: „Ein Leben im Wartesaal“
Lesung Der Bosnier Adnan Softic berichtet von der Ungewissheit und Langsamkeit auf der Flucht
Foto: privat
40, Künstler, Kurzfilm-Regisseur und Autor, der 1992 aus Bosnien vor dem Krieg nach Deutschlandgeflüchtet ist.
taz: Herr Softic, sind Sie 1992 bei Ihrer Flucht aus Bosnien ohne Komplikationen in Deutschland angekommen?
Adnan Softic: Es ist unmöglich, reibungslos aus dem Krieg zu fliehen. Ich bin damals über viele Umwege mit dem Zug, dem Auto, dem Flugzeug und per Bus nach Deutschland gekommen. Neben den physischen Strapazen wirken die psychischen Strapazen noch viel stärker. Es macht mich sprachlos, welche Umstände die heutigen Flüchtlinge auf sich nehmen.
Wie haben Sie Ihre eigene Flucht wahrgenommen?
Für mich war es eine maßgebliche Zäsur. Ich musste mit 17 Jahren ein glückliches Leben und meine liebsten Menschen hinter mir lassen. In jedem Fall ist die Flucht ein sehr großer persönlicher Einschnitt, auf den man sich nie ausreichend vorbereiten kann.
Welche Herausforderungen gibt es?
Man muss extreme Ungewissheit aushalten und wird einer enormen Verlangsamung ausgesetzt. Das Leben wird wie zu einem Wartesaal, in dem man ständig damit konfrontiert wird, das eigene Selbstverständnis zu überdenken. Eine unmögliche Lage.
Wie wirken solche existentiellen Fragen auf junge Menschen?
Kinder können in dieser Zeit des ständigen Rumhängens sehr kreativ darin sein, in den Lagern Spaß zu haben. Diese lange Zeit wird jedoch zum Problem, wenn kein Anschluss gefunden wird und Weiterbildungen fehlen. Dann nimmt das Gefühl der Ausgrenzung und deren Folgen zu. Außerdem sind sie komplett von ihren Eltern und der Verfassung, in der sich diese befinden, abhängig.
Warum sind heute so viele Sinti und Roma unter den Flüchtlingen?
Diese Menschen werden auch in den vermeintlich sicheren Drittländern strukturell ausgegrenzt. Abschiebungen führen sie dahin zurück. Für mich sind das bürokratische Begriffsspielereien, das zynische Gesicht der europäischen Politik von heute und eine Verkennung der Realität. Sinti und Roma haben im europäischen Narrativ keinen Platz und kein Zuhause und werden durch strukturelle Gewalt stigmatisiert und ausgegrenzt.
Interview: Morten Luchtmann
Lesung „Ich will hierbleiben – der Brief von Arijana“: 20 Uhr, Bürgerhaus Wilhelmsburg, Mengestr. 20, Eintritt: 5 Euro
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