Die Wahrheit: Die weißen Tauben sind müde
Wie viel Frieden ist möglich im urbanen Raum? Erhellendes aus schwierigen Zeiten.
Als ich mit dem Fahrrad näher komme, fällt sie mir gleich auf: Am Straßenrand, nur Zentimeter vom vorbeirauschenden Verkehr getrennt, sitzt eine schlanke weiße Taube. Im Vergleich zu ihren verwahrlosten Verwandten, den fetten und stummelfüßigen Stadttauben mit echter Street Cred, wirkt sie völlig deplatziert. Mit dem Konzept Straßenverkehr und dessen Gefahren weiß sie sichtlich nichts anzufangen. In der Umgebung wirkt sie wie ein Alien.
Als eine neugierige Stadttaube in ihrer Nähe landet, um herauszufinden, warum die fremde Tante mit einem derart empfindlichen Outfit in dem ganzen Dreck rumlatscht, schreckt unser Schneeweißchen zurück. Hat dieser plumpe Stinkevogel sie doch glatt berührt. Igitt. Sie schüttelt ihre blütenweißen Federn. Ogottogott, Sepsis, Syphilis, Vogelgrippe. Bei diesen Strolchen hier weiß man doch nie.
Sie ist das Klischeebild einer Friedenstaube. Das könnte man fast als Symbol unserer Zeit sehen: ungeschützte, todgeweihte Friedenstauben, hilflos und verloren. Bei dem Anblick dürfte den orthodoxen Friedensfreunden das Herz aufgehen, denn genau so stellen sie sich die nahe Zukunft der ukrainischen Bevölkerung vor.
Resttaube einer Hochzeit
Doch wahrscheinlicher ist, dass der Vogel auf der Straße keine Friedens-, sondern eine Hochzeitstaube ist oder besser war, denn die Party ist vorbei. Irgendein Paar verliebter Turteltäubchen hatte die geile Idee, am Vormittag bei seinem Auszug aus dem Standesamt in einem grünen Randbezirk der Stadt weiße Tauben in den Himmel steigen zu lassen.
„Hör mal, Schatzi, im Netz wird so ein Schwarm schon ab zweihundert Euro angeboten. Und guck mal, reine Ziervögel sind viel günstiger als Brieftauben, die hinterher in ihren Schlag zurückfinden. Aber auch Romantik soll ja noch erschwinglich sein, und immerhin ist das ja unsere Hochzeit und nicht die von den Tauben. Die Gäste müssen schließlich auch allein nach Hause finden. Hihi.“
Ja, hihi. Jetzt ist der Abend gekommen, mit Kälte und Dunkelheit, mitten in der Stadt. Die weißen Tauben sind müde, sie stehen schon lange im Verkehr. Denn solchen Haus- oder Pfauentauben wurde der Orientierungssinn komplett abgezüchtet. Meint es das Schicksal gnädig mit ihnen, wartet auf sie ein schnelles Ende durch Habicht, Marder oder Audi. Wenn nicht, ein langsames durch Verhungern, Verdursten oder Erfrieren.
Denn wie man sich hier was zu essen beschafft oder wo man nachts geschützt unterkommt, das wissen nur unsere gerissenen Vagabunden von der Stadttaubenfront. Sie sind mit allen Wassern gewaschen. Von den kühnsten zwitschert man sich hinter vorgehaltenem Flügel zu, sie hätten mit bloßem Schnabel einen Menschen getötet. Friedenstauben sind für die nur Opfer. Wie alte Pfälzer Touristen nachts am Kotti. Die Kontaktaufnahme hat die eine vorher nur vorgetäuscht, um der Hochzeitstaube das Portemonnaie zu klauen, mit der letzten Kohle, Rückfahrkarte und der Heimatadresse des Züchters darin.
Unsere weiße Taube ist hingegen völlig arglos. Sonst würde sie hier keine Ratten ansprechen. Aber sie kennt ja nur die Liebe, den Frieden und den Verschlag, in dem der Billiganbieter für Hochzeitsevents sie herangezüchtet hat. Dort hat sie sich nur von Ölzweigen und Weihwasser ernährt. Und während die bösen Buben in ihren schmutziggrauen Kitteln einfach überall hinscheißen, sucht die weiße Taube mit immer verkniffenerem Schnäbelchen verzweifelt nach einem diskreten und hygienisch einwandfreien Vogelklo. Denn wer möchte schon sein blendend weißes Federkleid besudeln?
Mit dem man hier im rauen Taubenalltag nicht das Geringste anfangen kann. Man wird eher zur weithin leuchtenden Zielscheibe von Greifvögeln, Räubern und Trickbetrügern. Ah, denkt sich die Hochzeitstaube, ein Glück, da hinten schnürt ein Fuchs zwischen den geparkten Autos. Der sieht ganz pfiffig aus. Den könnte ich ja mal nach dem Weg fragen, ich bin doch völlig orientierungslos.
Richtung Taubenstraße
„Hallo, hallo“, ruft sie. „Entschuldigung, Frau Fuchs, wo, bitte, geht es hier zur Taubenstraße?“ Vielleicht kennt sie sich ja dort dann endlich wieder aus? Oder es gibt sogar ein Konsulat für Ihresgleichen. Der Fuchs öffnet den Mund. Vermutlich, um zu sprechen.
In einem Zeichentrickfilm für die Kleinen käme jetzt im allerletzten Moment eine reichlich hemdsflügelige Stadttaube zu Hilfe, mit einer markanten Narbe über der Schnabelwurzel, die von einem Messerkampf mit einer Katze herrührt, ungehobelt, aber ehrlich und in ihrem Innersten gut. Tauben-Joe, der Oberbrudi des Viertels, würde die weiße Taube retten und zu ihrem gemeinsamen Schlafplatz bringen unter dem Gerümpel auf dem verwaisten Balkon einer schon vor Monaten verstorbenen Mieterin.
Dort leben sie dann, die Lady und der Tramp. Sie bringt ihm Tischsitten, gesunde Ernährung und Taubenschach bei, er ihr Karate, Taschendiebstahl und wie man auf der Straße überlebt. Alles könnte so schön sein. Doch leider ist die Wirklichkeit kein Kinderfilm.
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