Drohende Leere nach Karstadt-Pleite: Warenhaus packt zusammen

Die rosigen Zeiten der Warenhauskette Galeria Kaufhof Karstadt sind vorbei. Jetzt stehen viele Filialen vor dem Aus. Was fehlen wird.

Der Letzte löscht das Licht: Karstadt schließt Filialen und Tausende Jobs fallen weg Foto: Jens Wolf/dpa

HAMBURG taz | Neulich brauchte ich ein spezielles Backblech. Ich hatte meine Versuche, ein knuspriges und zugleich fluffiges Baguette zu backen, schon recht weit vorangetrieben. Aber mir wurde klar: Besser wird es nur mit besserem Equipment. Ein Backblech aus Metall, mit Antihaftbeschichtung und Löchern musste her. Na klar kann man sich das liefern lassen, will ich aber nicht – ich gehe lieber zu Karstadt.

Ich freue mich immer, wenn ich solch praktische Dinge brauche – also wirklich brauche und nicht nur gern hätte. Gern hätte ich zum Beispiel mal einen neuen Pürierstab, bei dem man das pürierende Ende abschrauben und ordentlich spülen kann. Aber meiner geht halt nicht kaputt, püriert wie ’ne Eins. Dieses Baguette-Backblech war aber wirklich nötig und so fuhr ich in die Innenstadt.

Karschi hieß das bei uns früher. Los, auf zu Karschi. Mit Oma, Mama, Freundinnen, Freund, allein, egal. Die Innenstädte wechselten, aber Karschi blieb mir gleich lieb und teuer. Im Erdgeschoss ist es irre hell, der geflieste Boden glänzt, es duftet zu schwer nach Parfüm und es gibt Socken – eher teure nach Farben sortiert auf Aufstellern und fünf Paar für vier Euro von einem der Wühltische.

Es ist nicht so, dass es bei Karschi Dinge gibt, die es anderswo nicht gibt. Aber eben nicht in der Geballtheit unter einem Dach, mit Rolltreppen und in einer Innenstadt. Bademantel, Fußmatte, Reißverschluss – gibt es alles bei Karstadt oder bei Galeria Kaufhof, für mich ist das einerlei. Gehört ja eh zusammen. Ist alles Karschi. Wo ich sonst einen Bademantel, also so einen ganz normalen aus weißem Handtuchstoff, herbekäme, wüsste ich zum Beispiel auf Anhieb gar nicht recht.

Verkäuferinnen materialisieren sich

Dabei ist Bademantel bei Karstadt kaufen auch nicht die pure Freude. Denn die Verkäuferinnen (bei den Anziehsachen für Damen, nicht Frauen, arbeiten nahezu ausnahmslos Damen) sind entweder unsichtbar oder sie materialisieren sich ungefragt. So auch die Verkäuferin, die mich mal bei Karschi in der Hamburger Innenstadt beim Bademantelkauf beraten hat.

Ich wollte gar keine Beratung, was gibt’s da auch zu beraten? Aber die Verkäuferin erschien wie aus dem Nichts schräg hinter mir, während ich einen Bademantel probierend vor dem Spiegel stand – was ja auch schon Unsinn ist. Was soll man da schon sehen? „Der ist zu eng“, sagte die Verkäuferin neben mir und ich fuhr herum. „Wie bitte?“, fragte ich. Sie deutete mit dem Kinn in Richtung meines Hinterns. „Da brauchen sie schon was Größeres.“

Das sagte sie noch bei einigen anderen Modellen, am Ende kaufte ich einen zu teuren Bademantel, der so groß ist, dass ihn mein Freund bequem tragen kann – und der ist deutlich größer und schwerer als ich. Ich stelle mir vor, dass die Verkäufer*innen einen Wettbewerb am Laufen haben – und beim Betriebsfest wird die oder der mit dem absurdesten Beratungsgespräch prämiert.

Überholte Rollenbilder sickern ein

Irgendwie hat diese Karschi-Glitzer-Rolltreppen-Atmosphäre was seltsam Antiquiertes. Überholte Rollenbilder werden hier ungeniert immer weiter fortgeschrieben. So arbeiten beim Geschirr auch immer nur Damen (ich sehe da jedenfalls nie Herren). Da verirrt sich höchstens mal ein Verkäufer hin, weil auf der gleichen Etage auch Technik verkauft wird, Staubsauger oder Kühlschränke zum Beispiel.

Passt man nicht auf, sickert das alles in einen hinein, während man dort einkauft. Nur so ist zu erklären, wieso mein Freund während einer Bratpfannenberatung bei Karschi, bei der er als Mann von der Verkäuferin nicht eines Blickes gewürdigt wurde, zu mir sagte: „Wenn dir die Bratpfanne gefällt, dann kaufen wir die.“ Bis heute muss ich manchmal daran denken, wenn ich die blaue Bratpfanne aus dem Schrank hole. Ja, sie gefällt mir.

Aber ich nehme Karschi das nicht übel. Es macht mich wehmütig, dass das Konzept Warenhaus nicht erst seit der aktuellen Krise auf dem absteigenden Ast ist. Nun verschwindet Karschi zum Glück noch nicht ganz von der Bildfläche, aber deutschlandweit sollen mehr als 50 der 172 Warenhäuser schließen – mit entsprechend vielen Arbeitsplätzen, die verloren gehen. Allein in Hamburg könnte es knapp 600 Beschäftigten den Job kosten.

Ich werde da weiter hingehen, wenn ich ein Puzzle haben will, eine Strumpfhose oder Eierlöffel. So lange es eben geht. Für mein Baguette-Backblech habe ich den Weg neulich allerdings ganz umsonst auf mich genommen. Es gibt bei Karschi Dutzende Backbleche und -formen in allen möglichen Materialien und Farben. Aber kein Baguette-Backblech aus Metall, mit Antihaftbeschichtung und Löchern. Ich hab’s im Netz bestellt, denn ein anderes Geschäft ist mir schlicht nicht eingefallen.

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