Die Zeit in Zeiten von Corona: Vollbremsung mit Muße

Corona entschleunigt. Auf einmal wäre Zeit für so vieles, die Ukulele zum Beispiel. Doch irgend etwas stimmt nicht. Hat die Autorin die Muße verlernt?

Viele Ukulelen bei einem Pressevent zum ersten Ukulele-Festival in Berlin im Jahr 2012

So, jetzt müsste man sich nur noch eine Ukulele aussuchen und üben, üben, üben … Foto: dpa

Zu meiner Kindheit gehörte die Langeweile. Sie war verlässlich, kam oft im Matheunterricht, manchmal an Sonntagnachmittagen oder auch Feiertagen, eben dann, wenn nichts los war auf dem Hof unseres Mehrfamilienhauses, alle Nachbarskinder verreist, die Familie beschäftigt, die Uhr ohne Zeit.

Spätestens im Arbeitsalltag war sie allerdings verschwunden und stattdessen begann die Raserei: tagsüber durch Projekte und Themenrunden, Konzepte, E-Mails und Texte. Und nach Feierabend munter weiter auf ein Getränk mit KollegInnen und Freunden, vielleicht eine Vernissage oder Lesung, Joggen im Park, Netflix, das ungelesene Buch auf dem Nachttisch oder doch gleich ins Bett, weil viel zu müde für all dies. Zu tun gab es immer reichlich – bis es zur Vollbremsung kam.

Gerade mal fünf Wochen sind vergangen, seitdem ich meine letzte Kolumne geschrieben habe. Nur 30 Tage, in denen die Zeit gehörig aus den Fugen geraten zu sein scheint und viele von einer Zeitenwende sprechen, nun, da wir realisieren, dass das Coronavirus wohl auch unsere Sommer- und Herbstpläne kassieren wird.

PolitikerInnen haben inzwischen die „neue Normalität“ ausgerufen, derweil SoziologInnen und ZeitforscherInnen von „Entschleunigung“ oder von der „Entstrukturierung“ der Zeit sprechen. Gemeint ist unser aller Alltag mit Mindestabständen, Kontaktverboten, Homeoffice und einer Zeitrechnung, in der die Tage ohne die gewohnten Termine, Verabredungen, Wege und Routinen zerfließen wie Schokoladeneis in der Sonne.

Historisches Zeitgeschenk

Die neue Zeit ist ungleich verteilt. Während die einen bis zur Erschöpfung Supermarkt­regale einräumen, kranke und alte Menschen pflegen, Videomeetings absolvieren und nebenbei die Kinder beschulen, freuen sich andere über das historische Zeitgeschenk.

So wie ich. Dank eines Arbeitsvertrags, einer Mietwohnung mit Mann, Dachterrasse und Klopapier sowie gesunden Freunden und Eltern komme ich gerade gut durch die Zeit. Das heißt: Ich bin zum Glück weder einsam, hege keine existenziellen Sorgen und habe auch keine Angst vor einer Ansteckung mit Covid-19.

Warum also nicht die Krise nutzen und aus der Not eine Tugend machen? Endlich mal richtig Zeit zum Kochen, Sport treiben, Ukulele üben. War jetzt nicht die Gelegenheit, eine neue Sprache zu erlernen? In die Tat umgesetzt habe ich bisher allerdings wenig von alldem. Nicht dass ich mich auf der Suche nach der sinnvollsten aller Beschäftigungen ständig für Zerstreuung entscheiden würde. Es ist vielmehr so, dass mich die ungeahnten Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung fordern oder überfordern. Habe ich die Muße verlernt?

Wahrscheinlich scheitere ich an meinen „Resonanzerwartungen“, lese ich in einem Interview mit dem Soziologen und Zeitforscher Hartmut Rosa. Denn viele von uns urbanen Kreativ-, Lohn- und DigitalarbeiterInnen im spätmodernem Hamsterrad des Kapitalismus hätten es schlicht verlernt, sich auf eine Sache einzulassen, die innerlich berührt und bewegt, ohne dabei To-do-Listen abzuarbeiten oder Dinge zu organisieren.

Intensität des Augenblicks

Vielmehr erfahren wir in diesen Tagen, dass, während wir davon träumten, endlich mal wieder ein Bild zu malen, wir uns eben nicht einfach so vor die Staffelei im Arbeitszimmer stellen und von Glück berauscht loslegen. Möglicherweise haben wir nicht mal mehr Lust dazu. SoziologInnen sprechen dann von einer „Neujustierung der Resonanzsachen“, das heißt, wir müssen unser Leben mit neuen Dingen füllen.

Ob uns dies gelingen wird, werden wohl die nächsten Wochen zeigen. Was uns das Leben mit der Pandemie aber schon jetzt offenbart, ist der Blick hinter die eigenen Kulissen. Vielleicht realisieren wir nun, da wir richtig Leerlauf haben, wie stark unsere innere Uhr und unsere Beziehung zur Außenwelt einer auf Wachstum ausgerichteten Wirtschaftslogik folgt, nach der wir das Leben eher abarbeiten, anstatt es zu spüren und uns auf die Intensität des Augenblicks einzulassen.

Doch vielleicht verhält es sich mit der neuen Zeit durch Corona auch so wie bei unserer ersten Vollbremsung, damals als wir Fahrradfahren lernten: Wir fallen um, richten uns wieder auf und fahren langsamer weiter.

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leitet zusammen mit Klaus Hillenbrand das Ressort taz.eins, das die ersten fünf Seiten der Tageszeitung verantwortet. War vorher als Autorin für verschiedene Tageszeitungen und Magazine tätig und Chefredakteurin des unabhängigen Magazins für Alltagskultur "Der Wedding". Schreibt über Ostdeutschland, Postkolonialismus und Alltagskultur sowie eine taz-Kolumne über das Berliner Großstadtleben.

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