Ehemalige Abgeordnete über Afghanistan: „Meine Seele ist nicht hier“

Yalda Farangis Sawgand hat als junge Frau im afghanischen Parlament gesessen. Jetzt ist sie in Deutschland und fürchtet um ihre Familie.

Yalda Farangis Sawgand steht vor einer Wand mit Fotos.

Wollte Afghanistan als Politikerin und Journalistin verändern: Yalda Farangis Sawgand Foto: Miguel Ferraz

taz: Frau Sawgand, Sie haben in Afghanistan als Journalistin gearbeitet und Sie waren Parlamentsabgeordnete in Ihrem Heimatbezirk. Und dabei sind Sie heute gerade 33 Jahre alt. Erzählen Sie ein bisschen von sich.

Yalda Farangis Sawgand: Mich selbst vorzustellen, finde ich schwierig, da bin ich eher schüchtern. Aber es stimmt, ich habe in meiner Heimat einiges erlebt. Ich war die jüngste Abgeordnete, schon in der Schule war ich sehr aktiv, kulturell und politisch. Nach der Schule habe ich mich beim Rundfunk beworben.

Im Bayan-e-Shamal-Mediencenter, das die Bundeswehr in Mazar-i-Sharif aufgebaut hat?

Genau, in Mazar lebte unsere Familie. Ich habe mich beworben und wurde genommen. Ich habe da mit viel Begeisterung gearbeitet, auch einen Preis gewonnen und übernahm im Laufe der Zeit mehr Verantwortung. Anfangs moderierte ich eine Kindersendung, dann wurde ich Nachrichtensprecherin auf Usbekisch und auf Persisch und produzierte vier Radiosendungen. Ich habe den ganzen Tag gearbeitet und abends Jura und Politik studiert.

Das war eine Art Fernstudium?

Nein, es war eine Privatuniversität, die Lehrveranstaltungen fanden von 17 bis 21 Uhr statt. Dort kam ich zur Politik. Viele Leute in Afghanistan glauben, dass du Geld und Macht haben und überall bekannt sein musst, um in die Politik einzusteigen. Aber wir jungen Leute an der Uni und viele junge KünstlerInnen haben beschlossen, jemanden ins Parlament zu schicken, damit wir gehört werden. Die Gruppe hat mich ausgewählt, wir haben Wahlkampf von Haus zu Haus gemacht und haben Erfolg gehabt.

Und dann kamen Sie Anfang 2014 ins Parlament, da waren Sie 25 Jahre alt?

Leider blieb ich nur kurz als Abgeordnete. Schon im September 2015 musste ich nach Deutschland fliehen.

Weil Sie von den Taliban bedroht wurden – erhielten Sie Mails, Anrufe?

wurde 1988 in Nordafghanistan geboren. Ihr Vater wurde 1998 getötet, die Mutter brachte die Familie allein durch. Ab 2009 arbeitete sie für ein von der Bundeswehr initiiertes Radioprogramm. Seit 2015 lebt sie mit Mann und Kind in Schleswig-Holstein.

Oh nein, ganz anders! Ich sollte eine Rede halten, in einem Ort außerhalb von Mazar-i-Sharif. Mein damaliger Verlobter, heute mein Mann, hat mich gefahren. Als Abgeordnete hätte ich bewaffnete Soldaten zum Schutz haben können. Das wollte ich nicht, also fuhren mich entweder mein Bruder oder mein Ehemann. An jenem Abend verfolgten uns zwei maskierte Männer auf einem Motorrad. Mein Mann fuhr so schnell er konnte, die Straße war sehr schlecht, nur Sand und Steine. Der Wagen kam ins Rutschen, das Motorrad kam näher, die Männer schossen auf uns. Ich konnte die Polizei im Nachbarort anrufen. Man empfahl uns einen schmalen Pfad zur Rückreise in die Stadt. Wir haben das geschafft, aber ich konnte zwei Wochen nicht rausgehen, so viel Angst hatte ich.

Und danach haben Sie Asyl beantragt?

Ja, im September 2015 kamen mein Mann und ich hierher. Mein Sohn wurde in Deutschland geboren, er ist jetzt fünf. Wir sind nach Schleswig-Holstein gezogen, weil eine meiner Cousinen damals in Kiel lebte.

Also, Sie sind hier, aber Ihre restliche Familie ist noch in Afghanistan. Wie geht es ihnen?

Nachdem die Taliban die Macht ergriffen haben, ist meine Familie nach Kabul geflohen und hat sich bei Verwandten versteckt. Als die Taliban auch dort einmarschierten, haben sie Haus für Haus durchsucht. Meine Familie ist wieder nach Mazar zurückgekehrt und versteckt sich jetzt bei Bekannten, die selbst sechs Kinder haben. Vor einigen Tagen musste mein Bruder das Versteck verlassen, um Geld abzuheben, das ist gerade nicht so einfach in Afghanistan. Die Taliban stoppten das Taxi, nötigten ihn auszusteigen, verlangten seinen Ausweis und sein Handy, auf dem sensible Daten gespeichert waren. Er weigerte sich. Sie haben ihn auf den Kopf und den Körper geschlagen und zerrten ihn mit sich, aber er schrie so laut, dass es einen Menschenauflauf gab und sie ihn auf der Straße liegen ließen und verschwanden. Passanten halfen ihm, und auf Umwegen gelangte er zu seinem Versteck, wo meine Mutter und meine Schwester seine Wunden versorgen.

Alle Ihre Verwandten, Ihre Mutter, Ihre Geschwister und ein Cousin, werden von den Taliban gesucht – es gibt eine Vorgeschichte, warum Ihre Familie besonders in Gefahr ist?

Ich stamme aus einer Familie, die schon seit drei Generationen sozial und politisch aktiv ist. Mein Großvater war eine Art inoffizieller Bürgermeister in seinem Dorf und hat sich dafür eingesetzt, dass alle Kinder zur Schule gehen können. Dafür haben sich die Mud­schahedin 1981 gerächt, sie haben seine Villa in Brand gesetzt und acht Familienmitglieder getötet. 1998 haben die Taliban meinen Vater getötet, ich habe ihn auf der Straße liegen sehen … Wir sind die dritte Generation, die bedroht wird. Meine Mutter hat zuletzt für das Schwedische Afghanistan-Komitee gearbeitet, war vorher Lehrerin, Hebamme und Krankenschwester. Mein Bruder ist Anwalt. Meine Schwester hat Medizin studiert und will Chi­rurgin werden, mein Cousin studiert Anglistik. Wir waren immer aktiv und wir haben viele Opfer gebracht.

Sie versuchen, Ihre Verwandten herauszuholen – wie ist die Reaktion der Behörden?

Ich habe an alle geschrieben: An das Auswärtige Amt (AA), die Bundeswehr, die Landesregierung. Die Bundeswehr sagt: Du bist Ortskraft, dich und deine Kernfamilie haben wir in Sicherheit gebracht, mehr machen wir nicht. Die Antwort vom AA war wirklich eine Katastrophe. Sie schreiben von der allgemeinen Lage im Land, die eine Ausreise nur in Fällen außergewöhnlicher Härte erlaubt – aber das bezieht sich auf die Zeit, bevor die Taliban zurückgekommen sind. Ich verstehe nicht, warum jetzt noch daran festgehalten wird, dass – so wörtlich – „die Voraussetzungen in ständiger höchstrichterlicher Rechtsprechung eng ausgelegt werden“. Jetzt, wo die Welt zusieht, was die Taliban mit uns Afghanen und Afghaninnen anstellen?

Selbst wenn es Papiere gäbe, führt zurzeit kein Weg aus dem Land heraus …

Oh, nein, es gibt Wege! Fast jeden Tag starten Flugzeuge aus Mazar-i-Sharif. Ich habe Kontakt mit Hilfsorganisationen, die meine Familie aus dem Land holen würden. Sie brauchen nur eine Aufnahmebestätigung eines anderen Staates, dann könnten sie nach Pakistan ausreisen. Gern würde ich Herrn Seehofer, Herrn Maas oder den höchsten Richtern unsere Geschichte erzählen und sie fragen, ob sie selbst eine Mutter und Geschwister haben und ob sie die im Stich lassen würden. Ist der Verlust meines Vaters durch die Taliban nicht genug? Soll ich jetzt noch tatenlos zusehen, wie meine restlichen Angehörigen umkommen?

Wie soll es nun weitergehen?

Ich suche nach anderen Möglichkeiten, hoffe und warte, gehe an die Öffentlichkeit. Ich habe hier ein Leben, mein Sohn braucht mich, und ich will mein Masterstudium in Kiel beginnen, in Internationaler Politik oder Migration und Diversität. Aber meine Seele ist nicht hier, denn ich muss ständig an meine Familie denken. Ich träume, wie sie erschossen werden oder wie wir gemeinsam fliehen.

Das Ausland tut sich gerade sehr schwer, wie es mit Afghanistan umgehen soll. Was meinen Sie: Soll man mit den Taliban reden und ihnen Geld geben?

Nein! Ich weiß, es ist hart, denn ohne Hilfe sterben Menschen, vielleicht auch meine Familie. Aber die Taliban-Regierung darf nicht anerkannt werden, sonst werden wir nie ein freies Leben haben, Schulen für Frauen, ein bisschen Normalität. Ich weiß, unsere Regierung war nicht gut, überall herrscht Korruption. Aber Frauen konnten studieren, ins Café gehen, in allen Berufen arbeiten, und wir als junge Generation hatten Hoffnung auf ein besseres Leben. Jetzt ist alles weg, nach 20 Jahren und Milliarden von Dollar. Die Frauen sitzen zu Hause, die Taliban kontrollieren alles. Musik – ist haram. Schulunterricht für Mädchen – haram. Alle Künste – haram. Dabei steht nichts davon im Koran. Der Koran sagt: Jeder Mensch ist allein Gott verantwortlich. Aber sie zwingen die Männer, Turban zu tragen, und die Frauen die Burka, unter der man nicht atmen kann. Sie schlagen Frauen, die für ihre Rechte demonstrieren. Ich habe als Kind erlebt, wie sie meinen Vater getötet haben, und ich will mich denen nicht beugen. Als Mensch akzeptiere ich das nicht.

Aber soll das Ausland zusehen, wie die Bevölkerung stirbt?

Ich höre diese Geschichten, ich habe Kontakt zu vielen Organisationen. Kinder sterben bereits an Hunger, Frauen erhalten keine Hilfe im Krankenhaus. Ich habe von einer Frau gehört, die ihr Kind auf der Straße geboren hat; es starb. Aber wenn man den Taliban Geld gibt, hilft das den Menschen nicht. Die Taliban essen auch jetzt gut. Sie nennen sich Muslime, aber sie handeln nicht so: Muslime teilen und helfen den Armen. Ja, das Ausland muss helfen, denn an der heutigen Lage sind sie mit Schuld. Sicher hat unsere Regierung vieles falsch gemacht, der Präsident hat Geld an seine eigenen Leute verteilt. Aber die USA oder Deutschland haben das zugelassen, sie haben nicht geprüft, was mit dem Geld passiert. Die internationale Hilfe ist unkontrolliert in falschen Kanälen versickert.

Wie also sollte die Welt mit Afghanistan umgehen?

Die Taliban müssen Hilfsorganisationen reinlassen, die das Geld direkt zu Notleidenden bringen. Und es muss echte freie Wahlen geben. Aber ich habe wenig Hoffnung: Die Nachbarländer wollen Unruhe in Afghanistan. So wiederholt sich die Geschichte alle 20 Jahre. Ein schäbiges Spiel …, das Menschen tötet.

Haben Sie einen Wunsch an die Le­se­rIn­nen der taz? Gibt es etwas, bei dem Sie Hilfe brauchen?

Wenn jemand eine Lösung hat, wie ich meiner Familie helfen kann, oder eine Stelle weiß, an die ich mich noch wenden könnte, dann, bitte, kontaktieren Sie mich. Ich will hier leben, arbeiten und politisch und als Lyrikerin aktiv sein, aber zurzeit ist mein Kopf zu voll mit Sorgen um meine Familie.

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