Die wahren Lügen der Kunst: „Frauen sind Täter und Opfer“

Die Albertina in Wien widmet Xenia Hausner die große Retrospektive „True Lies“. Ein Gespräch mit der Künstlerin in ihrem Wiener Atelier.

Foto von zwei jungen frauen übermalt mit aufgeklebtem Maßstab

Aussschnitt aus Xenia Hausners „Das weibliche Maß“ (2021) Foto: Albertina Wien

Xenia Hausners Bildfindungen entlarven gesellschaftliche Lügen. In ihren großformatigen Gemälden deckt die Künstlerin Widersprüche auf und liefert einen malerischen Gegenentwurf zu einer von Männern dominierten Bildsprache gleich mit. Denn ihr Werk der vergangenen 30 Jahre, siedelt in einer weiblichen Welt.

Worum geht es Ihnen in Ihrer derzeitigen Retrospektive in der Wiener Albertina? Sie haben gezielt Arbeiten ausgewählt.

Wir konnten international nicht alle Arbeiten aus zum Teil Privatsammlungen für die Ausstellung erhalten, aber es sind dennoch genügend Bilder aus den verschiedenen Werkabschnitten zu sehen. Es war mir in meiner Arbeit immer ein Anliegen, den weiblichen Kosmos darzustellen. Denn Frauen sind Täter und Opfer und alles!

Meine Figuren schauen ja relativ stark und direkt aus den Bildern. Sie sind selbstbestimmte und relativ aufmüpfige Gestalten, die da in den Bildern agieren. Und sie sind keine Opfer. Das ist das Statement und zugleich mein Aufruf – die Wehrhaftigkeit! Ich freue mich auch, dass die Ausstellung noch auf Reisen gehen soll, denn meine Arbeit ist ja auch Zeugnis von einem selbstbestimmten Leben.

ist eine der wichtigsten zeitgenössischen österreichischen Malerinnen. Die 1951 in Wien geborene Künstlerin, Tochter des Malers Rudolf Hausner und der Filmregisseurin Jessica Hausner, studierte zunächst Bühnenbild in Wien und London und arbeitete dann auch als Bühnenausstatterin für Theater, Oper und Film. Ihre farbstarke Malerei basiert auf aufwendigen fotografischen und filmischen Vorarbeiten sowie räumlichen Settings.

Wie gehen Sie da vor?

Ich baue Settings, sozusagen primitive funktionelle Provisorien, und mache darin Fotos, in denen ich mich einem vage vorhandenen Thema annähere, eigentlich wie in einem Probenraum. Es gibt ja Regisseure wie (Robert) Wilson, der hat ja jeden Finger vorgemacht, wie er gehalten werden soll im Licht. Und es gibt andere wie (Peter) Zadek, die sitzen wie das Orakel von Delphi im Zuschauerraum und schauen, was passiert. Ich liege wahrscheinlich dazwischen. Sozusagen die Regisseurin meiner eigenen Bildthemen.

Das Frauenthema auch in Ihren Bildthemen ist Ihnen von jeher wichtig gewesen. Gibt es biografische Gründe dafür? Welche?

Einer kann sein, dass mir meine Mutter so ohnmächtig meinem Vater gegenüber vorgekommen ist. Ich wollte nie so abhängig sein. Es ist ja so – auf der Akademie sind so viele Mädchen wie Burschen, so viel Frauen wie Männer, manchmal sogar mehr Frauen. Aber im Beruf haben sich nur ganz wenige durchgesetzt. Durch diesen Druck der Doppelbelastung, dem meistens nur Bildungsbürger oder wohlhabendere Frauen standhalten, wird das Klischee immer noch eingelöst – Frauen zu Haus und die Männer machen Karriere.

Ich hab als junge Frau auch alle diese Klischees erlebt. Vom im Theater noch auf den Hintern klopfen und der Frage, wird sie das als Frau technisch können, all diese langweiligen Vorurteile. Ich habe mich damals komischerweise nie als Opfer gefühlt, ich habe das weggeputzt, irgendwie immer gedacht, Volltrottel, und bin weiter! (lacht)

„True Lies“ läuft noch bis zum 8. August, Albertina, Wien, Katalog 34,90 Euro

Was sagen Sie zu Feminismus in der Malerei und im Markt?

Es gab schon sehr ärgerliche Momente, in denen ich verstanden habe, dass ein stereotypes Vorurteil die Männer absolut begünstigt. Dass das Pendel jetzt in die andere Richtung schwingt, ist nur recht und billig. Ich male seit Jahrzehnten hauptsächlich Frauen, bei mir spielen sie alle Rollen und stehen für alle Genderzugehörigkeiten, auch für die Männer.

Mein Kosmos ist eben weiblich! Aber die Sammler sind total unterschiedlich, jedenfalls keine ausgesprochenen FeministInnen. Aber was ist eine Feministin? Die Frage klingt schon so überholt und nach 60er Jahre. Jede Frau hat heute den Anspruch auf ein selbstbestimmtes Leben.

Vor der Malerei haben Sie Bühnenbild gemacht, zuletzt waren Sie in Berlin im „Rosenkavalier“ damit zu sehen. Was kann die Malerei, was das Bühnenbild nicht im Stande ist zu leisten und umgekehrt?

Die Malerei bleibt – das Bühnenbild ist schnelllebig und Moden unterworfen. Das Bühnenbild emotionalisiert im Augenblick vielleicht direkter, aber die Malerei arbeitet nachhaltiger im Gemüt weiter.

Die Malerei hatte seit der Zeit nach dem Krieg gegenüber Konzeptkunst und Minimalismus oft das Nachsehen und stand nicht derart im Blickpunkt. Haben Sie eine Erklärung dafür, warum diese gerade durch die Pandemie wieder ihr Revival erlebt?

Die Stille in der Pandemie war doch einfach großartig! Ich habe es fantastisch gefunden und es war eine ganz neue Erfahrung. Ich glaube, gerade die Maler oder auch Schriftsteller haben sicher ein super Jahr gehabt, zumindest was ihre Produktivität betrifft. Es war einfach begünstigend und auch befreiend! Ich hoffe, wir behalten uns ein Stück davon.

Das ist ja jetzt die allgemeine Hoffnung. Die Lesbarkeit von Malerei ist abhängig von Entschleunigung. Gegenüber Minimalismus emotionalisiert sie stärker und ist somit dichter am Menschen dran. Meine Überzeugung ist, dass für das Vertiefen in Malerei auch seitens des Betrachters Ruhe erforderlich ist. Und davon hatten wir zuletzt ja alle genug.

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