piwik no script img

Die Wandmalerin

Hana Khalaf streicht Schulgebäude an und dekoriert Kindergärten

Mona Abdel

Mona Abdel aus der südirakischen Stadt Dhi Qar arbeitet als Rundfunkjournalistin.

Schon als Kind konnte Hana Khalaf gut malen und zeichnen. Nunmehr als Erwachsene ist es zu ihrem Beruf geworden. Morgens zieht die 30-jährige Frau ihren weißen Kittel an, stellt Farben, Pinsel und Farbrolle zusammen und steigt auf die Eisenleiter. Mal arbeitet sie in einer Schule, mal in einem Kindergarten. Hana streicht die Klassenzimmer rot, türkis oder hellblau und zeichnet das Alphabet auf die Wände.

Als Malerin zu arbeiten hat vor Hana noch keine Frau in Nassirija gewagt. Denn hier im Südirak sind die Rechte der Frauen infolge herrschender Stammesgebräuche und Traditionen stark eingeschränkt: Frauen dürfen fast nichts allein entscheiden. Und sie dürfen auch keine sogenannten Männerberufe ausüben. „Ich werde oft schief angesehen“, sagt Hana, „manche in der Familie, auch Freunde und Nachbarn, akzeptieren meinen Beruf nicht. Es sei eine Schande, wenn Frauen als Maler arbeiten, kritisieren sie.“

Wenigstens ihr Ehemann lässt sie gewähren. Weil das Geld für die Familie mit drei Kindern irgendwann nicht mehr reichte, begann Hana zu arbeiten. Mit der Zeit gewann sie das Vertrauen einiger Schul- und Kindergartenleiter, die sie dann beauftragten. In öffentlichen Schulen zeichnet sie die bei Kindern beliebten Zeichentrickfiguren auf die Wände. Manchmal entwirft sie auch ein Farbkonzept für die gesamte Schule. „Da stehe ich sogar im Wettbewerb mit Innenarchitekten“, sagt Hana stolz. Ihre Tätigkeit ist auch mit Belastungen verbunden. Baumaterialien und Farben greifen ihre Haut an, auch wenn sie sich zu schützen versucht und abends kräftig Hände und Gesicht cremt und pudert. Und wenn sie fertig ist, ist die Hausarbeit dran. Putzen, kochen, nach den Kindern sehen.

Hanas Einkommen reicht trotz aller Anstrengungen nicht, um ein gutes Leben zu führen. Die Lebenshaltungskosten im Irak sind zu hoch und steigen zudem ständig. Dennoch gibt Hana nicht auf. Im Gegenteil: An Feiertagen und Wochenenden gibt sie zu Hause sogar Kurse für Frauen in Gestaltung, Zeichnen und Malen. Dabei ermutigt sie die Teilnehmerinnen: „Es liegt nur an euch, was ihr könnt. Denkt nicht drüber nach, ob es eine Arbeit für einen Mann oder eine Frau ist. Jeder Mensch, unabhängig vom Geschlecht, muss sich bemühen, seine Ambitionen zu erfüllen und in seinem Wunschberuf zu arbeiten“, sagt Hana.

So gesehen stehen ihre Bilder und fröhlichen Farben auch symbolisch für eine offenere Zukunft der Frauen und Mädchen im Irak, die noch immer unter dunkelsten Traditionen und Gebräuchen leiden.

50.000 Menschen beteiligen sich bei taz zahl ich – weil unabhängiger, kritischer Journalismus in diesen Zeiten gebraucht wird. Weil es die taz braucht. Dafür möchten wir uns herzlich bedanken! Ihre Solidarität sorgt dafür, dass taz.de für alle frei zugänglich bleibt. Denn wir verstehen Journalismus nicht nur als Ware, sondern als öffentliches Gut. Zahlen muss niemand, aber guter Journalismus hat seinen Preis. Und immer mehr Leser*innen machen mit und entscheiden sich für eine freiwillige Unterstützung der taz! Dieser Schub trägt uns gemeinsam in die Zukunft. Denn wir suchen wir auch weiterhin Ihre Unterstützung. Setzen auch Sie jetzt ein Zeichen für kritischen Journalismus und unterstützen Sie die taz – schon ab 5 Euro. Jetzt unterstützen