Diversity im Privatfernsehen: Entscheidend ist die Klasse

Soziale Herkunft von Medienschaffenden spielt in der Branche eine untergeordnete Rolle. Dabei hat sie Einfluss auf die späteren Inhalte

Reinhold (Albrecht Schuch, l) und Francis (Welket Bungue) in einer Szene des Films «Berlin Alexanderplatz

Reinhold (Albrecht Schuch, l) und Francis (Welket Bungue) in „Berlin Alexanderplatz“ Foto: Sommerhaus/eOne/Berlinale/dpa

BERLIN taz | „Deutsches Fernsehen: So vielfältig wie sein Publikum?“ Das wäre der Titel des ersten „Diversity Gipfels“ von RTL, ProSiebenSat.1, UFA, der Film und Medienstiftung NRW sowie weiteren Branchenplayern gewesen. Auch wenn die Veranstaltung wegen der Corona-Pandemie nicht stattfand: Die Frage, wie gesellschaftliche Vielfalt in der Medienbranche und Beiträgen selbst zum Ausdruck kommt, bleibt.

„In vielen Bereichen liegen wir da weit hinten, wenn ich unsere Medienlandschaft mit der unserer Kollegen aus den USA und England vergleiche“, sagt UFA-Chef und Gipfel-Mitveranstalter Nico Hofmann gegenüber der taz. „Dort werden die meisten Bereiche der Diversität sehr viel selbstverständlicher abgebildet.“

Im Journalismus ist Diversity schon lange Thema. Organisationen wie die „Neuen Deutschen Medienmacher*innen“ setzen sich seit Jahren für eine ausgewogene Berichterstattung ein. Mit einem eigenen Mentoringprogramm fördern sie Journalist*innen mit Migrationsgeschichten und unterstützen sie bei ihrem Weg in die Medienhäuser. Ein Aspekt kommt in der deutschen Debatte aber oft zu kurz: die soziale Herkunft.

Verschiedenheit in der Herkunft kann eben auch der Klassenunterschied sein. So formuliert es Makrosoziologie Jürgen Gerhards. „Der aktuelle Diskurs ist eine Verengung der tatsächlichen Merkmale, die für die Ungleichheit einer Gesellschaft besonders relevant sind“, sagt er. Gerhards, Hochschullehrer an der Freien Universität Berlin, fragt sich, ob die Merkmale, die im Vielfaltsdiskurs in den Mittelpunkt gerückt werden, wie etwa Gender oder Diversity, die wirklich diskriminierenden Faktoren sind. „Die Antwort lautet Nein. Ich bin beileibe kein Marxist. Aber die Klassenzugehörigkeit einer Person, ihre Bildung und ihre Verfügung über Einkommen und Vermögen ist weiterhin die entscheidende Ungleichheitsdimension.“

Alle aus ähnlichen Milieus

UFA-Chef Hofmann versucht im Rahmen seiner Professur an der Filmakademie Baden-Württemberg diese Strukturen aufzubrechen: „Mindestens die Hälfte meiner Diplomstudenten haben einen Migrationshintergrund“, sagt er. Beispielhaft verweist er dabei auf Randa Chahoud und Soleen Yusef, die Regie bei der Amazon Prime Serie „Deutschland 89“ führten oder Burhan Qurbani, der bei der Neuverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ für Regie und Drehbuch verantwortlich war.

Dass unter den Hochmotivierten häufig Menschen mit Migrationsbiografien zu finden sind, kann auch Medienwissenschaftler Hans Jürgen Wulff bestätigen. Diversity kann sich aber nicht nur auf die Herkunft beschränken. „Es ist ein dramatisches Problem, dass wir an den Unis einen so geringen Anteil von Studenten haben, die aus Nichtakademikerfamilien stammen“, sagt er.

Im Rahmen einer internen Erhebung hatten Wulff und seine Kollegen an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel festgestellt, dass der entsprechende Anteil sich lediglich auf 4 Prozent belief. Dass Medienschaffende aus ähnlichen Milieus kommen, verstärkt ein System von Ungleichheit: In der eigenen Arbeit werde dann auf das zurückgegriffen, was man sowieso im Kopf hätte, sagt Wulff. Wer aus einem bürgerlichen Milieu kommt, wird beim Drehbuchschreiben vielleicht auch eher auf dieses Milieu zurückgreifen.

Nicht nur Wulff sieht die fiktionale Primetime dominiert von bürgerlichen, „ja geradezu bourgeoisen“ Standardexistenzen. „Es ist wichtig, dass wir nicht nur die Welt der Architekten, Akademiker und Ärzte abbilden, sondern die gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit abbilden, mit allen Ängsten und Herausforderungen der Gegenwart“, formulierte kürzlich WDR-Fernsehfilmchef Alexander Bickel in einer hauseigenen PR-Zeitschrift.

Auch wenn es etwa Daten zur Herkunft von Chefredakteur*innen und Programmdirektor*innen gibt, die belegen, dass sie zu zwei Dritteln aus den oberen 4 Prozent der Bevölkerung kommen – eine aktuelle, repräsentative Studie, ob und wie die soziale Herkunft Medienmacher*innen und Medieninhalte prägen, existiert noch nicht.

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