Eine Ikone wird gesprengt: Stadion ohne Flutlicht
Gegen lautstarken Protest lässt der Senat zwei Flutlichtmasten am Jahnstadion sprengen. So soll Platz für ein Prestigeprojekt geschaffen werden.
Solche Sprengungen kennt man aus dem Ruhrgebiet. Nur werden dort manchmal die Kamine alter Industrieanlagen gesprengt. Im Prenzlauer Berg traf es am Donnerstag die beiden östlichen Flutlicht-Masten des Friedrich‑Ludwig‑Jahn‑Sportparks. Was war da los?
Anwohner:innen aber auch Schaulustige haben sich bereits um 10.30 Uhr vor einem Wohnhaus in der Topsstraße versammelt. Sie wollen einen letzten Blick auf die Masten werfen und sehen, wie sie gegen 11 Uhr in die Mitte des Sportplatzes kippen. Immer wieder zücken sie ihre Handys oder tauschen sich mit Nachbar:innen und Freund:innen über die geplante Sprengung aus.
Einige Meter entfernt im Mauerpark schauen ganze Schulklassen in Richtung der Masten. Die Schüler:innen hüpfen aufgeregt umher. Für die Kinder ist es ein großes Spektakel und kein großer Verlust.
Friedrich Tuczek, Bürgerinitiative
Ältere sehen das anders. In der Gaudystraße erklärt Friedrich Tuczek der taz: „Die Masten wurden zum 750. Geburtstag von Berlin gebaut. Für viele Bewohner sind sie ein wichtiges, weithin sichtbares Erkennungszeichen.“
Tuczek gehört zur Bürgerinitiative Jahn-Sportpark, die sich seit fünf Jahren gegen das Vorhaben des Senats wehrt, das Stadion abzureißen und als Inklusionssportpark neu zu bauen. In einer Pressemitteilung schreibt die Initiative: „Senat setzt auf Eskalation statt Verantwortung.“
Initiative warb für Alternativkonzept
Tatsache ist: Der sanierungsbedürftige Sportpark kann derzeit nur noch eingeschränkt genutzt werden. Was daraus folgt, darüber streiten sich die Initiative und der Senat. Die Bürgerinitiative möchte den Sportpark nur umbauen und sanieren und entwarf dafür das Alternativkonzept RESTART JSP.
Der Senat hingegen möchte das Stadion erneuern. Er will den Jahn-Sportpark zu einem „inklusiven Stützpunkt für den Behindertensport“ entwickeln. Zudem möchte der Senat das Areal um Sportanlagen für Schul- und Vereinssport ergänzen. Sanierung oder Umbau würden die Inklusionsanforderungen nicht erfüllen. Das neue Stadion soll 20.000 Plätze haben und 2028 eröffnen.
Die zwei westlichen Flutlichtmasten und die Trümmerschuttwälle bleiben erhalten. Dafür hatte sich die Initiative eingesetzt. „Hier hat der Senat verstanden, dass es sich um Wahrzeichen handelt, um Ikonen für den Mauerpark“, meint Tuczek.
Die Sprengung der östlichen Flutlichtmasten zeige, dass der Senat auf kritische Stimmen aus der Stadtgesellschaft nicht hört. In der Vergangenheit habe die Initiative 15.000 Unterschriften gegen den Plan gesammelt. „Berlin kann sich so ein großes Stadion nicht leisten, wenn gleichzeitig die Berliner Universitäten massiv einsparen müssen.“
Das Gespräch endet und das erste Warnsignal ertönt eine Viertelstunde später als geplant. In der Gaudystraße erklärt eine Mutter mit Baby einer Frau, dass die Masten zu ihrer Kindheit gehören würden.
Eine weitere Viertelstunde später das nächste Signal. Danach folgt die erste, dann die zweite Sprengung. Es ist erst still, doch schließlich klatschen einige, andere grölen „Geil!“.
Die Sprengung und der Umbau sind als Spektakel inszeniert, doch für viele Bewohner:innen wurde heute ein Teil ihrer Geschichte gesprengt. Für ein Prestigeprojekt.
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