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Ein unverwüstliches Stück DDR

Die Dederonkittelschürzen waren ein Markenzeichen des Ostens. Beziehungsweise sind es weiterhin: Im Erzgebirge werden sie für das nostalgische Gefühl noch immer produziert

Von Andreas Hergeth

Heißer Sommer. Irgendwann in den 1970ern. Alles schwitzt. Nur Oma und Mutter nicht so krass. Denn die haben einen Hauch von fast nichts an. Nur Schlüpfer und BH und drüber eine Kittelschürze ohne Ärmel. Meist mit einem hübschen Blumenmuster in den buntesten Farben. Und immer aus einem hauchdünnen Stoff namens Dederon, ein DDR-Kunstwort für eine Polyamidfaser, die in ihren Eigenschaften dem westlichen Nylon ähnelt: robust und billig, pflegeleicht und knitterfrei sowie superschnell trocknend.

Die Kittelschürze war praktisch, wenn das Drunter sauber bleiben sollte. Allein wegen der aufgesetzten Taschen für Taschentücher, Bonbons, Schlüssel oder Lippenstift. Und nie blieb ein Fussel hängen. Sie war gesellschaftlich akzeptiert, keine Frau musste sich in dem proletarischen Kleidungsstück ­genieren.

Viele Frauen (nicht alle) jeden ­Alters trugen zu DDR-Zeiten diese Kittelschürze wie eine äußerst praktische Dienstuniform für alle anfallenden Hausarbeiten, aber auch in Einrichtungen der Kinderbetreuung (es gab Kinderkittelschürzen), im Handel und in vielen Betrieben. Das zeigte kürzlich eine Berliner Ausstellung mit Bildern der Fotografin Helga Paris, die zu DDR-Zeiten gern in die Produktion ging, um dort Arbeiterinnen zu porträtieren. Zum Beispiel Mitte der 1980er Jahre in einer Ostberliner Textilfabrik: Alle trugen Kittelschürze beim selbstbewussten Posieren vor der Kamera.

Nach dem Mauerfall zogen die ostdeutschen Frauen ihre Kittelschürzen „made in GDR“ nicht mehr an. Einige kauften sich westdeutsche Exem­pla­re vom ersten Westgeld, weil die vermeintlich besser waren, na ja, war aber nicht so. Und der ostdeutsche Markt wurde mit Billigware aus China überschwemmt. Aber auch die zog bald niemand mehr an – die Kittelschürze war aus der Mode gekommen.

Verschwunden aber ist sie nie ganz. Es gab und gibt sie immer zu kaufen. Als Billigprodukt aus Polyester, aus Dederon in den letzten inhabergeführten Textilläden und eben online. Im Ossi­laden, einem Ostprodukteversand mit Sitz in Stendal (Sachsen-Anhalt), gibt es alte DDR-Originalware und rund 3.500 Artikel von gut 120 Herstellern, die die (nun wieder beliebten) DDR-Marken bis heute produzieren. Die Dederonkittelschürze „in hellem Blau im locker-leichter Schnitt – tolles Muster und leuchtende Farben“ sind dort aktuell für 32,99 Euro zu haben. „Tauchen Sie ein in die Vergangenheit und erleben Sie den nostalgischen Charme der DDR“, wird das gute Stück beworben. Mit dem Hinweis: „Made in Ostdeutschland!“

Produziert wird die Kittelschürze in Eibenstock, einer Kleinstadt im West­erzgebirge. Heute ist die Schürzen­fabri­kation Hans Schuster nach eigenen Angaben alleiniger Hersteller von Dederonkittelschürzen in Deutschland.

Einst als Stickerei gegründet, gibt es den Betrieb seit 1957. Die Kittelschürzen kamen erst Anfang der 1960er Jahre dazu, erzählt Birgit Mädler, Inhaberin und Tochter des Firmengründers, als die DDR die Betriebe verpflichtete, Konsumgüter herzustellen. Der Staat mit seiner Planwirtschaft wollte Kinderschürzen haben. Und die aus Eibenstock hatten eine Besonderheit, nämlich gestickte Motive: Blumen, Teddys, Mäuse oder Matrjoschkas.

Die 64-Jährige ist mit und in der Firma aufgewachsen. Es handelt sich um ein kleines privates Unternehmen mit rund 50 Näherinnen, das nie verstaatlicht wurde, wie Mädler berichtet. „Die meisten Näherinnen haben das in Heimarbeit gemacht, das war damals im Erzgebirge recht verbreitet.“

Beruflich hat Mädler zunächst ihren eigenen Weg eingeschlagen, studiert und in einer Lederfabrik gearbeitet und in der Wendezeit Kinder bekommen. Nach dem Mauerfall wurde sie arbeitslos wie so viele werktätige Frauen in Ostdeutschland. Ihr Betrieb wurde zugemacht. Was lag da näher, als im elterlichen Betrieb auszuhelfen?

Doch nach der Wende wollte keiner mehr Kinderschürzen kaufen. „Zu DDR-Zeiten hatte jedes Kind im Kindergarten eine Kinderschürze“, sagt Mädler. „Das hatte sich von heute auf morgen erledigt.“ Als kleiner Betrieb und „mit diesem Nischenprodukt“ habe sich die Firma aber besser über Wasser halten können als die größeren Textilbetriebe im Osten. Der wirtschaftliche Einbruch sei in den ersten Jahren nach der Wende dennoch „massiv“ gewesen, nur noch vier Näherinnen hätten für die Schürzenfabrikation gearbeitet. Und das Sortiment wurde um die Kittelschürzen für Frauen erweitert.

2007 hat Mädler die Firma übernommen, sie beschäftigt heute nur noch eine Näherin, die auf Zuruf arbeitet. Sie habe ja kein Geld in die Firma stecken müssen, sagt sie, auch weil sie mit den alten Maschinen von einst weiterarbeitet. Nur die Stoffballen sind neu und werden in einer Firma in Frankenberg (in der Nähe von Chemnitz) mit den verschiedenen Motiven bedruckt. Im Jahr stellt sie rund 500 Kittelschürzen her. Man kann sie über die Homepage der Firma, per Mail oder Anruf bestellen.

Birgit Mädler muss von den Kittelschürzen nicht leben. Sie macht das aus „Spaß an der Arbeit“ und der Tradition wegen. Sie verdient ihr Geld mit einer halben Stelle als Bildungsreferentin für fairen Handel über einen Eine-Welt-Verein. Anhand der Schürzenproduktion in ihrem Betrieb vermittelt sie zum Beispiel Schulklassen den Wert ihrer Arbeit im Kontrast zu den Zuständen der Textilproduktion in asiatischen Billiglohnländern.

Die Kittelschürzen haben „mein ganzes Leben bestimmt“, sagt Mädler. Und wenn sich jemand beim Kauf einer ­Kittelschürze freut oder an früher, etwa an die Oma in ihrer Kittelschürze, erinnert wird, „dann ist das für mich im Prinzip der Lohn“, sagt sie. „Das hat ein nostalgisches Moment“, die Kittelschürze sei eben „ein Stückchen ­Heimat“.

Sie selbst trägt natürlich Kittelschürze: „Wenn ich in den Betrieb reinkomme, dann ist der Griff zur Schürze automatisch, weil man sich auf Arbeit ohne Schürze gar nicht wohlfühlt.“

Die Dederonkittelschürzen seien langlebig, sagt Birgit Mädler. Und von den anfallenden Stoffresten werden Klammerkleidchen und Einkaufsbeutel hergestellt. Die sind eine prima Alternative zu Plastiktüten und Baumwollbeuteln, weil sie die guten Stoff­eigenschaften von Dederon haben und „nachhaltig und unverwüstlich“ sind.

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