Dystopischer Comic „Little Bird“: Wie wabernde Puddings

Ein von Christfaschisten regiertes Nordamerika: In seinem Comicdebüt erschafft Darcy Van Poelgeest eine bildgewaltige Science-Fiction-Dystopie.

gezeichnetes Mädchen mit zerzausten schwarzen Haaren, einem Stock in der Hand und einer weißen Eule an der Seite

Little Bird kämpft gegen die christfaschistische Regierung von New Vatican Foto: Cross Cult

Selten war eine dystopische Erzählung so bildgewaltig wie Darcy Van Poelgeests „Little Bird“ mit seiner gleichnamigen Heldin. Little Bird streift durch ein verheertes Land, das einmal Kanada war. Der New Vatican mit seinem christfaschistischen Anführer hat die Kontrolle über ganz Nordamerika übernommen und ist nun die Brutkammer des neuen Christenmenschen in den Vereinten Nationen von Amerika.

Der finstere, kahlköpfige Bischof zettelt Blutbäder an, um die letzten Widerstandsnester auszumerzen. Little Bird wird zu seiner gefährlichsten Widersacherin. Weil sie sich fest an die Hoffnung klammert.

Filmemacher Darcy Van Poelgeest greift in seinem Comicdebüt einen Plot auf, der derzeit Konjunktur hat. Nicht zufällig fühlt man sich an Stoffe wie Handmaid’s Tale erinnert. Umgesetzt im Medium Comic, in dieser einzigartigen Bildwelt von Ian Bertram, coloriert von Matt Hollingsworth, offenbart sich in „Little Bird“ die Verschmelzung von klassischer Comic- und Filmkunst.

Die szenischen Schnitte und die dramaturgischen Entscheidungen stammen direkt aus der Welt des filmischen Erzählens. Little Birds Abgleiten in schamanische Visionen und traumhafte Bilder ermöglicht Zeit- und Ortssprünge, die den Hintergrund der Geschichte liefern.

Aggressives Rot und eisiges Blau

Die Erzählweise mystifiziert sowohl die Motive des finsteren Bischofs als auch Little Birds Herkunft. Stück für Stück muss der Leser im Laufe des Comics die Ereignisse, die zu Little Birds Freiheitskampf führen, zusammenpuzzeln. Die eindringliche Bildsprache nimmt dabei gefangen: Ian Bertrams Kunst manifestiert sich sowohl in den ausdrucksstarken, mit aggressiven Tuschestrichen dynamisierten Einzelszenen wie auch im Seitenaufbau.

Kolorist Matt Hollingsworth taucht die Szenen abwechselnd in aggressives Rot und eisiges Blau. Die versehrten, ausgeweideten toten Leiber tauchen ganze Szenen in Magenta, gefolgt von Räumen, die in kühlem Grau und Grünblau die unmenschliche Grausamkeit des New Vatican fühlbar machen. Es ist ein beinahe verstörendes, ästhetisch zugleich höchst befriedigendes Erlebnis, durch diesen Comic zu blättern.

Cover zum Comic Cult Cross

Darcy Van Poelgeest, Ian Bertram und Matt Hollingsworth: „Little Bird 1: Der Kampf um Elders Hope“. Cross Cult, Ludwigsburg 2020, 208 Seiten, 35 Euro

Mutanten­leiber zerfließen unter ihren Talaren in Gewebe, das wie Gedärm hervorquillt. Zerschmetterte Körper scheinen keine Knochen zu besitzen und wirken wie aus Fleischerabfällen geformt. Die Geistlichen des Bischofs sind allesamt fett, zergehen regelrecht in ihrer Leibesfülle, wie wabernde Puddings, während der Bischof, kantig und knochendürr, an ein wandelndes Skelett erinnert.

Little Bird mit ihrer Steampunk-Pilotenbrille sieht tatsächlich aus wie ein ­Vogel, wie eine weit- und hell­sichtige Eule. Visuell ist es allemal reizvoll, die schamanische Erscheinung Little Birds und ihrer Mutter in ein dystopisches Sci-Fi-Szenario überführt zu sehen.

Elliptische Verknappungen

Science-Fiction ist der Comic insofern, weil die Möglichkeiten der Technik bzw. Medizin, die menschliche Gesellschaft nachhaltig zu verändern, die Basis dieser Comicerzählung bilden. Im New Vatican finden nämlich Genexperimente statt, die das ewige Leben ermöglichen sollen.

Nicht mehr im gottgefälligen Leben im Hier und Jetzt wird die himmlische Ewigkeit antizipiert. Der offensichtlich bis auf die Knochen unmoralische Anführer des New Vatican strebt nach einem eigenmächtigen Sieg über den Tod, will zuletzt selbst Gott werden.

Der Comic greift hierfür, und das ist der einzige Einwand, auf eine allzu bekannte und an sich problematische Trope zurück: Eine mädchenhafte, indigene Unschuld lehnt sich gegen das männlich konnotierte und technifizierte Böse auf. Hier ist das Immergute, Naturverbundene, dort ist die potenziell böse Kulmination einer Fortschritts- und Technikgläubigkeit.

Die Faszination dieses Comics, das muss man klar sagen, besteht nicht darin, was erzählt wird, sondern wie erzählt wird. Allerdings sind die elliptischen Verknappungen des Erzählens womöglich nur deswegen möglich, weil die Rahmenhandlung auf einer etablierten Trope und einem stabilen Narrativ basiert. Die unglaubliche Bildgewalt von „Little Bird“ hebt diese Schwäche allemal auf.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de