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Die WahrheitAuf in die neue Winzstaaterei

Trump und Putins Größenwahn: Europas beste Antwort darauf? Zerfall in kleinste und allerkleinste Einheiten.

Bild: Rattelschneck

Mitten im herzigen Herzen Deutschlands. Dort liegt zwischen sanften Hügeln und Schneekuppen das seit nun drei Wochen republikunabhängige Schwarzburg-Rudolstadt. Abgekürzt SR. Hingegossen zwischen Coburg und Weimar, ist es ein vielversprechendes politisches Pilotprojekt. Ähnlich vielversprechend sind die Initiativen rund um die Hälfte von Waldeck-Pyrmont, im Jargon WP 1/2, und rund um ein Viertel von Hessen-Homburg, kurz HH-IV.

Mit der deutschlandweit existierenden rechtsextremen Reichsbürgerbewegung, die die Existenz und Legitimität dieser unserer Bundesrepublik verdammt, haben Pilotprojekte wie SR, HH-IV und WP 1/2 nichts zu tun. Im Gegenteil: „Wir finden die BRD äußerst knorke, sie ist einfach nur viel zu groß auf der Landkarte und viel zu übersichtlich, um gegen Trump und Putin zu bestehen“, meint Dieter Drottner beim schnellen Rundgang durch SR, ein 123-Seelen-Tum. „Einen Adeligen haben wir hier ja nicht mehr als Chef, so dass es eben kein Fürsten- oder Herzogtum ist, sondern nur noch ein Tum“, erklärt der 57-Jährige.

Gefördert aus Mitteln der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, einem noch von Claudia Roth genehmigten und dann vergessenen Sonderetat der Kulturstiftung des Bunds sowie übrig gebliebenen Agrarmitteln der Europäischen Union und diversen Lottogeldern arbeiten Drottner und sein 13-köpfiges Team seit Kurzem daran, exemplarisch die BRD auf allerkleinste Einheiten herunterzubrechen. „Im Winzigen und Aberwinzigen liegt eine vehemente Kraft“, erklärt der Diplomwirt von der Fachhochschule Kempten.

„Je kleinteiliger und voller Grenzen, Währungen, Zöllen und verschiedenen Führerscheinen für alles Mögliche umso besser!“, preist der bärtige Experte sein Lebenswerk an. „Da weiß doch kein Schwein mehr, auch der Mann mit der Kappe und der Mann mit dem großen Tisch nicht, woran er eigentlich ist. Und so bleibt alles friedlich beim Alten.“ Wir versuchen ernst zu gucken.

„Im Ernst!“, ruft Drottner. „Jetzt mal ganz im Ernst! Entgegen den Aussagen aus Sonnabendreden, in Meinungsumfragen und von Merz, Macron und Uschi von der Leyen, dass nur Europa als Ganzes gelte und etwas erreichen könne im Angesicht von Trump und Putins Fratzen, sind wir als kommunale Experten zu dem Schluss gekommen, dass wir allüberall in Vielfalt einig schrumpfen müssen.“

Spannend. Wir bitten Drottner, der uns mittlerweile auf eine Zimtschnecke und eine Sinalco in sein winziges Büro am Marktplatz von SR gebeten hat, um eine Präzisierung dieser sowohl verwaltungstechnisch als geopolitisch brisanten Aussage. „Schauen Sie sich doch einfach nur Grönland an! Grönland mit seinen über zwei Millionen an Quadratkilometern und seinen pi mal Daumen 57.000 Einwohnern? Ist viel zu groß und viel zu kompakt für Trump, das weckt doch bloß seinen Kolonialwarenappetit. Grönland muss sich verzwergen! Grönland muss noch kleiner werden, als wir hier in SR!“

Drottner nickt, wir legen die Stirn in mehr Falten, als wir sie haben. „Mit den neuen klasse Erfahrungen unseres Kleinstaats SR und denen der Kollegas von HH-IV und WP 1/2 können wir den Grönländerinnen und Grönländern helfen. Schauen Sie, es ist doch ganz simpel“. Wir nicken einfach. „Sehen Sie da vorne, rechts?“ Wir blicken aus dem Butzenscheibenfenster des Büros. „Da vorne beginnt das Straßenland Kneipehausen. Zehn Häuser, drei Gaststätten, ein Staat.“

Drottner hebt die Faust, „so muss Grönland das auch angehen. Unsere Empfehlung lautet: Alle Straßen und Gassen dort wie Sorlaat, Nuussuaq oder die 400-RTALIK sollten sofort und unwiderruflich eigenständige Grönlandtümer werden. Die Nuussuaq Krone würde dann zum Beispiel ab sofort die Dänische Krone in der Nuussuaq-Straße als Zahlungsmittel ersetzen. Trump und seine Helfershelfer müssten nicht nur mit den Vertreterinnen und Vertretern der Sorlaat-Straße wie auch der 400-RTALIK-Gasse Gespräche führen, sondern mit sämtlich allen Anliegern aller grönländischen Verkehrswege. Und nicht zu vergessen auch mit Natalie Brugseni, die betreibt nahe der Eqalugalinnguit-Esplanade einen ihrer vielen Supermärkte. Der dort ist strategisch besonders wichtig!“

Dieter Drottner ist spürbar in Fahrt gekommen, jetzt öffnet er auch noch das knarzende Butzenscheibenfenster in seinem Büro. Er deutet nun weit nach links die Straße hinunter. Sie wird von einem Jägerzaun durchschnitten. „Sehen Sie, bei Kilometer 0,6 fängt Berg am Klein an, zirka elf Einwohner und drei Ziegen, strenge Zollpolitik! Ohne vorgelegten Fahrtenschwimmer keine Reisepassausgabe.“ Aber man verstünde sich prächtig, alles sei friedlich. Aus der Brüsseler EU-Kommission sei kürzlich auch schon inkognito eine Delegation dagewesen, „um sich mal umzusehen“.

Aktuell experimentieren laut Drottner 13 der 27 EU-Mitgliedsstaaten bereits mit dem Staatsschrumpfprinzip. Die meisten ganz offen, andere unter Tage. Viele Kleinst- und Winzeinheiten, gegen die die restaurativen, knapp 40 Kleinstaaten des Deutschen Bunds zwischen 1815 und 1866 wie Riesenmonster des Wiener Kongresses wirken, viele seien erst während der letzten Monate und Tage entstanden.

Es handle sich dabei um einen direkten Auswuchs, der um geopolitischen Einfluss meist erfolglos buhlenden Europäischen Union, kurz EU, für Einfluss Unternull. Da wären etwa in Spanien die Sagrada Kleinfamília, aber auch Torreminilinos – und das Salzburger Getreidegässchen sowie das Wiener Praterriesenrad in Österreich. Nicht zu vergessen die Oberschultheißerei namens Giorgia Meloni zu Italien.

Doch zurück zum politischen Pilotprojekt SR, zurück in die gute Ideenstube von Dieter Drottner. Der hat sich mittlerweile in seine Kartenecke verzogen. Bewaffnet mit Geodreieck und Zirkel zeichnet er die 3.459 verschiedenen Tümer zwischen Coburg und Weimar auf ein kompaktes Löschblatt. Ganz versunken ist er in diese Herkulesaufgabe der weltpolitischen Kommunalpolitik, so dass wir uns unbemerkt auf Französisch empfehlen können.

Jetzt aber ein süffiges Helles! Wir marschieren in Richtung der Staatsgrenze von Straßenland Kneipehausen. Leider ist dort heute ganztägig Sperrstunde. Mist.

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