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Ein Toter neben der begasten Kirche

Nach dem Unfall mit Holzschutzmitteln in Bayern herrscht immer noch Rätselraten, wie das passieren konnte. Giftgas wurde erst vor kurzem zugelassen, wird jedoch trotz des Unfalls anscheinend künftig vermehrt eingesetzt. Staatsanwalt ermittelt

von REINER METZGER

Ein Toter und zehn Verletzte – auf den ersten Blick sieht die Kirchensanierung in der Oberpfälzer Gemeinde Ursensollen wie ein veritabler Holzschutzmittelskandal aus. Dort war Anfang vergangener Woche eine Kirche mit dem hochgiftigen Sulfuryldifluorid begast worden, um den Nagekäfer, der Kirchenbänke und Heiligenfiguren befallen hatte, zu bekämpfen. Zwei Tage später war ein 39-jähriger Bewohner des Nachbarhauses der Kirche tot, zehn weitere verletzt.

Sulfuryldifluorid ist jedoch keines der lange wirksamen Gifte, wie sie den vielen Holzschutzmittelgeschädigten aus früheren Jahrzehnten bekannt sind, etwa der Anstrich Xylamon. Es ist ein Gas, gut dreimal schwerer als Luft mit der chemischen Formel SO2F2. In den USA ist es schon länger bekannt. Der Chemiekonzern Dow verkauft es unter dem Namen Vikane vor allem zur Termitenbekämpfung und hält auch ein Patent darauf. Der Vorteil: ein, zwei Tage einwirken lassen, und alle Insekten sind tot. Dann wird der Raum gut gelüftet, und das Gift ist nur noch in winzigen, nach Angaben der Hersteller völlig unschädlichen Konzentrationen nachweisbar. Um die Zulassung in Deutschland gab es ein leichtes Gerangel. Konkurrenten argwöhnten, die Tests seien nicht ganz konsequent gewesen. Allerdings ging es nicht um die Wirkung auf Menschen; vielmehr darum, dass Sulfuryldifluorid die Eier der Insekten nicht wirksam angreift. Deshalb auch der Zeitpunkt des Begasens in Ursensollen: Laut dem Holzschutzgutachter Thomas Trübswetter, emeritierter Professor, ist September oder Oktober die beste Schädlingsbekämpfungszeit, da die meisten Nagekäferlarven aus den Eiern geschlüpft sind.

Zugelassen laut Gefahrstoffverordnung ist das Mittel erst seit Juli dieses Jahres mit einer Veröffentlichung in der Bundesrats-Drucksache 229/02. Die Anwendung wird in den Technischen Regeln für Gefahrstoffe (TRGS 512) geregelt. Auch die Deutsche Gesellschaft für Holzforschung (www.dgfh.de) stellt in ihrem „Merkblatt Begasung“ klare Regeln auf: Arbeit unter Schutzkleidung, nur von zugelassenen Spezialisten, Drucktests bei den Gebäuden vor der Begasung und, und, und.

Der Familienvater von Ursensollen ist trotzdem gestorben, weil das geruchlose Gas irgendwie in seine Wohnung gelangte. Das Mehrfamilienhaus ist mit einem jahrhundertealten Gang überirdisch mit der Kirche verbunden. Der Gang ist nicht nur zugemauert. Er war von der Kirchenseite her laut Aussagen von Leuten vor Ort mit einer Plastikplane abgedichtet. Der angrenzende Raum wurde sogar noch leer gepumpt, um Unterdruck zu erzeugen. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und Polizeidirektion Amberg dauern an.

Sulfuryldifluorid sei trotzdem „weiter im Kommen“, so ein Holzschutzexpertepe. Denn es gibt für viele Gebäude keine Alternative zur Giftbegasung. Und andere Gase wie Brommethan, Blausäure oder Phosphorwasserstoff sind entweder schädlicher für die Umwelt, brauchen Wochen, bis sie wirken, oder reagieren unerwünscht mit den Antiquitäten, die eigentlich gerettet werden sollen.

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