Doku über Bandleben auf der Autobahn: Ein Soziotop namens Tourbus

Bitte im Bus nicht furzen. Der Rockstar Dave Grohl geht in seinem Dokumentarfilm „What Drives Us“ der Frage nach, warum Musiker auf Tour gehen.

Großaufnahme von Dave Grohl mit langen haaren und erhobenem Arm

Dave Grohl, nicht im Bus, sondern auf der Bühne Foto: dpa

Die Doppelbedeutung dieses Filmtitels weist schon darauf hin, dass es um weit mehr geht als um das ach so glamouröse Leben von Rock-’n’-Roll-Stars. „What Drives Us“ hat der US-Musiker Dave Grohl, ehemals Nirvana-Schlagzeuger und heute Gitarrist/Sänger der Foo Fighters, seinen neuen Dokumentarfilm genannt.

„What Drives Us“. Regie: Dave Grohl. USA 2021, 88 Min. Läuft auf Amazon Prime

Vordergründig handelt der zwar vom Touren im Bandbus und von den damit verbundenen, durchaus unterhaltsamen Anekdoten. Mindestens genauso erzählt der Film aber, was all die berühmten Musikerinnen- und Musikerkollegen antreibt, über viele Jahre hinweg Musik zu machen und aufzutreten.

Grohl hat für den Film fast alle befragt, die im US-(Punk-)Rock Rang und Namen haben. Zum einen Mitglieder der Punk- und Hardcorebands, die seit Jahrzehnten Weggefährten sind, unter anderem D. H. Peligro (Dead Kennedys), Ian MacKaye (Minor Threat, Fugazi), Jennifer Finch (L7) und Mike Watt (Minutemen).

Was Touren im Bus bedeutet

Zum anderen steht ihm aber auch die Stadionrock- und Hall-of-Fame-Riege Rede und Antwort – von Ringo Starr über The Edge (U2) und Lars Ulrich (Metallica) bis hin zu Dave Lombardo (Slayer) und Flea (Red Hot Chilli Peppers).

Grohl reflektiert eingangs, was das Touren im Bus ihm selbst bedeutet: „Jede Band, die ich kenne, hat einmal in einem Van angefangen. Du bist die ganze Zeit zusammen, das kann ekelhaft sein, das kann zugleich schön sein. Ich persönlich lebe für die frühen Erfahrungen im Tourbus. Wo anders hätte ich damals sein sollen, wenn nicht in einem Van?“

Man hört seinen Ge­sprächs­part­ne­r:in­nen auch deshalb gerne zu, weil all das – die vielen Stunden auf der Autobahn, der Austausch untereinander und mit Fans, das Feedback des Publikums – ihr Leben bestimmt, einen Teil ihrer Persönlichkeit ausmacht. Der großartige Flea berichtet, wie aus einem kleinen, dünnen, weirden Jungen wie ihm, der Jazz mochte und Angst vor Mädchen hatte, jemand wurde, der seine Bestimmung im Leben gefunden hat.

Der Drang andere Orte zu sehen

Für Jennifer Finch von L7 dagegen ist das Touren mit Abenteuer und Americaness verbunden: „Es geht auch um den Drang, andere Orte zu sehen und etwas zu erleben. Das war immer Teil der amerikanischen Kultur. Das ist uns mitgegeben worden: Du kannst per Anhalter fahren, du kannst mit dem Bus durch das Land fahren und andere Teile Amerikas sehen, die völlig anders sind als das, was du kennst.“

Für Ian MacKaye waren die Konzerte in anderen Regionen eine Möglichkeit, Freunde und Gleichgesinnte zu treffen, zudem schlüsselt er auf, wie Bands wie D.O.A. und Black Flag in der frühen Punk- und Hardcoreszene eine Art Tour-Netzwerk gründeten (im Bild wird das schick mit Graphic-Novel-Elementen illustriert).

Neben den Interviews ist auch viel Live-Material zu sehen, das in Coronazeiten etwas wehmütig macht. Die Coronasituation und das vermehrte Streamen der Konzerte sind gegen Ende auch Thema; vor allem das Interview mit Tony Kanal von No Doubt erinnert einen schmerzlich daran, was da seit mehr als einem Jahr fehlt – er versucht die Energie zu beschreiben, die bei einem Konzert freigesetzt wird.

Eigene Atmosphäre und eigene Regeln

Fast beiläufig gelingt es Grohl, das merkwürdige Soziotop namens Tourbus zu vermessen, in dem eine eigene Atmosphäre herrscht und eigene Regeln gelten. Das schwerste Vergehen: furzen. Von den schlimmsten Erfahrungen diesbezüglich weiß Annie Clark (St. Vincent) zu berichten: „Ich vergesse nie, da war einmal ein Typ in der Band – ich weiß nicht, ob er eine Lebensmittelvergiftung hatte oder was –, aber er hat übelst gefurzt. So, dass du kotzen willst. Aber das ist einfach das Leben auf Tour. Das also, dachte ich, ist meine neue Realität: Ich sitze in einem vollgefurzten Van.“

Kleiner Trost: Selbst die ­Beatles mussten durch diese harte Schule. Zumindest sagt Ringo Starr, bei den Fab Four habe das Gesetz gegolten: „Wenn du einen fahren lässt, dann gib es wenigstens zu!“

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