Diversität im deutschen Literaturbetrieb: Kulturelle Sortiermaschine

Immer wenn die Nominierten für Buchpreise veröffentlicht werden, folgt eine Debatte. Es geht auch darum, wer im Literaturbetrieb sichtbar ist und warum.

3Bücher auf einem Stapel

Wie divers wird die Longlist des Deutschen Buchpreises in diesem Jahr? Foto: Jan Woitas/dpa/picture alliance

Bald wird sich zeigen, was geblieben ist. Das Warten auf die Longlist der nominierten Titel für den Deutschen Buchpreis ist ein Warten auf die Debatte über sie. Erst im Frühjahr sorgte die Nominierungsliste für den Preis der Leipziger Buchmesse für Empörung. Denn die dort vertretenen fünfzehn Au­to­r:in­nen waren alle weiß. Ob dies der Normalfall im Literaturbetrieb bleibt, entscheidet sich am Dienstag.

In der Debatte um den Leipziger Preis ging es längst nicht nur um die Nominierungen, sondern um die weitaus grundsätzlichere Frage, wer im Literaturbetrieb sichtbar ist und warum. Die beiden Fronten, die sich entlang der umstrittenen Vorabentscheidung der Leipziger Literaturjury ausgebildet hatten, kann man rückblickend wie folgt zusammenfassen:

Auf der einen Seite findet sich der Vorwurf der mangelnden Diversität. Die Auswahl der Jury repräsentiere nicht die Pluralität der deutschsprachigen Literatur, sondern lediglich die Dominanz einer weißen Monokultur – an preiswürdigen Au­to­r:in­nen of Color hat es in diesem Frühjahr wahrlich nicht gemangelt: Shida Bazyar, Asal Dardan, Sharon Dodua Otoo, Mithu Sanyal oder Hengameh Yaghoobifarah. Die Liste ließe sich fortsetzen. Ein offener Brief sprach darum nicht von einem ästhetischen Fehlurteil der Jury, sondern von einer „institutionellen Struktur“ des Ausschlusses, die im Literaturbetrieb systematisch Au­to­r:in­nen of Color benachteilige.

Begleitet wurde diese durchaus schwerwiegende Anklage auf der anderen Seite von einem bewährten Rechtfertigungsmuster. Eine Literaturauszeichnung sei zuvorderst ein ästhetisches Urteil, außerliterarische Kriterien könnten, ja dürften hier keine Rolle spielen. Der soziale Sinn eines Literaturpreises sei gerade, die Qualität des Werks ungeachtet der Herkunft der Au­to­r:in zu prämieren. Letztlich sei es der Fokus auf die ästhetische Leistung, nicht auf die Person, der eine gerechte Entscheidung garantiere.

Mehrstufige Ausleseverfahren

Hier prallen egalitäre Positionen auf meritokratische: Wollen wir allen Au­to­r:in­nen ungeachtet der sozialen Voraussetzungen die gleichen Zugangschancen einräumen oder sollen sich Literaturpreise auf ihr Kerngeschäft fokussieren, der Valorisierung von ästhetischen Werken? Es ist keinesfalls Zufall, dass es immer wieder Literaturpreise sind, die zu einer diskursiven Erosion der literaturinteressierten Öffentlichkeit führen. Noch in den vergangenen Jahren wurde etwa beklagt, dass Autorinnen nur marginal auf Nominierungslisten vertreten seien. Die großen Literaturpreise, ob in Leipzig oder in Frankfurt, stehen stellvertretend für die kulturelle Sortiermaschine, die sich Literaturbetrieb nennt.

Literatur erhält hier über mehrstufige Ausleseverfahren ihre Legitimität. Und dies ist eben nicht nur auf Literaturauszeichnungen beschränkt. All die nicht prämierten Bücher konnten immerhin die Schwelle passieren, in einem Verlag publiziert zu werden. Vielleicht hatten sie auch das Glück, von der Literaturkritik wahrgenommen zu werden. Von den übrigen erfahren wir nur wenig. In der wiederkehrenden Diskussion um Literaturpreise geht es also um allgemeinere Legitimationsprobleme, eine potenziell ungerechte Selektion zu rechtfertigen.

Ein Problem ergibt sich aus der klandestinen Urteilsfindung. Die Jury-Arbeit findet bei Literaturpreisen in der Regel im Verborgenen statt. Die Entscheidung für eine Preis­trä­ge­r:in ist zwar rechtfertigungsbedürftig, aber über die langwierigen Prozeduren, einen Kompromiss aus divergierenden Meinungen zu finden, erfahren wir von außen relativ wenig. Zumal das, was verglichen wird, also die Werke, selbst kaum vergleichbar sind. Wie liest man den Lyrikband Friederike Mayröckers neben Mithu Sanyals Roman „Identitti“? Das wir über die Antworten auf diese Frage nur sehr wenig erfahren, bietet Anlass für weitreichende Spekulationen.

Um eine mögliche Kritik vorab auszuräumen, verinnerlichen die Ju­ro­r:in­nen das Betriebsgerede über sie: Bitte nicht nur die großen Publikumsverlage, nicht nur die trendigen Themen, ein zu experimenteller oder zu konventioneller Stil, nicht zu viele Männer, oder eben nur Weiße. In gewisser Weise kann der Leipziger Buchpreis mit seinen drei Preisträgerinnen Iris Hanika, Heike Behrend und Timea Tankó als ein Resultat ausgefochtener Kämpfe um Anerkennung gelesen werden. Rein um ästhetische Maßstäbe ging es wohl noch nie bei Literaturpreisen.

Bloß eine Übereinkunft

Angesichts des unübersichtlichen Geflechts aus externen Erwartungen und subjektiven Verstrickungen, die sich unweigerlich bei der Buchlektüre einstellen, lassen sich die Qualitätsurteile einer Jury also schlicht nicht objektivieren. Kurz: Die literarische Qualität, die in den vergangenen Debatten von professionellen Kri­ti­ke­r:in­nen als zu schützendes Gut hochgehalten wurde, ist kein vorgängiger Maßstab, sondern ein diskursives Produkt aus heterogenen Erfahrungen.

Wie aber kann nun eine Prämierung einen übergreifenden Konsens des Literaturbetriebs zumindest ansatzweise repräsentieren – und nicht nur das singuläre Urteil einiger weniger sein? Obwohl das ausgezeichnete Buch eben genau das sein wird, eine Übereinkunft der Jurymitglieder. Durch eine möglichst heterogene Zusammensetzung der Jury, war in der Kontoverse um die Nominierungsliste in Leipzig immer wieder zu hören. Tatsächlich, eine plurale Entscheidungsfindung beruht auf der Diversität ihrer Diskutant:innen. Die Frage allerdings, wer wiederum die Jury festlegt, spare ich an dieser Stelle aus.

Indes, dass die Nominierung durch einen großen, medial präsenten Literaturpreis strukturell die diskursive Aufmerksamkeit verengt, ist dadurch noch nicht gelöst. Ist erst einmal eine Nominierungsliste oder, wie bei dem kommenden Deutschen Buchpreis, die Long- und dann die Shortlist veröffentlicht, wird in den Feuilletons und sozialen Netzwerken vor allem über die Auswahl dieser Liste gesprochen. Oft wird an ihr rumgemäkelt, nur selten stößt sie auf Wohlwollen.

Obwohl die Kritik mit inklusiven Absichten formuliert wird, bewegt auch sie sich oft im medialen Tunnel der Aufmerksamkeitsökonomie, die Bücher ausschließt, die nicht in den Diskurs um die Nominierungslisten passen. Unsere Aufmerksamkeit wird durch den Preis strukturiert. Das Legitimationsdefizit von Literaturpreisen hat also nicht nur damit zu tun, wer prämiert wird, sondern ebenso sehr, wie wir darüber sprechen.

Wie es besser ginge

Wie können Literaturpreise also überhaupt die Pluralität des Literaturbetriebs abbilden, wenn sie gleichzeitig unsere Aufmerksamkeit verengen? Entweder, indem Institutionen sich diversifizieren. Dies kann neben der Jury auch die Preislandschaft selbst betreffen, etwa durch Förderprogramme für marginalisierte Menschen. Oder aber, indem wir über das Prämierungssystem streiten, wie im Frühjahr. Hier ging es um die institutionelle Macht, die von Literaturpreisen ausgeht und die meist unausgesprochen Au­to­r:in­nen in eine ungerechte Verteilungshierarchie sortiert. Dass dies die Realität des Literaturbetriebs ist, muss erst einmal anerkannt werden.

Da der ästhetische Wert nicht objektiv ist, entscheidet oft der bisherige Erfolg einer Au­to­r:in über die vermeintliche Qualität eines Buchs. Eine ausgezeichnete Au­to­r:in zeigt, dass sie einer Auszeichnung würdig ist – und erhält weitere Prämierungen. Literaturpreise sind insofern kulturelle Wertschöpfungsmaschinen: Sie akkumulieren Anerkennung. Mit dem sozialen Nebeneffekt, dass die einen begünstigt und die anderen benachteiligt werden. Vielfalt geht anders.

Ein Vorschlag, der in der Debatte um den Leipziger Preis zu hören war, ist den freien Markt um die kulturelle Anerkennung zu regulieren, indem Au­to­r:in­nen of Color eine gezielte Förderung erhalten. Ähnliche Versuche gab es durchaus, wenn man sich an den Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert Bosch Stiftung erinnert. Bis 2017 zeichnete er Au­to­r:in­nen aus, deren Werke von einem „Kulturwechsel“ geprägt sind.

Qualität oder Quote?

Gerade bei migrantischen Au­to­r:in­nen stieß diese Sonderbehandlung nicht nur auf Begeisterung. Imran Aya­ta sprach vor mehr als zehn Jahren von einem „Kanakenbonus“. Denn hier ging es weniger um Anerkennung auf Augenhöhe, sondern um das Begehren einer dominanten Mehrheit nach einer minoritären Fremdheit, das migrantische Au­to­r:in­nen in ein exotisches Reservat abschiebt. Migrantische Au­to­r:in­nen schreiben migrantische Literatur. Die Antwort kann nicht Segregation sein, sondern nur Inklusion.

Was nun also, Qualität oder Quote? Eine Frage, die sich in einem gesellschaftlichen Bereich, in dem sich soziale Unterschiede vor allem über ästhetische Differenzen legitimieren, gestellt werden muss. Die Quote kann ein Mittel von vielen sein, um der ästhetischen Seinsvergessenheit der selektierenden Institutionen entgegenzuwirken. Sie wäre zumindest nicht nur ein Signal für die Chancengleichheit benachteiligter Autor:innen, sondern auch ein ästhetischer Mehrwert für die Literatur. Am Ende ist es also gerade der Blick auf außerliterarische Faktoren, der ästhetische Diversität vorantreiben kann.

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ist wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Basel. Ihr Buch „Schreiben. Eine Soziologie literarischer Arbeit“ erscheint im Oktober bei Suhrkamp.

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