EMtaz: Kolumne Überschätzt

Schachbrett vorm Kopf

Kroatiens EM-Aus wirft Fragen auf. Das fängt bei Trainer Čačić an, der keine Fehler eingestehen will. Wenigstens wird der mafiöse Verband herausgefordert.

Mario Mandzukic bei einem Zweikampf mit Pepe

Manđukić & Co. sind irgendwie ins Schwimmen geraten – und untergegangen Foto: ap

Ein Schachbrett im Viertelfinale hätte der EM gut getan. Kompakt schöner Fußball, gepaart mit schrecklichen Schachbretttrikots, schrecklichen Schachbrettfrisuren und schrecklichen Schachbrettfans: immer eine gute Geschichte. Was für die EM blöd ist, könnte aber für die Zukunft des kroatischen Verbands super sein.

Könnte! Könnte, würden die kroatischen Patrioten ihren Patriotismus tatsächlich mal so ernst nehmen, wie es die Hooligans auf hässliche Weise getan haben. So oft und penetrant wie die megapatriotischen Funktionäre des kroatischen Fußballverbands nämlich den Patriotismus beschwören, so wenig ordnen sie ihr Handeln der Maxime unter, alles so zu tun, dass es dem Fußball dient. Ihr Patriotismus reicht viel mehr nur so weit, wie er ihnen persönlich nützt.

Dass die Kroaten ausgeschieden sind, daran ist zwar auch Portugal schuld. Vor allem aber sind es die Kroaten selbst. In erster Linie ihr Trainer Ante Čačić und die Verbandsfunktionäre, die ihn auf diesen Posten gesetzt haben.

Das von Geheimfavoritenexperten als Titelanwärter gehandelte Team um Luka Modrić hätte spielerisch das Potenzial gehabt, die goldene Schachbrettgeneration um Davor Šuker (1998 WM-Dritter in Frankreich) zu beerben. Statt aber sein Potenzial auszunutzen, lehnte Čačić während des Achtelfinals lässig am Trainerhäuschen und schrieb ständig irgendwas auf einen Zettel. Aber was?

Was hatte er sich dabei gedacht?

Hatte er vergessen, wen er auf der Bank sitzen hat? Hatte er vergessen, dass man auch auswechseln kann, ohne dass ein Spieler sich verletzt hat? Versuchte er sich daran zu erinnern, was ihm die Funktionäre und heimlichen Herren des kroatischen Fußballs, Davor Šuker und Zdravko Mamić zugeflüstert hatten? Oder schrieb er schon an seinen Memoiren: „Die Mafia, die Marionetten, Mamić und ich“?

Nach dem Auftritt gegen Spanien war eigentlich klar, dass die Kroaten auf Mario Manđukić locker verzichten können, ja sogar müssen. Der Stürmer hatte während der gesamten Vorrunde versagt, war planlos durch die Gegend gerannt, unfit, einfallslos, überflüssig. Warum hatte Čačić ihn dennoch bis zur 88. Minute spielen lassen? Warum ließ er den neuen Shootingstar Marko Pjaca bis zur 110. Minute auf der Bank sitzen und wechselte den anderen Jungstar, Nikola Kalinić, erst in der 88. ein?

Was hatte er sich dabei gedacht? Nichts wahrscheinlich. Was soll auch jemand denken, der bisher nie mit sportlicher Analyse, sondern immer nur mit Mimimi, Fanbeschimpfung und patriotischen Tugendbeschwörungen aufgefallen war? Nicht mal auf der Pressekonferenz in Zagreb am Montag konnte Čačić einen Fehler bei sich finden.

Das EM-Aus hat immerhin dazu geführt, dass die Debatte um den mafiösen kroatischen Fußballverband, die die Hooligans mit ihren Böllern und Raketen angefangen hatten, jetzt von zivilen Sportjournalisten fortgeschrieben wird. Wenn die Kroaten endlich ihr Schachbrett vorm Kopf abmontieren, wäre das immerhin auch so etwas wie ein EM-Gewinn.

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seit 2008 Redakteurin der taz, seit 2012 taz.am Wochenende, davor Redakteurin bei „Jungle World“ und „Sport-BZ“

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