Dietmar Daths „Pulsarnacht“

Der Computer im Kopf

Am Ende auch nur Politik: In Dietmar Daths „Pulsarnacht“ entpuppt sich der kosmische Untergang der Welt als Revolution.

Durch die Dath'sche „Athotür“ kommt man meilenweit. Das hier ist allerdings nur ein „Schwarzes Loch“. Bild: dpa

In Zukunft muss keiner mehr sterben. Wie lange gelebt werden darf, ist Sache der Privilegien. Körper und Geist stellen kein Hindernis mehr dar auf dem Weg zur Überwindung der Vergänglichkeit. Geld ist sowieso abgeschafft. Die Menschen haben es gut in der Zukunft.

Alle Menschen? In Dietmar Daths in jahrtausendeferner Zukunft spielendem Weltraumdiskurspanorama „Pulsarnacht“ wird die Frage danach, was Menschen eigentlich sind, irgendwann unklar.

Als Menschen betrachten sich jedenfalls Wesen, die nach Lust und Laune ihr Geschlecht wechseln, dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt die rasche Heilung sämtlicher Körperteile verdanken und die selbst nach einem gewaltsamen Tod geklont werden können – die Erinnerungen und anscheinend auch alle weiteren Angelegenheiten des Ich-Bewusstseins sind auf fest im Hinterkopf installierten Computern, Tlaloks, festgehalten.

Dietmar Dath: „Pulsarnacht“. Heyne Verlag, München 2012, 432 Seiten, 13,99 Euro.

Wären da nicht diese als primitive Züchtung verachteten Wesen, die Dims – nach dem englischen Wort für „unterbelichtet“ –, die sich als die ursprünglichen Menschen betrachten, statt eingebauten Rechnern aber bloß Tätowierungen auf dem Körper haben.

Die Präsidentin der Menschheit, Shavali Castanon, herrscht über ein interstellares Reich, in dem ihre Spezies gemeinsam mit riesigen Echsen, den Custai, hundeähnlichen Binturen oder qualligen Skyphen Handel und Politik treibt und man weitgehend miteinander zurechtkommt.

Castanon hat vor langer Zeit einen Gegenspieler gemeinsam mit zwei weiteren Oppositionellen auf ein planetengroßes Lebewesen, eine „Medea“, verbannt. Jetzt sollen die Abtrünnigen begnadigt werden, eine Gesandte der Präsidentin wird geschickt, um sie heimzuholen.

Politik, Intrige und enttäuschte Liebe greifen untrennbar ineinander in dieser Erzählung, die sich mehr als einmal in ihren Abschweifungen zu Grundfragen der Physik und Kosmologie zu verlieren droht. Denn eigentlich steht eine kosmische Katastrophe, ein Weltuntergang bzw. das Ende der bekannten Welt bevor – und tritt irgendwann ein.

Die Schäden sind vor allem politisch-wirtschaftlicher Natur, selbst wenn zahlreiche Opfer zu beklagen sein werden. Am Ende muss die Präsidentin nach dem Eintreffen des Ereignisses – einer Art kosmische Revolution – abdanken. Bevor es so weit kommt, werden kurz die Aporien des Urknalls erörtert oder topologische Topoi wie die Klein’sche Flasche – ein dem Möbiusband verwandtes Gebilde, bei dem Innen und Außen dasselbe sind – gestreift.

Überhaupt die Terminologie: In den ersten Kapiteln könnte man meinen, Dath wolle alle Leser gewaltsam fernhalten, die sich auf neue Welten nicht voll und ganz einlassen mögen, und bombardiert sie mit dem technischen Vokabular seines Zukunftskosmos, in dem man weite Distanzen bequem durch „Ahtotüren“ zurücklegen kann, sich per EPR-Kommunikation verständigt und Gerätschaften aus Marcha bedient.

Gemäß dem Ansatz: Ein Universum, das nach anderen Gesetzen funktioniert als den uns bekannten, braucht auch eine Sprache, die sich von der unsrigen klar unterscheidet.

Wohin das alles führt, bleibt offen – dazu fehlen eben noch die Begriffe. Als Utopie ist „Pulsarnacht“ daher letztlich zu diffus, es geht zwar ums Prinzipielle, aber doch nur unter anderem. Man fühlt sich eher in einem Steinbruch der angedachten Ideen, aus dem man sich bedienen darf.

Wer will, kann die Geschichte sogar vor dem Hintergrund des Prism-Skandals lesen: Die nach dem Aztekengott Tlaloc benannten Computer im Kopf der Menschen machen die eigenen Gedanken nicht nur für den Zugriff anderer durchlässig, manche Programme und Viren können ihre Nutzer sogar physisch zur Strecke bringen, im dümmsten Fall endgültig. So viel Kontrolle über den Einzelnen hat nicht mal die NSA.

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