Angriffe auf Iran: Was will Netanjahu?
Was soll mit den Angriffen erreicht werden? Welcher Widerstand ist noch zu erwarten? Welche Chance hat Diplomatie? Die wichtigsten Fragen & Antworten.
Nur einen Tag nach dem Beginn des Großangriffs der USA und Israels auf Iran ist klar: Für das Regime in Teheran ist es ein Kampf ums Überleben. Der Verteidigungsminister, der Kommandeur der Revolutionsgarden und weitere hochrangige Führungsleute wurden getötet. Auch das geistliche Oberhaupt der islamischen Republik seit fast 40 Jahren, Ayatollah Ali Chamenei, ist tot. Die iranischen Revolutionsgarden kündigten Rache an. Bereits gestern waren hunderte Raketen und Drohnen auf sechs Länder in der Region abgefeuert worden. Aus mehreren Golfstaaten wurden am Sonntag Explosionen gemeldet.
Was ist das Ziel der Angriffe?
Israels Premier Benjamin Netanjahu und US-Präsident Donald Trump geben sich geschlossen. Während Israel den Zwölf-Tage-Krieg mit Ausnahme des US-Schlages gegen die iranischen Atomanlagen im vergangenen Juni fast alleine führte, greifen beide Länder nun gemeinsam an. Auch in der Rhetorik hat sich Trump Netanjahu angenähert, der seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig die Zerstörung des iranischen Atomprogramms fordert. Hinzu kommt nun die Forderung nach dem Sturz des Regimes.
Doch die Ziele sind militärisch alles andere als klar. Zwar ist die Wut auf die Mullahs in Iran nach der blutigen Niederschlagung einer Protestwelle im Januar größer denn je. Doch das seit der iranischen Revolution vor fast 50 Jahren herrschende Regime ist tief verwurzelt. Laut Medienberichten soll Chamenei für Schlüsselpositionen bereits je bis zu vier Nachfolger ernannt haben. Der US-Geheimdienst CIA hält es für möglich, dass Hardliner aus den Reihen der Revolutionsgarden übernehmen könnten. Ebenso gut könnte es zu neuen Massenprotesten oder gar zu einem Bürgerkrieg kommen.
Wie lange wird es dauern?
Ohne zu wissen, wie ein Sieg aussehen würde, lässt sich auch schwer bestimmen, wie lange der Krieg dauern könnte. Israelische Sicherheitskreise rechnen laut Medienberichten damit, dass die Feuerkraft Irans binnen weniger Tage abnehmen dürfte. Netanjahu kündigte Angriffe auf „tausende“ Stellungen in den kommenden Tagen an. Trump sagte dem US-Portal Axios, es gebe mehrere „Ausstiegsmöglichkeiten“ aus der Operation, ohne Details zu nennen. Am Samstag schrieb er bei seinem Onlinedienst Truth Social, die Bombardierungen würden die ganze Woche dauern, „oder solange nötig, um unser Ziel von FRIEDEN IM NAHEN OSTEN UND DER GANZEN WELT“ zu erreichen.
Was ist von der Achse des Widerstands zu erwarten?
Iran hat jahrzehntelang in den Aufbau eines Netzwerks von Milizen in der Region investiert. Doch zweieinhalb Jahre nach dem Überfall der Hamas auf Israel haben israelische Angriffe im Libanon, in Syrien und im Jemen von dem „Feuerring“ um den jüdischen Staat wenig übrig gelassen. Die libanesische Hisbollah, einst mit mehr als 100.000 Raketen das wichtigste Glied, hat ihre gesamte Führungsriege und einen Großteil ihrer Waffen verloren. Der Fall des Assad-Regimes in Syrien hat die Achse weiter geschwächt.
Was bleibt, sind die Huthi-Rebellen im Jemen. Sie hatten in den vergangenen zwei Jahren Hunderte Schiffe im Roten Meer angegriffen und mit wenig Wirkung Raketen auf Israel geschossen. Bleiben die schiitischen Milizen wie Kataib Hisbollah und Harakat al-Nudschaba im Irak. Im Juni griffen diese nicht in die Kämpfe ein. Am Samstag sollen unbestätigten Berichten zufolge Raketen auch aus dem Irak auf Israel gestartet sein.
Welche Chance hat Diplomatie noch?
Bis zuletzt hatte es in Genf Verhandlungen über das iranische Atomprogramm gegeben. Der jetzige Angriff aber wurde parallel seit Monaten geplant, was die Frage aufwirft, wie ernst es Trump mit den Verhandlungen war. Ohnehin waren die Botschaften der US-Regierung zum iranischen Atomprogramm konfus. Trump zufolge wurde es im Juni weitgehend zerstört. Trumps Sondergesandter Witkoff behauptete jüngst, das Regime stehe kurz davor, eine Atombombe zu bauen. Die internationale Atomenergiebehörde geht davon aus, dass ein großer Teil des angereicherten Urans trotz der US-Angriffe im Juni weiter intakt ist. Die US-Forderungen nach Regimewechsel lassen für Verhandlungen mit den jetzigen Machthabern in Teheran allerdings kaum noch Raum.
Wie blickt man in Israel auf die Angriffe?
Obwohl Netanjahu sein Land in den vergangenen zwei Jahrzehnten so tief gespalten hat wie nie zuvor: Mit Blick auf Iran stehen die Israelis hinter ihm. Noch am Samstag hatte sich fast die gesamte Opposition hinter den Angriff gestellt. Naftali Bennet, der sich selbst in den Wahlen im Herbst als Konkurrenz zu Netanjahu positioniert, schrieb an dessen Adresse: „Die ganze Nation steht hinter dir.“
Für den israelischen Regierungschef ist der Angriff auf Iran nicht nur die Verwirklichung eines seit Jahrzehnten gehegten Vorhabens. Vor dem Hintergrund schlechter Umfragen im Wahlkampf, Forderungen nach einer Aufarbeitung seiner Verantwortung für den 7. Oktober und mehreren Korruptionsverfahren gegen ihn und sein Umfeld nutzt er ihn auch als politische Bühne.
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