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Die Zukunft hat schon begonnenC-h-a-t-G-P-T zum Mitschreiben

Die Welle der Digitalisierung schwappt an der älteren Generationen vorbei. Ein KI-Workshop für Interessierte über 60 in Hamburg will das ändern.

Se­nio­r*in­nen und KI, das ist nicht immer Liebe auf den ersten Blick Foto: imago

Aus Hamburg

Linn Bertelsmeier

Mit kurzen Schritten irrt eine Dame durch den Eingangsbereich der Zentralbibliothek und wirft einen Blick durch die Glastür in den Vortragsraum. Sie trägt eine blaue Übergangsjacke, Sneaker und ihre grauen Haare als Bob. Behutsam drückt sie die Tür auf. Ja, hier ist sie richtig.

Die Sonne scheint durch die großen Fenster, auf dem Parkett bilden hellblaue Stühle einen Halbkreis. Davor steht ein Tisch, auf dem eine VR-Brille, die Sprachassistentin „Alexa“ und smarte Glühbirnen liegen. Dahinter flackert auf dem Whiteboard die erste Folie des Vortrags: „Künstliche Intelligenz – Kennenlernen und Ausprobieren“. Nacheinander trudeln dreizehn Interessierte für den KI-Workshop „ab 60 Jahre“ ein.

Drei So­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen leiten das KI-Kennenlernen. Sie sind deutlich jünger als das Publikum. Während sie ihre (mithilfe von Chat GPT erstellte) Präsentation sortieren, verweisen sie auf die Fensterbank, wo sich eine Auswahl an bunten Broschüren und Flyern zum Thema stapelt. Da könne man sich gern bedienen, die beste Broschüre über die Technologie der Zukunft sei die ganz links.

Schnell eilt die Ü60-Truppe zur Auslage. „Hallo? Sie haben zwei Broschüren, ich keine. Was soll das?“, stänkert eine Teilnehmerin. Ihr Blick attackiert den Herrn in Weste neben ihr, er hält zwei Hefte im Arm. „Das sind zwei verschiedene“, wehrt er ab und zeigt die Cover vor.

Smartes Home

Nach einer grundlegenden Einführung (KI = ein Computersystem, das lernen kann) eine Frage ans Publikum: „Wer hat denn ein smartes Gerät zu Hause? Einen smarten Staubsauger vielleicht?“ In der vorderen Sitzreihe klopft eine Frau mit geblümter Trainingsjacke ihrem Sitznachbarn auf die Schulter. Es ist der Westen-Mann. „Und, wie ist der? Zuverlässig?“, fragt die Referentin. „Dienst nach Aufforderung“, antwortet der Mann. Die Referentin hakt noch mal nach: „Aber ist der gut? Oder bleibt der manchmal hängen?“ „Manchmal“, gluckst die Dame, „ich meine meinen Mann hier!“

Die Grundstimmung ist heiter. Zwischendurch machen die Referierenden einen Reality Check: „Wer benutzt alles Google?“ Acht Hände gehen hoch. Die Referierenden nicken. Googlen, das sei sowieso das Internet von gestern. ChatGPT ist der neue Scheiß und dafür sind ja auch alle hier. In der hinteren Reihe zückt eine Teilnehmerin ihren Notizblock und schreibt mit: „www.ChatGPT.de“.

Die Anwendungsbeispiele schwanken zwischen Alltagshilfe und Albtraum. Die Sprachassistentin Alexa von Amazon kann morgens nicht nur das Wetter ansagen, sondern auch an das Einnehmen von Medikamenten erinnern („Praktisch!“). Die Überwachungssoftware Palantir des trumpnahen Techmilliardärs Peter Thiel wird auch in Deutschland bereits genutzt („Au weia!“). Bei Trauerfällen gibt es virtuelle Trauer-Assistenzen, die mit Hilfe von personalisierten Chatbots Angehörigen den Abschied erleichtern sollen („Och nee!“).

Weiß ich jetzt nicht, ob Teilhabe da das richtige Wort ist

Kritische Teilnehmerin beim KI-Workshop

Die Dame mit dem Notizblock meldet sich. „Habe ich das richtig verstanden: KI ist das große Ganze und dann gibt es verschiedene Anwendungen?“ Die Referierenden nicken. Ja, da gebe es verschiedene Sachen. Die Dame hakt noch mal nach: „Und im besten oder schlechtesten Fall verknüpfen sie sich irgendwann alle?“ Kurzes Raunen unter den Teilnehmenden.

„Jep, das wissen wir nicht“, entgegnet die Referierende. Aber das sei eine andere Diskussion, heute gehe um digitale Teilhabe. Künstliche Intelligenz sei schließlich überall, ob man nun wolle oder nicht.

Kritik von hinten

Aus der hinteren Reihe kommt Widerspruch: „Weiß ich jetzt nicht, ob Teilhabe da das richtige Wort ist.“ Die Kritik kommt von zwei Seniorinnen, sie melden sich immer wieder mit einem Schnauben, wenn ihnen der Vortrag zu euphorisch wird. Als die Diskussion über Risiken beginnt, stehen sie auf und gehen.

„Wir wollen Sie nicht überzeugen, sondern nur zeigen, was es so gibt“, erklären die Referierenden. Die Dagebliebenen nicken. Gegenüber der taz möchte kei­ne:r von ihnen den eigenen Namen nennen. Wer weiß, wo der landet, wenn er einmal im Netz ist. Und das stimmt ja auch.

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