Drittimpfung dämpft Sterbezahlen: Boostern rettet Hunderte Leben

Die Zahl der Coronatoten steigt – aber weniger als zu erwarten wäre. Es zeigt sich, dass die Drittimpfung Ältere gut schützt.

eine Frau wird in einem pinken Ambiente geimpft

Drittimpfungen retten schon jetzt Leben: boostern im Musikclub Latin Palace Changó in Frankfurt Foto: Sebastian Gollnow/dpa

BERLIN taz | 527 am Mittwoch, 465 am Donnerstag, 484 am Freitag. Die Zahl der täglich vom Robert-Koch-Institut registrierten Coronatoten ist auf ein erschreckend hohes Niveau gestiegen. Allein in den letzten drei Wochen sind mehr als 4.500 Menschen in Deutschland Opfer der Pandemie geworden. Auch die Lage auf den Intensivstationen ist weiter dramatisch. Fast 5.000 Menschen werden dort derzeit behandelt. Oder genauer gesagt: Sie kämpfen dort um ihr Leben. Und dennoch lässt sich in diesen schrecklichen Zahlen eine gute Nachricht erkennen. Sie heißt: Boostern rettet Leben. Schon jetzt Tag für Tag mehr als hundert.

Mitte November hatte sich RKI-Chef Wieler bei einer Anhörung der sächsischen Landesregierung mit dramatischen Worten an die Öffentlichkeit gerichtet. Damals waren gerade erstmals 50.000 Neuinfizierte an einem Tag registriert worden. Von diesen, rechnete Wieler vor, würden unweigerlich 400 Menschen in den kommenden Wochen nicht überleben, denn die Fall-Sterbe-Rate liege bei 0,8 Prozent.

Pro 1.000 Infizierten war demnach mit 8 weiteren Toten zu rechnen. Bei einer konstanten Entwicklung wären Ende November im Wochenschnitt etwa 340 Menschen pro Tag an Corona gestorben, bis zum 10. Dezember sogar rund 460. Zwar lag die Zahl der Toten an diesem Tag bei 484, der 7-Tage-Mittelwert Ende November aber nur bei 325, am Freitag nur bei 347. Hat Wieler also übertrieben?

Nein, es wird nur weniger gestorben, als zunächst erwartet wurde. Mitte November folgte die Kurve der Todesfälle der Kurve der Neuinfektionen tatsächlich mit einem Abstand von rund 12 Tagen – und einer Sterberate von 0,8 Prozent. Seither aber ist diese Rate deutlich gesunken. Aktuell liegt sie nur bei 0,6 Prozent, also ein Viertel niedriger.

Einen Grund dafür erkennt man beim Blick auf die Intensivstationen. Nach Angaben der Deutschen Interdisziplinären Gesellschaft für Intensivmedizin (Divi) hat sich dort die Zahl der Co­ro­na­pati­en­t:in­nen seit Mitte Oktober vervierfacht, aber nicht in allen Altersgruppen gleichmäßig. Zuletzt stieg vor allem die Zahl der 50- bis 59-Jährigen deutlich. Sie stellen mit fast 30 Prozent die größte Gruppe der Intensivpatient:innen.

Auch bei den ganz Alten gab es ein kräftiges Wachstum. Die Zahl der In­ten­siv­pa­ti­en­t:in­nen über 80 Jahre stieg von 150 Mitte Oktober auf etwa 510 – aber nur bis Ende November. In den letzten zwei Wochen ist diese Zahl nicht weiter gestiegen. Sie bleibt in etwa auf diesem hohen Niveau. Auch bei den über 70-Jährigen kam es nach einem rasanten Wachstum zu einem Stillstand. Seit einer Woche schon bleibt die Zahl mit rund 1.100 Pa­ti­en­t:in­nen in dieser Altergruppe sehr hoch, aber eben konstant.

Und das ist ausschlaggebend, denn die Menschen dieser Altersgruppen sind die am stärksten gefährdeten. Laut RKI waren 85 Prozent aller Coronatoten älter als 70 Jahre. Wenn in dieser Altersgruppe weniger Menschen schwerst erkranken, wird auch allgemein weniger gestorben.

Dass die Alten offensichtlich nicht mehr ganz so extrem gefährdet sind, erkennt man auch an der Zahl der Impfdurchbrüche. Der Anteil der vollständig Geimpften war seit dem Sommer in allen Alterklassen unter Infizierten, Erkrankten, intensiv Betreuten und Verstorbenen gestiegen. Die Impfeffektivität hatte in all diesen Bereichen kontinuierlich nachgelassen.

Doch bei den über 60-Jährigen hat sich der Trend nun gedreht. Vor zwei Wochen waren laut RKI noch 52,5 Prozent aller über-60-jährigen Coronatoten vollständig geimpft. Nun sind es nur noch 45,6 Prozent.

„Eine Erklärung für diesen Effekt könnte der stetig wachsende Anteil von Personen v.a. in der Altersgruppe ab 60 Jahre sein, der bereits eine Auffrischungsimpfung bekommen und damit einen besseren Impfschutz hat als Personen mit vollständiger Grundimmunisierung, die vor mehreren Monaten erfolgte“, heißt es dazu noch vorsichtig formuliert im jüngsten, am Donnerstagabend veröffentlichten Wochenbericht des RKI.

Christian Karagiannidis, Intensivmediziner und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, wird etwas deutlicher. „Den Booster-Effekt sehen wir bestimmt, der tritt ja mit Variabilität nach 14 Tagen ein“, sagte Karagiannidis der taz. Wenn täglich 800.000 Menschen geboostert werden, dann schlage sich das schon zwei Wochen später in den Sterbezahlen nieder.

Und Boostern hat sich mittlerweile zu einer Massenbewegung gemausert. Laut RKI erhielten am Mittwoch und Donnerstag jeweils rund eine Million Menschen ihre Drittimpfung. Jede noch so große Querdenkerdemo erscheint dagegen allenfalls wie ein Vogelschiss.

Dennoch darf man den Erfolg des Boosterns nicht überbewerten. Denn er besteht bisher nur darin, dass die Zahl der In­ten­siv­pa­ti­en­t:in­nen und Coronatoten unter den Alten nicht weiter steigt. Da die Kliniken aber schon jetzt extrem belastet sind, müssten die Zahlen für einen nachhaltige Erfolg auf allen Ebenen sinken.

Christian Karagiannidis etwa sagt, dass die 7-Tage-Inzidenz auf unter 200 gedrückt werden müsse. Aktuell liegt sie laut RKI trotz fallender Zahlen noch bei 413. Karagiannidis blickt mit Sorgen auf die Omikron-Variante, die sich gerade ausbreitet. Noch ist die Fallzahl in Deutschland sehr gering. Doch bei der „ultraschnellen Verdopplungszeit“ von Omikron sei zu erwarten, dass bald auch die Zahl der Pa­ti­en­t:in­nen in den Kliniken steige. „Wenn es krank macht, kommen sehr schnell viele dazu“, so Karagiannidis. Der kleine Erfolg des Boosterns würde dann also schnell zunichte gemacht.

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