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Durchhalten im IrankriegFür wen spielt die Zeit in Iran?

Israel und die USA versuchen Irans Angriffsarsenal auszuschalten, bevor ihnen und ihren Verbündeten in der Region selbst die Munition ausgeht.

Das israelische Luftabwehrsystem feuert, um iranische Raketen abzufangen, am 1. 3. 2026 Foto: Mahmoud Illean/ap/dpa
Felix Wellisch

Aus Tel Aviv

Felix Wellisch

Eine Woche nach seinem Beginn läuft der Irankrieg nicht, wie US-Präsident Donald Trump es sich gewünscht hat. Der getötete oberste Anführer Ajatollah Ali Chamenei ist nicht etwa, wie Venezuelas Präsident Nicolás Maduro nach dem US-Überfall auf das Land Anfang Januar, durch einen US-freundlichen Nachfolger ersetzt worden. Auch die iranische Opposition hat bisher das in großen Teilen der Bevölkerung verhasste Regime nicht gestürzt, wenngleich viele Iraner den Tod Chameneis bejubelten.

Die iranische Führung gibt sich stattdessen kämpferisch und weitet die Angriffe aus: Am Donnerstag flogen Raketen und Drohnen unter anderem in Richtung Aserbaidschan und des Nato-Mitglieds Türkei. Auch Katars Hauptstadt Doha wurde von neuen Explosionen erschüttert.

Der Irankrieg entwickelt sich damit langsam zu einem Wettkampf im Durchhalten. Wie lange kann das iranische Regime seine Angriffe auf inzwischen rund zehn Länder in der Region aufrechterhalten? Wann gehen Israel und den Golfstaaten die Abfangraketen aus? Und wie schnell gelingt es Israel und den USA, das Raketenprogramm Irans auszuschalten?

Genaue Zahlen zu den Munitionsvorräten gibt es nicht. Israel schätzt, dass Iran vor Kriegsbeginn über rund 2.500 ballistische Raketen verfügt hat, die Israel und die US-Basen in der Region erreichen können. Hinzu kommen Kurzstreckenraketen und einfache Schahed-Drohnen. Bisher sind laut US-Armee rund 500 Raketen und 2.000 Drohnen von Iran abgefeuert worden. Weitere wurden bei Luftangriffen zerstört.

Der Nachschub wird knapp

„Das Nadelöhr für die iranischen Angriffe liegt weniger beim Vorrat an Raketen, sondern bei den Abschussvorrichtungen“, sagt der israelische Militärhistoriker Danny Orbach. Die mobilen, oft in Lastwagen transportierten Abschussplattformen, würden gezielt angegriffen.

Dem US-Generalstabschef Dan Caine zufolge hat dieses Vorgehen Erfolg: Die Abschüsse von ballistischen Raketen seien seit Kriegsbeginn um 86 Prozent zurückgegangen, die Zahl der Drohnen-Starts um 73 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung meldet auch das israelische INSS-Institut. Demnach seien am zweiten Kriegstag noch 62 Raketen auf Israel gefeuert worden, am Donnerstag bis Redaktionsschluss 3.

Möglich ist, dass der Iran seine Munitionsvorräte für einen längeren Konflikt aufspart. Damit liefe das Regime aber Gefahr, Raketen noch vor dem Abschuss bei Luftangriffen zu verlieren.

Auf der anderen Seite der Gleichung steht die Frage, wie viel Abfangkapazitäten Israel, die USA und die Golfstaaten in der Region haben. Das Emirat Katar etwa soll laut Bloomberg nur noch für wenige Tage über Munition für die Raketenabwehr verfügen. Die dortige Regierung bestreitet das. Laut CNN hat sich Doha jedoch mit der dringenden Bitte um Nachschub an die USA gewandt. US-Außenminister Marco Rubio sagte am Mittwoch, Iran könne 100 Raketen pro Monat herstellen, gegenüber „6 oder 7 Abwehrraketen, die im Monat gebaut werden können“.

Israel verheizt wichtige Langstreckenraketen

Schon während des Zwölftagekrieges im vergangenen Juni musste Israel in den letzten Kriegstagen offenbar seine Raketenabwehr sparsamer einsetzen. Orbach schätzt, dass Israel dies nun bereits von Beginn an tut. Am Sonntag starben bei einem Einschlag in Bet Shemesh neun Menschen.

Doch auch die offensive Munition der US-Streitkräfte ist nicht unbegrenzt. Laut einem Bericht der New York Times ist in den ersten Kriegstagen eine große Zahl präzisionsgeleiteter Langstreckenraketen verbraucht worden. Der ehemalige US-Luftwaffenminister Frank Kendall sagte der Zeitung, ein zu hoher Einsatz dieser knappen Waffensysteme könne US-Interessen „in anderen Bereichen“ schaden, etwa gegenüber China und Russland.

Gelingt es dem iranischen Regime, die ersten US-Schläge zu überstehen, könnte die Zeit für Teheran spielen. Geleakten russischen Dokumenten zufolge kann das Regime in kleinen Produktionsanlagen monatlich rund 5.000 Kamikaze-Drohnen bauen, die von einfachen Gerüsten gestartet werden können. Die Kosten pro Stück liegen zwischen 20.000 und 50.000 Dollar, während ein Marschflugkörper mehrere Millionen Dollar kostet. Ein Erfolg der Zerstörung der Abschussrampen könnte zudem trügerisch sein, wenn die teils unterirdische Raketenproduktion intakt bleibt.

Sollte das iranische Regime nicht klein beigeben oder von der eigenen Bevölkerung gestürzt werden, ist schwer abzusehen, wie ein Sieg aussehen könnte. Das scheint auch der Führung in Washington klar zu werden, die sich nun laut Berichten bemüht, die kurdische Minderheit in Iran und Irak zum Kampf gegen das Regime zu bewegen. Experten warnen, ein solches Vorgehen könnte die diversen ethnischen Gruppen Irans in einen Bürgerkrieg stürzen.

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