sagte sie.

„Wie es aussieht, werden wir das Weihnachtsfest mit ihr verbringen“, sagte Jens. Wir spazierten die dunkle Straße entlang, der Wind drückte einen feinen Regenschleier in unsere Gesichter. Seit Tante Margie bei uns wohnte, gingen wir viel mehr miteinander spazieren. Und seit wir so viel miteinander spazieren gingen, redeten wir auch viel mehr miteinander, das tat unserer Beziehung wirklich gut.

„Das werde ich verhindern“, sagte ich, aber mein Widerstand klang matt und war es auch. „Und Sarah?“, fragte ich schließlich. Sarah würde über Weihnachten nach Hause kommen. „Wo soll sie wohnen?“

Je näher Weihnachten rückte, um so eisiger wurde die Stimmung zwischen Tante Margie und mir. Sie schlief morgens noch länger, trank noch mehr Kaffee und schränkte auch das Reden, zumindest mit mir, ein. Sie verräucherte die Küche und aß viel süßes Gebäck, das sie in größeren Mengen im nahegelegenen türkischen Lebensmittelmarkt einkaufte.

Die Situation änderte sich, als Sarah eintraf. Sie war sofort, und aus mir unverständlichen Gründen, von Tante Margie eingenommen. Sie schlief im Wohnzimmer auf dem Sofa und verbrachte viel Zeit mit Tante Margie in ihrem alten Zimmer, sie redeten und lachten und sahen sich Filme auf Sarahs Laptop an. Bis schließlich der Geruch von Marihuana aus dem Zimmer drang. Und ein wildes Schluchzen.

„Mama, komm“, sagte Sarah, „der Joint hat sie umgehauen.“ Ich eilte in das Zimmer, da saß Margie auf dem Bett und weinte, mit über das Gesicht gelegten Händen. „Sie hat vielleicht noch nie gekifft“, sagte Sarah, „wirkt bei jedem anders.“

„Mein Gott, Sarah“, sagte ich, „musste denn das sein?“

„Sie wollte es eben ausprobieren“, sagte Sarah, „ich hab sie nicht gezwungen.“

Ich mühte mich, Tante Margie zu trösten, aber sie war untröstlich und schluchzte, „Herb, Herb, du blöde Sau!“ Schließlich legten wir sie auf das Bett und deckten sie zu.

Ich wusste, was sie über mich dachte, ich wusste es ganz genau, aber ich übte mich in Beherrschung, ich wollte mich nicht in meiner eigenen Wohnung unterkriegen lassen, von einer Fremden!

„Sie hat das Haus noch gar nicht verkauft“, sagte Jens am nächsten Tag im Supermarkt.

„Was?“, ich überschlug gerade den Kartoffelbedarf der nächsten Tage. „Woher weißt du das?“

„Es ist noch zu haben, es steht noch im Internet. Ich habe sogar den Makler angerufen. Wir könnten es kaufen, wenn wir wollten.“

Ich blies mich auf, ich steigerte mich richtig rein: „Ich wusste, dass sie lügt. Sie lügt und lügt und lügt! Aber wenn ich sie frage, Jens, dann wird sie wieder eine Erklärung dafür haben. Darum frag ich sie auch nicht, mir steht es bis hier. Und macht sich bei Sarah beliebt, die liebe Tante, Sarah ist auch schon gegen mich, ich fühle es doch, dass sie gegen mich ist. Das hat sie geschafft, dass meine eigene Tochter jetzt schon gegen mich ist.“

Es war eine trübe Vorweihnachtszeit. Täglich düstere Nachrichten, kein Weihnachtsmarkt, immer noch Homeoffice, der Feind in der eigenen Wohnung. Kann man seine Abneigung so steigern, dass einem übel wird, wenn man jemanden nur sieht? Mir war viel übel in jener Zeit, immer wenn ich den rötlichen Wattebusch von Kopf sah, die flinken, hinterlistigen Äuglein durch den Raum flitzen sah oder nur ihr Parfum roch! Ich wusste, was sie über mich dachte, ich wusste es ganz genau, aber ich übte mich in Beherrschung, ich wollte mich nicht in meiner eigenen Wohnung unterkriegen lassen, von einer Fremden! Jens hatte versprochen, Tante Margie bei der Wohnungssuche zu unterstützen, in unserem Interesse, wie er betonte, und ich beobachtete, dass auch er im Verlauf dieser gemeinsamen Anstrengungen sich mit ihr anzufreunden begann, wenn sie gemeinsam am Bildschirm saßen oder zu einer Besichtigung fuhren. Ich begann eine gewisse Herzlichkeit in ihrer beider Umgang wahrzunehmen. Und immer mehr fühlte ich mich als Ausgegrenzte, weil ich die Gefühle meiner Familie gegenüber dieser lügnerischen Frau nicht teilen konnte.

Zeichnung einer Frau, die beim Kochen telefoniert, im Hintergrund eine alte und eine Junge Frau

Als ich den vegetarischen Nussbraten bereitete, erreichte mich ein Anruf von der Rösrather Polizei Illustration: Imke Staats

Am Vormittag des Heiligen Abends bereitete ich den vegetarischen Nussbraten à la Jamie Oliver vor, da erreichte mich ein Anruf von der Rösrather Polizei. Sie fragten nach meiner Tante, Hannelore Prenz, die seit Anfang Dezember aus ihrem Haus verschwunden sei. Ihre Nachbarn hätten sich Sorgen gemacht. „Oh, sie ist hier bei uns“, sagte ich, „das sind ja wirklich sehr aufmerksame Nachbarn.“

„Na ja“, sagte der Polizist, „es ist ja nur, weil man nie weiß, in so einem Fall, wie der Mensch reagiert, nicht wahr.“

„In was für einem Fall?“, fragte ich und nahm einen großen Schluck vom Kochwein.

„Wegen ihres Mannes, weil er doch gerade verstorben ist, daran eben, Sie wissen doch.“

„Ach ja, daran“, sagte ich, denn ich konnte schlecht zugeben, dass ich gar nichts wusste.

Früher waren immer Jens’ und meine Eltern gekommen, aber wegen Corona saßen wir nun mit Tante Margie um den Baum. Sie machte uns allen sehr gute Geschenke. Jens schenkte sie eine Wetterstation (und er interessiert sich wirklich für das Wetter!), Sarah ein Schweizer Taschenmesser mit dreiunddreißig Funktionen und mir ein Fußmassagegerät. Ich war überwältigt und fühlte mich schlecht, weil ich nur einen karierten Schal für sie hatte, der zur Hälfte aus Polyacryl war.

„Na ja“, sagte sie, als sie den Schal auswickelte, „du hast dich bemüht.“

Jens überreichte ihr eine große Schachtel mit Pralinen, und darüber war sie schier außer sich.

„Du weißt, was Frauen mögen.“

„Pralinen?“, fragte ich. „Frauen mögen Pralinen?“

Gegen Mitternacht, wir saßen alle ein bisschen zusammengesackt vor dem Fernseher, meine Füße wurden sanft summend massiert und ich war nicht betrunken, aber fast, da kam es so über mich, dass ich mich plötzlich Tante Margie sehr nahe fühlte. Ich beobachtete sie aus den Augenwinkeln, wie sie müde eine Praline nach der anderen in ihren rot verschmierten Mund steckte und ihr ab und an die Augen zufielen. Ich dachte an ihren Mann, über dessen Tod sie uns nichts erzählt hatte. Ich dachte daran, dass sie sich hatte retten wollen, über die Feiertage, zu uns, diesen fremden, misstrauischen Menschen.

„Tante Margie“, sagte ich, „was meinst du? Wir hab’n uns ja noch gar nicht richtich kenn’gelernt. Aber wenn das soweit is’, wirst du merken, ich bin eigentlich hinterhältich. Und ich lüge. Ja, wirklich. Hättest du das gedacht? Ich bin nicht immer so ein guter Mensch, wie du vielleicht gedacht hast. Soll ich dir mal was sagen, Tante Margie? Als du uns geschrieben hast, dass du kommst – weißt du, was ich da gedacht hab? Dass du uns was vererben willst. Das war der einzige Grund, dass wir dich überhaupt eingelad’n ham.“

Tante Margie nickte unbeeindruckt. „Darum hab ich das so geschrieben, mit den Angelegenheiten, weißt du? Wer lädt denn sonst Leute zu Weihnachten ein, wenn er die nicht mal kennt. Und jetzt noch erst recht, mit Corona und allem.“

„Tante Margie“, schluchzte ich, mit echten hochprozentigen Tränen in den Augen, denn ich schätzte ihre Offenheit plötzlich, ihre raue Stimme, ihren außergewöhnlichen Look und sogar ihr Parfum, „ich liebe dich.“

Eine junge und eine ältere Frau prosten einander auf einem Sofa sitzend zu

„Ich liebe dich“, schluchzte ich und ich meinte es auch so Illustration: Imke Staats

Tja, und ich meinte es auch so. Wenn man sich überlegt, dass diese hinterhältige, verlogene Art vielleicht in der Familie liegt und diese Gene sich vor allem in Tante Margie und mir ausgeprägt haben, dann muss ich sie als das anerkennen, was sie ist, die mir am nahestehendste noch lebende Verwandte. Und meine Familie liebt sie auch. Was will man an Weihnachten mehr?

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