EMtaz: Kolumne Queering Soccer

Spielermänner? Gibt es einfach nicht

Was für eine Nerverei: Schon wieder schwule Sachen, jetzt auch noch zur EM. Aber ja doch: Was sein muss, muss sein.

Mario Gomez, Benedikt Höwedes, Thomas Müller, Bastian Schweinsteiger und Toni Kroos beim Lauftraining.

Hübsche Buben! Foto: dpa

Es ist ja nicht so, dass sie nach nix aussehen, die Fußballer dieses Turniers. Das stimmt auch dann, wenn ein Schmuckstück wie Karim Benzema fehlt. Dafür ist Jonathan Tah dabei (ganz neu). Und Benedikt Höwedes. Das ist geschmacklich vielleicht nicht für jeden der Typ für ersehnte Schäferstündchen, aber sie haben so schöne Augen, da führt kein Weg dran vorbei.

Man muss nicht, aber man kann eine Männer-Europameisterschaft auch durch nichtheteronormative Augen in den Blick nehmen. Das ist ja nicht unziemlich, sogar die Deutsche Bahn hat vor Kurzem einen sehr possierlichen Werbeclip veröffentlicht, in dem ein Fußballfan als Mann eines Spielers kenntlich wird.

Dafür erntete die Bahn tüchtig Hass im Internet – und viel Lob aus queeren Kreisen. Denn wahr ist: Es gibt schwule Männer, für die sportlich – aktiv wie passiv – nichts über Fußball geht. Nur sieht man sie nicht bei dieser EM. Googelt man die Wortkombination „em fußball spielermann“, kommen 28.200 Einträge; nach Änderung der Sucheingabe in „em fußball spielerfrau“ schnellt die Trefferzahl auf 245.000 hoch.

Sie mögen jetzt fragen: Weshalb muss das denn jetzt erörtert werden? Wieso mäkelt da einer schon wieder rum und kommt auf diesen ganzen „Genderwahn“ zu sprechen? Nun: weil es Spaß macht. Und weil die Fakten so hübsch deprimieren: So viele Jahre Feminismus und Gendertrouble – und doch ist in Deutschland Thomas Hitzlsperger nach wie vor der einzige prominente Spieler geblieben, von dem bekannt wurde, dass er schwul ist. Und das auch erst nach dem Ende seiner Laufbahn auf dem Rasen.

Heteronormativ war der Fußball immer

Sei’s drum: Schaut man sich die Meldungen dieser Tage zum Thema Spielerfrauen an, fällt auf – einerlei, ob es um die Lebensgefährtinnen von Mario Götze, Mats Hummels, Thomas Müller oder Sami Khedira geht, oder um den Typus an sich (Victoria Beckham!, wagenradgroße Sonnenbrillen!) –, dass diese Frauen wie aufgebrezelte Konkurrentinnen und zugleich wie überfönte und überpflegte Exemplare des Weiblichen aussehen.

Irgendwie erinnern die mich an bioweibliche Avatare, die sich vielleicht nicht so zurecht backen, um ihren Freunden zu gefallen, sondern um diesen überhaupt zu gewinnen und nach dessen Eroberung wie eine Triumphatorin auszusehen: Seht her, den habe ich mir geangelt (Hummels, Müller, Neuer u. a.).

Keine der Spielerfrauen der DFB-Männer weckt nicht gleich den Eindruck, vollkommen makellos zu sein, geschmirgelt und gestriegelt: trostlos das alles, nicht wie aus dem wahren Leben.

Um zum leidigen Thema des Homosexuellen zurückzukehren: Da ist kein Land in Sicht, kein besseres, anderes Ufer. Heteronormativ war der Fußball immer, schon vor 44 Jahren beim EM-Finale in Brüssel, ebenso in Tschechien 1976 oder neulich in der Ukraine und in Polen, 2012. Nichts hat sich an dieser gusseisernen Geschlechterordnung geändert, nichts an der Sprache („Die heißesten Spielerfrauen!“, Focus), nichts an den Performances.

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Postbote, Möbelverkäufer, Versicherungskartensortierer, Verlagskaufmann in spe, Zeitungsausträger, Autor und Säzzer verschiedener linker Medien, etwa "Arbeiterkampf" und "Moderne Zeiten", Volo bei der taz in Hamburg - seit 1996 in Berlin bei der taz, zunächst in der Meinungsredaktion, dann im Inlandsressort, schließlich Entwicklung und Aufbau des Wochenendmagazin taz mag von 1997 bis 2009. Seither Kurator des taz lab, des taz-Kongresses in Berlin, sonst mit Hingabe Autor und Interview besonders für die taz am Wochenende. Interesse: Vergangenheitspolitik seit 1945, Popularkulturen aller Arten, besonders der Eurovision Song Contest, politische Analyse zu LGBTI*-Fragen sowie zu Fragen der Mittelschichtskritik. Er war HSV- und ist jetzt RB Leipzig-Fan. Und er ist verheiratet seit 2011 mit dem Historiker Rainer Nicolaysen aus Hamburg.

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